Ein mit einem Ikonenmotiv verziertes Prozellan-Ei

Trotz steigender Corona-Zahlen halten die Kirchen an Ostergottesdiensten unter Abstands- und Hygieneregeln fest - mit dem Segen der Politik. Gläubige sind skeptisch, Gastronomen und Kulturschaffende finden es unfair.

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Audioseite Ostergottesdienste während der Corona-Pandemie

katholischer Geistlicher predigt vor leeren Kirchenbänken, Kameramann filmt
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Die Corona-Infektionszahlen steigen mancherorts bedrohlich, doch die Kirchen wollen grundsätzlich Präsenzgottesdienste zu Ostern abhalten. Das stößt mit Blick auf das Ansteckungsrisiko mitunter auf Unverständnis. Die katholische und evangelische Kirche betonen hingegen, dass sie die Gottesdienste verantwortungsvoll mit Einschränkungen und Hygienekonzepten feiern möchten.

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer hält solche Veranstaltungen aus Mediziner-Sicht derzeit für unangebracht: "Ich halte es für schwierig, dass an Ostern Gottesdienste gefeiert werden. Es gibt schließlich die Empfehlung, unnötige Kontakte dringend zu vermeiden. Daher ist es ein Risiko, das wir uns derzeit nicht leisten sollten", sagte er dem hr. Gerade in kleineren Kirchen und engen Gemeinde-Räumen sei das Risiko noch höher zu bewerten.

Proteste der Kirchen: Ostern wichtigstes Fest

In der Vorwoche lautete nach dem Bund-Länder-Treffen die Empfehlung der Politik: auf Präsenzgottesdienste nach Möglichkeit verzichten, stattdessen virtuelle Angebote über das Internet verbreiten. Danach ging ein Proteststurm der Kirchen durchs Land. Der Limburger Bischof Georg Bätzing sagte als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: "Ostern ist das wichtigste Fest für uns, Gottesdienste sind kein Beiwerk."

Bischof Bätzing steht vor dem Limburger Dom

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) gab den Kirchen nur wenig später einen Freifahrtschein. Die Kirchen dürfen Gottesdienste so feiern, wie sie es auch an Weihnachten mit Hygienekonzepten gemacht haben. Es sei ein erprobtes Verfahren, das sich bewährt habe, hieß es in einer Mitteilung aus der Staatskanzlei.

Regelwerk für Gottesdienste: Du sollst nicht singen

Das Regelwerk für die Kirchen sieht vor: Mindestabstand von 1,50 Metern und Hygienemaßnahen einhalten, Maskenpflicht, Kontaktdatenerfassung und Anmeldung für besonders gut besuchte Gottesdienste. Darüber hinaus soll kein gemeinsamer Gesang stattfinden.

Dass den Kirchen von oberster Stelle grünes Licht gegeben wird, lässt Vertreter anderer Branchen beinahe Rot sehen. Geschäftsführer Julius Wagner vom Landesverband Hessen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) sagt: "Auch wir haben prima funktionierende Hygienekonzepte. Der eine oder andere Gastronom hat das Gefühl, dass der Kirche eine Extra-Wurst gebraten wird." Die Branche sei sauer. Die Politik müsse mehr Fingerspitzengefühl bei der Gleichbehandlung beweisen.

Veranstalter: Es wird mit zweierlei Maß gemessen

Jens Michow, Präsident beim Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, kritisiert: "Ich kann keinen großen Unterschied zwischen einer Kulturveranstaltung und einem Gottesdienst erkennen. Zumal wir unsere Besucher auch im Vorfeld - im Gegensatz zur Kirche - noch Schnelltests unterziehen könnten." Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Politik mit zweierlei Maß messe. "Aber das Wort der Kirchen scheint besonderes Gewicht zu haben."

Die Religionsfreiheit ist ein per Gesetz herausragend geschütztes Grundrecht. Und das gemeinsame Gottesdienstfeiern ist Kern der Religionsausübung. In diesem Bereich dürfen Religionsgemeinschaften unbeeinflusst vom Staat ihren Glauben ausleben - sofern sie nicht gegen allgemeines Recht verstoßen.

Kirchenkritiker sieht Trotzverhalten

Dass die Kirche auf dieses Recht pocht, kritisiert Christian Weisner von der Reformbewegung "Wir sind Kirche". Mit Blick auf Empfehlungen, Mediziner-Warnungen sowie steigende Coronazahlen sagt er: "Manch einem in der Theologie mag es schwer fallen, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuerkennen." Auf ihn wirke es wie ein Trotzverhalten, dass die Kirche ihr Osterprogramm durchboxe. "So schwer es fällt, aber wir müssen uns alle nach der Pandemie richten: Es ist kein gutes Zeichen, wenn die Kirchen etwas einfordern, was der Gesundheit schaden könnte."

Die Kirchen hingegen sehen keine Gefahr. Das Bistum Fulda und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) teilten etwa mit: Es gebe keine Hinweise, dass Gottesdienste Infektionstreiber seien. Das Bistum Limburg betonte: "Niemand wird gezwungen, einen Gottesdienst zu besuchen."

Christian Weisner von "Wir sind Kirche" empfiehlt: Es gebe viele Alternativen zu Präsenzgottesdiensten in Kirchen. Im Internet würden zahlreiche übertragen. Es gebe ja auch noch traditionelle Fernsehgottesdienste.

Präsenz oder online? Entscheidung liegt in Gemeinden

Eine hr-Umfrage in den drei katholischen Bistümern und den beiden evangelischen Landeskirchen ergab kein einheitliches Bild, wie die Kirchen nun verfahren wollen mit Präsenz- und Online-Gottesdiensten. Es wird vielerorts auf ein Mischangebot hinauslaufen. Die Kirchen betonten auch, dass sie die Gottesdienste sicher im Sinne der Richtlinien abhalten. Tenor ist auch: Die Entscheidung, ob Gottesdienste gefeiert werden, liegt in den Gemeinden.

Eine Sprecherin der Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) sagte: "Die Kirchenvorstände sind in ihren Entscheidungen autonom." Und die Kirchenleitung bestärke sie darin.

Empfehlung: ab Inzidenz 200 auf Kirchgang verzichten

Mit Blick auf das Infektionsgeschehen empfiehlt die EKKW ab einer Inzidenz von 200 keine Präsenzgottesdienste mehr. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) teilte mit, dass ab diesem Wert Gottesdienste nur noch digital stattfinden sollen. Ab einer Inzidenz von 100 solle genau geprüft werden, "ob Feiern in Präsenz wirklich nötig sind und digitale Formate nicht eine bessere Möglichkeit sind".

Das Bistum Mainz, dass auch auf hessischem Gebiet liegt, gab zu bedenken: Die Pfarreien seien auch an die aktuellen Regelungen in ihren Landkreisen gebunden. Insofern könne es auch zu regionalen Unterschieden innerhalb eines Bistums kommen. Das Bistum Fulda gab Anregungen heraus, wie man Gottesdienste zu Hause feiern kann.

Sendung: hr4, 30.03.2021, 14.30 Uhr