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Tafeln in Mittelhessen schlagen Alarm

Immer mehr Ukraine-Flüchtlinge kommen in Hessen an. Die Tafeln würden sie gerne versorgen, doch dort fehlen die Lebensmittel. Daran ist auch der Krieg schuld.

Normalerweise ist das Lager der Tafel Gießen so voll, dass man darin kaum einen Schritt gehen kann. Bis auf den Boden stapeln sich palettenweise Lebensmittel. Aktuell sind die Regale nur halb gefüllt. Das Einzige, was es noch reichlich gibt: saure Gurken. Nicht viel besser sieht es im Brotregal aus.

Zu wenig für die 3.200 bedürftigen Menschen, die die Tafel in Gießen wöchentlich versorgt. "Wir mussten bereits anfangen, die Boxen für unsere bestehenden Kundinnen und Kunden nicht mehr so voll zu machen wie bisher. Wir haben einfach zu wenige Lebensmittel", sagt Anna Conrad, die Leiterin der Hilfseinrichtung.

Zwei Jahre Corona haben an der Substanz der Tafeln gezehrt. "Normalerweise gibt es Konfirmandengruppen, die für uns sammeln, oder wir bekommen Geldspenden, wenn Jubiläen gefeiert werden", sagt Conrad. All das sei in den vergangen zwei Jahren weggefallen. Es fehle nun vor allem an haltbaren Lebensmitteln und Spendengeldern.

Bis zu drei Anfragen am Tag von Flüchtlingen

Nun kommt auf sie und viele anderen Tafeln in Hessen eine weitere Herausforderung hinzu: die neu ankommenden Ukraine-Flüchtlinge. Derzeit bekomme allein die Tafel in Gießen bis zu drei neue Anfragen am Tag, sagt Conrad. Und das sei erst der Anfang.

Eine dieser Familien sind die Plugatirews. Durch Zufall waren der 17-jährige Serhii und sein Vater bei den Großeltern in Gießen, als der Krieg in der Ukraine ausbrach. Die 14-jährige Schwester Yevhenija holten sie aus Kiew nach.

"Obst, Salate, Fleisch, sehr leckeres Fleisch haben wir bekommen", erzählt Serhii strahlend, als er von den Lebensmittelspenden berichtet, die er und seine Familie von der Tafel bekamen.

Die Ukrainer Serhii und Yevheniia Plugatirew holen eine Kiste mit Lebensmitteln bei der Tafel Gießen ab

Tafel schon vor Krieg am Limit

Die ukrainische Familie hatte Glück: Als sie vor zwei Wochen verzweifelt vor der Essensausgabe in Gießen stand, erhielt sie nicht nur ein Notfallpaket mit Lebensmitteln. Wenig später wurde sogar einer der sonst ausgebuchten Plätze für regelmäßige Bezieher frei. Die Pluhatynovs können nun jede Woche eine Lebensmittel-Box bei der Tafel Gießen abholen.

Nicht für alle geht das so gut aus, sagt Anna Conrad. Die regulären Plätze seien schon vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs vergeben gewesen. Zwar weise sie niemanden in Not ab. Doch genug Essen, um neue Menschen in die wöchentliche Versorgung zu nehmen, gebe es nicht. "Ich würde gerne noch sagen: Okay, wir nehmen noch einmal zehn Haushalte auf, aber das können wir nicht, weil wir keine Lebensmittel mehr haben", sagt Conrad.

Tafel Frankfurt verzeichnet 80 Prozent weniger Spenden

Für die Leiterin der Gießener Einrichtung eine schreckliche Situation, wie sie sagt: "Wir wollen allen in Not helfen. Aber nach 16 Jahren Tafel muss ich sagen: Es ist das erste Mal, dass es an allem fehlt." Conrad gibt zu bedenken, dass ihr die Entscheidung, eher einer alleinstehenden Schwangeren oder lieber der ukrainischen Flüchtlingsfamilie zu helfen, nicht zustehe.

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Um die angespannte Situation zu meistern, bittet die Tafel Gießen dringend um Sach- und Geldspenden. Bei der Tafel in Frankfurt, Vilbeler Landstraße 15, gibt es am 19. März, 9 bis 14 Uhr, eine Sonderspendenaktion.

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Ein Dilemma. Und kein Einzelfall. Die Frankfurter Tafel berichtet, dass die Lebensmittelspenden in den vergangenen Wochen um 80 Prozent zurückgegangen seien.

Auch der Dachverband der Tafeln in Hessen schlägt Alarm. Er bittet in einem Rundschreiben um Spenden für die Einrichtungen vor Ort, besonders in Landkreisen, die große Massenunterkünfte für Ukraine-Flüchtlinge beherbergen.

Ukraine-Krieg sorgt für mehr Bedürftige - und weniger Lebensmittel

Der Ukraine-Krieg verschärft die Lage der Tafeln zusätzlich. "Viele spenden Konserven und Hygieneprodukte direkt in die Ukraine. Dabei kommen die Flüchtlinge ja auch hier an und müssen versorgt werden", sagt Conrad. Und die bisherigen Kundinnen und Kunden bräuchten ja auch weiter Unterstützung. Wegen Hamsterkäufe, vor allem von Grundnahrungsmitteln, bleibe in Supermärkten noch mal weniger für die Tafeln übrig.

Der Lagerraum der Tafel Gießen - mit fast nur noch sauren Gurken

Norbert Nickel von der Frankfurter Tafel kritisiert: "Die Spendenbereitschaft für die Ukraine ist ganz wichtig und toll. Leider werden hierbei die Probleme vor der Haustür ganz verdrängt oder vergessen."

Einige Tafeln könnten Angebot einschränken

Auch der Vorsitzende der Tafeln in Hessen, Willi Schmid, schaut düster in die Zukunft. Sollte sich die Spendenbereitschaft nicht ändern, sagt er, "fürchte ich, dass einige Tafeln nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei Wochen Lebensmittel ausgeben können".

Das wäre eine schlechte Nachricht für die rund 115.000 Menschen in Hessen, die schon jetzt von den Tafeln versorgt werden. Und für die vielen bedürftigen Flüchtlinge aus der Ukraine auch.

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