Corona Test (dpa)

Die ansteckendere Virus-Variante B.1.1.7 aus Großbritannien breitet sich schnell aus. Die Geschwindigkeit könnte das Ziel einer 7-Tage-Inzidenz von dauerhaft unter 50 in Hessen gefährden, wie Prognosen zeigen. Dennoch gibt es Hoffnung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie sich B.1.1.7 ausbreitet

Auf einer Uhr sind neunzehn Minuten angezeigt: die Zeit, wie oft in Hessen jemand an oder mit Corona stirbt.
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Als Ende Januar das Auftreten der britischen Virus-Mutation in Deutschland erstmals gemessen wurde, war sie für rund 6 Prozent aller Neuansteckungen verantwortlich. Zwei Wochen später hat das Robert-Koch-Institut (RKI) erneut gezählt, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündete am Mittwoch das Ergebnis:

Von 6 auf 22 Prozent ist der Anteil der B.1.1.7-Mutation in Deutschland gestiegen. Der Anteil verdoppele sich etwa wöchentlich, fasste Spahn das Ergebnis der RKI-Studie zusammen.

Dass B.1.1.7 sich einen immer größeren Anteil an den Neuinfektionen nimmt, weiß man aus Daten aus Großbritannien und Dänemark, die die Mutation beide sorgfältig verfolgen. Aber die neuen Daten des RKI erlauben nun auch für Hessen eine neue Rechnung - und die sieht sehr bedrohlich aus.

Wie sich B.1.1.7 ausbreitet

Der Anteil von B.1.1.7 nimmt deshalb zu, weil mit der Mutation Infizierte deutlich ansteckender sind. Während die Zahl herkömmlicher Neuinfektionen abnimmt, nimmt die Zahl der mit B.1.1.7 Infizierten zu. Der beobachtete r-Wert (misst, wieviele andere Menschen ein Corona-Infizierter ansteckt) sagt aus: Ohne die Mutation würde die Zahl der Neuinfizierten sich in etwa 24 Tagen halbieren.

Der r-Wert für die Mutation liegt hingegen deutlich höher. Eine vorläufige Studie aus Großbritannien hatte zuletzt geschätzt, dass B.1.1.7 um 42 bis 83 Prozent ansteckender ist. Die neuen Daten deuten darauf hin, dass die pessimistischste Schätzung zutreffen könnte: Mit den Fallzahlen aus Hessen und den neuen Zahlen aus dem RKI geht die Gleichung auf, wenn man für die Mutation einen um 80 Prozent erhöhten r-Wert von 1,44 annimmt.

In konkreten Zahlen: In der vergangenen Woche etwas über 100 B.1.1.7-Neufälle täglich, diese Woche geschätzt 150, bis Ende Februar hochgerechnet 215 - während die Infektionszahlen des bekannten Corona-Typs weiter sinken.

In Summe mit den übrigen Neuinfektionen mit dem herkömmlichen Virustyp hieße das aber: Hessen unterschreitet selbst bei fortgesetztem Lockdown nie die angestrebte 7-Tage-Inzidenz von 50 - was einem Schnitt von etwa 450 Neufällen entspricht.

Nachfrage bei Fachleuten: Darf man so rechnen?

Optimisten und Pessimisten

An der Universität des Saarlandes beschäftigt sich ein Forscherteam mit der Modellierung, der mathematischen Nachbildung der Pandemie. Die Vorhersagen aus dem "Covid-Simulator" der Forschergruppe nutzen auch wir für die Corona-Datenübersicht auf hessenschau.de. Sie berechnen jetzt erstmals die Ausbreitung der B.1.1.7-Mutation für Hessen mit ein.

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Die Forscher erwarten nicht, dass B.1.1.7 tatsächlich um 80 Prozent ansteckender ist. Für ihre Prognosen nutzen sie einen Wert, den sie aus anderen britischen Studien gezogen haben und der zu ihren Erfahrungen und Rechnungen passt: 33 Prozent beziehungsweise ein Drittel.

Die Modellrechnung stößt dabei an ihre Grenzen, wie Dominik Selzer aus dem Covid-Simulator-Team erläutert: Zum einen breiten sich die Viren sprunghafter aus, als es der r-Wert abbilden kann. Und: Mit B.1.1.7 Infizierte sind länger ansteckend. Zudem sind die Daten zur Ausbreitung von B.1.1.7 in Deutschland vermutlich durch die Auswahl der Tests verzerrt, wie das RKI selbst warnt.

Die Unsicherheiten führen dazu, dass die Forscherinnen und Forscher verschiedene Varianten diskutieren. Selzer berichtet, dass es unter den Prognostikern derzeit durchaus Optimisten und Pessimisten gebe.

Vorbild Großbritannien: Sinkende Fallzahlen trotz Mutation

Die Optimisten haben ein gewichtiges Argument: Großbritannien hat es trotz B.1.1.7 geschafft, das Virus zurückzudrängen. Obwohl inzwischen fast 9 von 10 Ansteckungen auf der britischen Insel auf B.1.1.7 zurückgehen, sinkt die Zahl der Neuinfektionen seit Wochen deutlich - und der britische Lockdown ist mit dem hessischen durchaus vergleichbar. Der Lockdown-Index eines britischen Forschungsinstituts sieht Großbritannien bei einem Wert von 86/100, verglichen mit Deutschland bei 83/100.

Im Detail ist der Lockdown der Briten allerdings doch drastischer als in Hessen, wie die Übersicht der BBC zeigt: Auch dort sind Schulen und Geschäfte geschlossen. Aber es gilt die Regel, dass Haushalte sich überhaupt nicht mit haushaltsfremden Menschen treffen sollen - es sei denn, man teilt sich die Betreuung der Kinder. Und das Haus soll man nur aus triftigem Grund verlassen - die weichere Variante einer Ausgangssperre.

Kreise in Hessen stark unterschiedlich

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Die Modellrechnung zeigt auch, dass sich die Lage in den hessischen Landkreisen und Großstädten deutlich unterscheidet: Auf der einen Seite stehen Regionen wie Kassel, wo man bei schon recht niedrigen Inzidenz-Zahlen weiter auf einem guten Weg ist.

Auf der anderen Seite beispielsweise der Lahn-Dill-Kreis, der immer noch hohe Fallzahlen meldet - und stagniert.

Sendung: hr-iNFO, 17.02.2021, 19.10 Uhr