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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Corona und Bildung: Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander

Ein Junge steht am Fenster und schaut raus. Er trägt eine OP-Maske. Draußen regnet es.

Kein Platz zum Lernen, Sprachbarrieren, völlig aus dem Fugen geratene Alltagsstrukturen. Pädagogen stellen fest: Kinder aus sozial benachteiligen Familien trifft der Lockdown besonders hart. Manche tauchen sogar komplett ab.

Was Daniel Schröder derzeit aus Familien mitbekommt bereitet ihm "große Sorgenfalten", wie er sagt. Große Sorgen macht dem Sozialpädagogen aber auch all das, was er gerade nicht bekommt - weil manche Kinder und Jugendliche im Lockdown einfach von der Bildfläche verschwunden sind.

Schröder leitet die Archen in Frankfurt. Das christliche Kinder- und Jugendwerk hat hier zwei Anlaufstellen in der Nordweststadt und im Stadtteil Griesheim. Normalerweise gibt es dort gesundes Frühstück und Mittagessen, Spiel- und Sportangebote, Hausaufgabenhilfe und Elterncafés.

Schröder und seine Kollegen stellen nun fest: Der Lockdown und das Homeschooling sei für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen derzeit eine besonders große Herausforderung. "Wir sehen viele Kinder, die überhaupt keine Infrastruktur haben, um überhaupt adäquat am Unterricht teilzunehmen."

Der hr veröffentlichte am Dienstag Ergebnisse einer Umfrage unter Schülerinnen und Schülern, wonach sich 77 Prozent derzeit schlecht fühlen.

Schere geht weiter auseinander

Die Schere der Bildungsgerechtigkeit zwischen Arm und Reich ist in Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin schon recht groß. Das zeigte etwa 2018 erneut die Pisa-Studie. Für Daniel Schröder steht nun fest: In der Corona-Krise geht diese Schere noch weiter auseinander.

Der Sozialpädagoge berichtet: In manchen Familien würden sich viele Kinder ein Zimmer teilen, es gebe keinen Schreibtisch oder immer noch zu wenig Computer für alle Familienmitglieder. Auch Sprachbarrieren sorgten manchmal dafür, dass Eltern ihren Kindern nicht genug bei Schulaufgaben helfen könnten.

Alltagsstrukturen aus den Fugen: 16 Stunden Bildschirmzeit

Die Arche helfe zwar gerade besonders viel bei Hausaufgaben, berichtet Schröder. Insgesamt könne aber nur etwa ein Viertel der Kinder zu den Angeboten kommen. "Wir fragen uns bei vielen: Was machen die eigentlich den ganzen Tag lang?"

Die Alltagsstrukturen seien zum Teil völlig aus den Fugen geraten, erzählt Schröder. "Wir erleben Kinder, die morgens bis 3 oder 4 Uhr am Handy sind." Einmal habe ihm ein Junge am Handy seine Bildschirmzeiten von durchschnittlich 16 Stunden gezeigt. "Die Kinder sind müde und lustlos, sie leiden unter einer großen Perspektivlosigkeit, manche sind permanent im Schlafanzug-Modus und gehen tagelang nicht mehr raus."

Der Sozialpädagoge macht sich konkret Sorgen um langfristige schulische Defizite und steigenden Analphabetismus, aber auch um mehr Übergewicht sowie Handy- und Spielesucht.

Arche Frankfurt

"Die Spannkraft ist raus"

Ähnliches berichtet auch Lene Höflich, Sozialpädagogin im Stadtallendorfer Stadtteil Eichenhain (Marburg-Biedenkopf). Im Stadtteil leben Menschen aus rund 70 Nationen, erklärt Höflich. Viele Bewohner würden in schlecht bezahlten, zum Teil auch prekären Arbeitsverhältnissen in nahegelegenen Industriebetrieben arbeiten.

Höflich leitet im Eichenhain die christliche Stadtteilarbeit Jumpers und lebt selbst vor Ort. "Ich will am liebsten gar nicht so viel Negatives berichten," sagt die Sozialpädagogin. Es sei ihr sehr wichtig, dass auch all die positiven Seiten gesehen würden, die die Menschen hier haben. "Aber mein Eindruck ist, dass bei den Familien im zweiten Lockdown nun einfach die Spannkraft raus ist."

Probleme kommen besonders zum Vorschein

Familien würden unter der Enge in den Wohnungen leiden, erzählt Höflich. "Manche sagen, dass sie den Lärm und das Chaos nicht mehr aushalten." Leider nehme ihrer Wahrnehmung nach auch zum Teil die häusliche Gewalt zu. "Ich habe den Eindruck: Viele Probleme, die vorher schon da waren, kommen jetzt besonders deutlich zum Vorschein."

Auch Jumpers hat in letzter Zeit die Hausaufgabenhilfe ausgebaut. Statt Indoorspielplatz und Skateanlage gibt es dort nun Homeschooling-Hilfe im Stundentakt. 32 Kinder können so jeden Tag in kleinen Gruppen betreut werden, berichtet Höflich. "Wenn Kinder neu zu uns kommen, stellen wir leider immer wieder fest, dass sie die Aufgaben der letzten Wochen gar nicht oder nur lückenhaft gemacht haben."

Schulleiter spricht von "Tauchern"

Auch für Schulen ist es derzeit schwerer als sonst, an Schülern und Schülerinnen dran zu bleiben und ihre Entwicklung im Blick zu haben. Frank Reuber, Schulleiter der Ostschule in Gießen, betont: Es gehe vielen Schülerinnen und Schülern gerade nicht besonders gut - das betreffe nicht nur Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Doch auch er stellt fest, dass die Bildungsungerechtigkeit im Lockdown größer wird.

Im Kollegium habe man inzwischen ein neues Wort für einige der Schülerinnen und Schüler gefunden: "Wir nennen sie Taucher." Reuber erklärt: Manche erscheinen einfach nicht zu Videokonferenzen, sie bearbeiten Aufgaben nicht, sind telefonisch oder per Mail nicht erreichbar. "Wir besprechen das dann teilweise auch mit unserem Schulsozialpädagogen, und es kann auch sein, dass der vor der Tür steht und dann so lange klingelt, bis jemand aufmacht."

"Digitale Lernräume" in Gießen

In der Ostschule habe man nun Leitlinien entwickelt, um Eltern mehr Rückmeldung zum Stand des Homeschoolings zu geben. "Wir sind da sehr an dem Thema dran", sagt Reuber. Außerdem befürwortet er, dass die Stadt Gießen inzwischen in verschiedenen Jugendzentren "digitale Lernräume" geschaffen hat.

Wie in einer Art Co-Working-Space können Schülerinnen und Schüler sich dort Arbeitsplätze buchen und mit eigenen Geräten oder Leihgeräten ihre Homeschooling-Aufgaben erledigen. Auch studentische Hilfskräfte sind bei Fragen vor Ort. Schülern und Schülerinnen, die zu Hause keinen ruhigen Ort zum Lernen finden, rät Schulleiter Reuber dorthin zu gehen. "Ich finde es sehr wichtig, dass Städte jetzt solche individuellen Lösungen finden."

Sendung: hr-iNFO, 23.2.21., 12.11 Uhr