Foto von einer leeren Fußgängerzone, die von unbesetzten und gestapelten Gastronomiestühlen und -tischen gesäumt wird.

Welche Maßnahmen helfen im Kampf gegen Corona wirklich? Wissenschaftler aus Kassel und Gießen fanden heraus: Effektiv sind Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht. Ausgangssperren und Ladenschließungen eher nicht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Studie: Ausgangssperren ohne Wirkung?

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Nächtliche Ausgangssperren sind umstritten. Als Ultima Ratio, als letztes Mittel, hatte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sie vergangene Woche bezeichnet. In der "Bundesnotbremse" wurden sie nach heftiger Kritik der Opposition um eine Stunde verkürzt.

In Hessen hatten um den Jahreswechsel zahlreiche Kreise nächtliche Ausgangssperren verhängt, auf dem Scheitelpunkt der zweiten Welle. Für genau diese Ausgangssperren lässt sich aber nach Überzeugung des Gießener Wirtschaftswissenschaftlers Georg Götz und seiner Mitarbeiter keine Wirkung nachweisen.

Kein Effekt auf Infektionsgeschehen

Die Überlegung der Statistik-Experten: Der Vergleich des Infektionsgeschehens in Kreisen mit nächtlicher Ausgangssperre und Kreisen ohne dieses Mittel müsste Effekte sichtbar werden lassen, wenn es sie gibt - tatsächlich fanden sie allerdings keinen signifikanten Unterschied. In einer Vorab-Veröffentlichung stellen sie ihre Berechnungen nun zur Diskussion: "Unser Ziel ist es, Evidenz zusammenzutragen", sagt Götz, sprich: Belege für und wider einzelne Maßnahmen, auf deren Grundlage die Politik dann entscheiden könne.

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Dafür setzen die Wissenschaftler der Gießener Uni statistische Methoden ein, die sonst beispielsweise genutzt werden, um die Effekte von Mindestlöhnen auf Arbeitsplätze abzuschätzen - die Ähnlichkeit der Methoden erklärt, weshalb sie sich zur fachfremden epidemiologischen Fragestellung äußern.

Auch die Schließung von Geschäften und Freizeiteinrichtungen hat offenbar keinen nachweislichen Effekt auf die Corona-Infektionszahlen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Kassel, die am Dienstag vorab veröffentlicht wurde. Hier verglichen Wirtschaftswissenschaftler die Infektionszahlen aller deutschen Landkreise und kreisfreien Städte während des ersten Lockdowns zwischen Mitte März und Ende April 2020.

Maskenpflicht sehr wirksam

Dabei habe sich gezeigt, dass die Maßnahmen unterschiedlich wirksam waren. Kontaktbeschränkungen und die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr und in Geschäften reduzierten die Ansteckungen laut der Studie jeweils um rund 14 Prozentpunkte. "Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht waren die Säulen des Erfolges, um die Pandemie einzudämmen", betonte Studienleiter Reinhold Kosfeld. Die Studie ist bereits zur Veröffentlichung angenommen.

Durch die Schließung von Schulen und Kitas konnten Ansteckungen um weitere 5,5 Prozentpunkte reduziert werden. Restaurantschließungen hingegen zeigten nur noch eine Wirkung von zwei Prozentpunkten. Die Schließung von Parks, Zoos, Museen und Wellnesseinrichtungen habe einen "kaum feststellbaren Effekt" - ebenso wie die geschlossenen Geschäfte.

"Evidenz für strikte Ausgangssperren sehr gut"

Die Berechnungen der Kasseler und Gießener Wirtschaftswissenschaftler schließen an Diskussionen um die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen an. Eine (ebenfalls vorläufig veröffentlichte) Studie aus Oxford in Regionen aus 17 Ländern wies Ausgangssperren und Geschäftsschließungen durchaus einen deutlichen Effekt zu - wurde aber kritisiert, weil sie völlig unterschiedliche Maßnahmen in verschiedenen Ländern gleich gesetzt hatte.

Dass politische Maßnahmen - sogenannte nicht-pharmazeutische Interventionen - gegen das Virus wirken, ist aber nach Ansicht sowohl der Kasseler als auch Gießener Auswerter unbestritten. So verweist Samuel de Haas, der mit Georg Götz in Gießen forscht, auf Erfahrungen und Daten aus Portugal, Spanien und Großbritannien: Dort hätten strikte Ausgangssperren ihre Wirkung deutlich belegt. "Meiner Meinung nach ist die wissenschaftliche Evidenz sehr gut."

Nächtliche Ausgangssperren allerdings schränken die Kontakte möglicherweise zu wenig ein, um zu wirken. Untersuchungen Berliner Forscher - die statt des Infektionsgeschehens die Mobilität beobachten, also indirekt auf mehr oder weniger Kontakte zu schließen versuchen - zeigen, dass nächtliche Ausgangssperren nur einen kleinen Teil der Bewegungen dämpfen.

Die Zeit, die jetzt in der "Bundesnotbremse" vorgesehen ist - von 22 bis 5 Uhr - betrifft rechnerisch nur 7,4 Prozent der Mobilität.

Sendung: hr-iNFO, 21.04.2021, 13 Uhr