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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Viele Hochbetagte sind noch ungeimpft

Seniorin bei Corona-Impfung (dpa)

Hochbetagte über 80 wurden als erste gegen das Coronavirus geimpft - aber nicht alle. Während Altenheimbewohner inzwischen geschützt sind, klafft woanders drei Monate nach dem Impfstart eine große Lücke.

Helga Engelke aus Kassel ist 80 Jahre alt und gerade geimpft, mit Astrazeneca. Danach habe sie zwei Tage Schüttelfrost gehabt, sagt sie. Trotzdem ist sie froh. Sie habe immer wieder bei der Hotline des Landes angerufen, um endlich eine Spritze zu kriegen. Das würden aber längst nicht alle Senioren so machen, glaubt Engelke, die Vorsitzende der Landesseniorenvertretung in Hessen ist. Die Impfkampagne des Landes sei an vielen vorbeigegangen.

Prio-Gruppe 1 noch längst nicht durchgeimpft

hr-Recherchen bestätigen Engelkes Aussage. Demnach haben erst knapp zwei Drittel der Über-80-Jährigen in Hessen die Erstimpfung gegen Covid bekommen. Da das Land dazu keine Angaben macht, hat der hr diese Quote mit Zahlen des Robert-Koch-Instituts näherungsweise berechnet. Daraus ergibt sich eine Zahl von etwa 260.000 Hochbetagten, denen schon die erste von zwei Spritzen gegeben wurde. Laut Statistischem Landesamt leben in Hessen 404.000 Menschen über 80.

Diese Gruppe ist statistisch gesehen besonders gefährdet, aber ein Drittel von ihnen ist - auch drei Monate nach Impfbeginn - noch ungeschützt. Zugleich werden längst Jüngere geimpft, etwa Kita-Beschäftigte, Praxis-Personal und Polizisten. Sie alle gehören zur zweiten Priorisierungsgruppe, die eigentlich nach der ersten geimpft werden sollte. Aber Hessen hat schon Ende Februar begonnen, auch diese Gruppe zu impfen. Die genannten Berufsgruppen kamen oft schneller an Impftermine als Hochbetagte.

Warten auf Termin und mobile Impfteams

Ziel der Aktion war, möglichst schnell den vorhandenen Astrazeneca-Impfstoff zu nutzen. Denn der war damals nicht für Menschen über 65 zugelassen. Es mussten also schnell jüngere Menschen in die Impfzentren gebracht werden.

Inzwischen haben sich die Voraussetzungen umgekehrt: Jetzt sollen gerade Menschen unter 60 den Stoff nicht mehr bekommen, weil in dieser Altersgruppe schwere Nebenwirkungen aufgetreten sind. Der Grund für die schnellen Prio-2-Impfungen ist also längst entfallen. Dennoch gehen sie weiter. Und gerade die Jüngeren bekommen jetzt Impfstoffe von Biontech oder Moderna.

Bis die Über-80-Jährigen weitgehend durchgeimpft sind, wird es wohl Frühsommer. Von den noch Ungeschützten haben immerhin 34.000 einen Termin für ihre Erstimpfung, berichtet das Innenministerium. Die Termine zögen sich aber bis in den Mai. Und rund 15.000 weitere warteten noch darauf, dass ihnen ein Termin zugeteilt wird.

Bewusste Entscheidung oder Einsamkeit?

Dann sind da noch die rund 56.000 immobilen Senioren, die zu Hause geimpft werden möchten. Sie konnten Anfang Januar beantragen, dass ein mobiles Impfteam zu ihnen kommt. Auf dieses Team warten viele bis heute. Erst jetzt sind in den meisten Städten und Kreisen diese Impfungen angelaufen.

Unter dem Strich bleiben rund 40.000 Über-80-Jährige, die weder geimpft noch für eine Impfung angemeldet sind, also rund zehn Prozent aus dieser Altersgruppe. Ob sie sich bewusst gegen die Impfung entschieden haben oder ob ihnen der Weg zum Impftermin zu schwer war, ist unklar. Landesseniorenvertreterin Engelke glaubt, dass manche Senioren die Pandemie ganz allein und zurückgezogen in ihren Wohnungen durchlebten. Der Impfschutz sei für sie ganz weit weg.

SPD sieht "Organisationsversagen"

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Daniela Sommer, nannte das Ergebnis der hr-Recherche "eine Blamage", für die vor allem Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) und Innenminister Peter Beuth (CDU) die Verantwortung trügen. Dass drei Monate nach dem Impfstoffstart 140.000 Seniorinnen und Senioren über 80 Jahren überhaupt noch nicht geimpft wurden und mindestens 15.000 noch nicht einmal einen Impftermin zugesagt bekommen haben, zeuge "von einem potenziell gesundheitsgefährdenden Organisationsversagen", sagte Sommer.

Weitere Informationen

Impfzahlen

Das Robert-Koch-Institut weist für Hessen die Zahl derjenigen aus, die wegen ihres hohen Alters geimpft wurden, allerdings nicht die genaue Altersgruppe. Bis 7. März bekamen in Hessen nur Über-80-Jährige aus Altersgründen eine Impfung (etwa 183.000). Seitdem umfasst die Angabe auch Über-70-Jährige. Geht man näherungsweise davon aus, dass Ü-70 und Ü-80 jeweils die Hälfte ausmachen, kommt man auf 42.000 weitere Erstimpfungen. Dazu kommen die Über-80-Jährigen in den Alten- und Pflegeheimen, die weitgehend durchgeimpft sind (etwa 35.000).

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Sendung: hr-iNFO, 01.04.2021, 6.30 Uhr