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Audioseite Virologe Stürmer hält massive vierte Welle für vermeidbar

Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

Hessen will keine Corona-Lockdowns mehr, aber am Inzidenz-Modell festhalten. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer ist froh darüber. Das Land lasse bei den neuen Beschlüssen eine Chance für Schulen aber ungenutzt.

Ob Kaufhäuser oder Schulen: Geht es nach der am Dienstag geänderten Corona-Verordnung der Landesregierung, sind die Zeiten der schlimmsten pandemiebedingten Restriktionen in Hessen vorbei. Wer geimpft oder von Covid-19 genesen ist, soll es im Alltag künftig spürbar leichter haben. Über die neuen Beschlüsse hat hessenschau.de mit dem Virologen Martin Stürmer gesprochen.

hessenschau.de: Herr Dr. Stürmer, wir scheinen die Pandemie jetzt gut im Griff zu haben. Ein Lockdown kommt im neuen hessischen Eskalationskonzept nicht mehr vor. Richtiger Zeitpunkt?

Martin Stürmer: Wir sollten nicht glauben, dass die Pandemie im Grunde vorbei ist und sich das Ganze durch die Impfungen von selbst erledigt. Wir sind noch nicht soweit. Immerhin sieht es derzeit nicht so aus, dass wir eine neue, resistente Virus-Variante dazubekämen, die uns im Herbst noch einmal so richtig Probleme bereiten kann. Das ist nämlich die größte Sorge. Es gibt also Grund zu dem Optimismus, dass wir um einen erneuten Lockdown herumkommen, wie wir ihn bis dato gekannt haben. Allerdings müssen wir beim Impfen noch Tempo machen.

hessenschau.de: Aber die Infektions-Zahlen steigen gerade wieder, größere Städte beschließen deshalb neue Einschränkungen.

Stürmer: Trotzdem spricht einiges dafür, dass wir - wenn überhaupt - nur einzelne, ganz gezielte Maßnahmen treffen müssen, um auf Ausbrüche zu reagieren. Bei den aktuellen, steigenden Inzidenzen sehen wir, dass es sich oft um kleine Geschehen handelt. Das muss man dann mit gezielten Restriktionen wieder in den Griff bekommen.

hessenschau.de: Also keine vierte Welle in Sicht? Es sind ja nicht nur die steigenden Inzidenzen und die Delta-Variante. 56 Prozent aller Hessen sind voll geimpft. Herdenimmunität geht anders.

Stürmer: In eine weitere Welle mit einem massiven Anstieg, bei dem die Kliniken überlastet sind, werden wir trotzdem kaum rutschen. Dafür sitzt die Impfung jetzt schon zu gut. Der aktuelle Anstieg ist zwar deutlich, aber es ist doch ein längerer linearer Anstieg und kein exponentieller, wie wir ihn schon hatten. Das spricht übrigens auch dafür, bei der zukünftigen Betrachtung neben der Inzidenz auch die Hospitalisierungsrate mehr heranzuziehen, zumal die Impfquote noch steigen dürfte.

hessenschau.de: Dann hätte sich die Landesregierung vom Inzidenz-Stufenmodell vielleicht ganz verabschieden sollen. FDP, Linke und SPD kritisieren das. Baden-Württemberg hat sich getraut.

Stürmer: Ich bin ganz froh, dass Hessen da noch vorsichtiger ist und an der inzidenzgesteuerten Regelung festhält. In Baden-Württemberg läuft man schon mehr ins Risiko hinein, das Infektionsgeschehen ohne Inzidenz aus dem Blick zu verlieren. Sie müssen bedenken: Bei der 3-G-Regel droht eine Verlagerung des Infektionsgeschehens ins Private, zumal einige Menschen den Aufwand und die ab Oktober fällig werdenden Kosten für die Tests eher meiden. Und in Baden-Württemberg gelten gleichzeitig keine Einschränkungen mehr bei privaten Veranstaltungen.

hessenschau.de: Auch Schulschließungen soll es in Hessen nicht mehr geben. Ist die Ankündigung zwei Wochen vor Ferienende seriös? Die Impfung der 12- bis 18-Jährigen ist ja gerade erst von der Ständigen Impfkommission empfohlen worden.

Stürmer: Wichtig ist erst einmal: Die Empfehlung nimmt den enormen Druck von den Schülerinnen und Schülern und auch von den Eltern. Und der Zeitpunkt macht deutlich: Die Empfehlung ist rein wissenschaftlich begründet und basiert nicht auf politischen Motiven oder dem Druck, der entstanden war.

hessenschau.de: Aber bis die Impfungen an Schulen durch sind, wird es dauern.

Stürmer: Eine Garantie für flächendeckenden Präsenzunterricht ist vielleicht ein bisschen voreilig. Andererseits haben wir noch zwei Wochen Ferien, dann die drei Wochen Abstand zwischen den beiden Impfungen mit Biontech. Wir können also viele an den Schulen durchgeimpft haben, bevor wir in den Oktober hineingehen. Es bleibt dann aber immer noch die Impflücke bei den Unter-12-Jährigen in den Schulen und Kindergärten.

hessenschau.de: Dafür hätten wir die Tests und an den Schulen ja erst einmal auch noch die Maskenpflicht.

Stürmer: Trotzdem müssen wir immer noch aufpassen, dass uns da nichts entgleitet. Und da hätte ich mir doch mehr erwünscht in Hessen. Wenn ich sehe, dass Bayern zum Beispiel da wirklich ran gehen will und die Lolli-Pool-Testung etabliert…

hessenschau.de: …bei denen Kinder täglich morgens in der Schule an einem Teststreifen lutschen.

Stürmer: Das ist nicht nur weniger unangenehm, sondern auch zuverlässiger als Schnelltests. Mit der Kombination aus Lolli-Tests und Impfung würde ich mich jedenfalls deutlich sicherer fühlen. Vor allem wären dann Masken im Unterricht nicht nötig. Man hört ja, dass Kinder und Lehrer darunter auf Dauer doch ziemlich leiden.

hessenschau.de: Betreiber von Clubs und Discos mussten auch leidensfähig sein. Jetzt dürfen sie die Tanzflächen wieder öffnen - auch zur Freude des Virologen?

Stürmer: Grundsätzlich ja. Aber es ist wichtig, das mit Maß zu machen. Wir haben ja schon gesehen, wie dort das Infektionsgeschehen wieder angefacht wurde. Ich rate in jedem Fall davon ab, die Clubs jetzt schon voll auszulasten.

Das Gespräch führte Wolfgang Türk.