Corona-Proben im Labor

Welche Corona-Maßnahmen die Kommunen ergreifen, hängt viel von der Inzidenz ab. Veröffentlicht wird sie vom Robert-Koch-Institut. Die Kreise haben aber manchmal ganz andere Zahlen. Besonders stark war die Abweichung jetzt im Kreis Marburg-Biedenkopf. Wie kann das sein?

Täglich gibt es neue Zahlen zur Corona-Pandemie. Ganz wichtig ist die Inzidenz. Sie ist die Richtschnur für die Maßnahmen, die die Kreise und Kommunen im Kampf gegen Corona ergreifen. Doch je nach Quelle weichen diese Zahlen mitunter stark voneinander ab. Beispiel Marburg-Biedenkopf. Am Mittwoch meldete der Landkreis eine Inzidenz von 109,9. Das Robert-Koch-Institut (RKI) dagegen gibt für denselben Kreis am Donnerstag nur einen Wert von 55,0 an, also gerade einmal die Hälfte. Wie ist das möglich?

"Wir haben Fragezeichen über unseren Köpfen"

Schon am Vortag lag der Kreis nach eigenen Angaben schon bei deutlich über 70. "Wir haben mitunter auch Fragezeichen über den Köpfen" sagte Kreis-Sprecher Stephan Schienbein am Donnerstag auf Anfrage. Die Zahlen würden täglich an das Hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen (HLPUG) übermittelt und dort auf Plausibilität überprüft. Danach gingen sie an das RKI, das seinerseits ebenfalls die Zahlen noch einmal prüfe.

Zum Teil erklärt sich der Kreis die Differenz damit, dass das RKI für seine Berechnung eine um drei Monate ältere Bevölkerungszahl zugrunde legt. Außerdem würden spät eingehende Laborbefunde, die den Eingangsstempel des gleichen Tages trügen, oft erst am Folgetag weitergeleitet. Doch kann dies die eklatanten Zahlen-Unterschiede erklären?

RKI-Zahlen tendenziell zu niedrig

Tatsächlich scheinen viele Neuinfektionen auf dem Übermittlungsweg zumindest temporär hängenzubleiben und nicht in tagesaktuelle Berechnungen einzufließen. Das RKI räumt denn auch ein, dass seine Zahlen tendenziell zu niedrig seien. "Das ist nicht wirklich zu ändern", sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher.

Bisweilen ergebe sich bei der Übermittlung ein Verzug von bis zu drei Tagen, ehe die Zahlen beim RKI ankämen. In einer dynamischen Entwicklung wie der derzeitigen könnten sich daraus schon mal große Sprünge bei der Inzidenz ergeben. "Da machen 30-40 Fälle schon viel aus", sagte die Sprecherin, besonders dann, wenn die Bevölkerungszahl eines Kreises eher niedrig sei.

Auf der Webseite des RKI heißt es dazu auch: "Durch weitere Ermittlungen der Gesundheitsämter und Plausibilitätsprüfungen kann es zu Nachträgen oder Korrekturen kommen, was vereinzelt zu Abweichungen gegenüber den zuvor berichteten Daten führt."

Landrat rät, sich direkt beim Kreis zu informieren

Auch im Rheingau-Taunus-Kreis sieht man sich immer wieder Anfragen verwirrter Bürgerinnen und Bürger gegenüber. "Die Zahlen weichen aktuell ganz erheblich voneinander ab, je nachdem ob jemand auf die Homepage des Robert-Koch-Instituts (RKI) oder im Bulletin des Hessischen Sozialministeriums (HMSI) oder auf der Kreis-Homepage unterwegs ist", teilte der Kreis mit. Am Montag habe die Inzidenz dort bei 62,6 gelegen. Das RKI meldete dagegen für den gleichen Tag einen Wert von 42,2.

Der Kreis beharrt darauf, dass seine Angaben valide seien. "Die Zahlen auf der Homepage des Kreises sind korrekt", stellte Landrat Frank Kilian klar und appellierte an die Bürger, sich dort zu informieren. "Die Bürger müssen den korrekten Inzidenzwert kennen, um die Grundlage für unser Handeln zu verstehen", so Kilian.

Dass die lokalen Entscheidungen über Corona-Maßnahmen nicht unbedingt von den Angaben des RKI abhängig gemacht werden, davon geht Glasmacher aus. "Man wird in einem Landkreis nicht bei 49,9 im Liegestuhl liegen und plötzlich aufspringen, wenn wir 50 melden", sagt sie.

Weitere Informationen

Inzidenz und Eskalationskonzept

Das Eskalationskonzept beinhaltet ein gestuftes Vorgehen zur Bekämpfung der Pandemie

Die 7-Tage-Inzidenz ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen binnen einer Woche, bezogen auf 100.000 Einwohner. Hat eine Kommune zum Beispiel 50 Neuinfektionen und 100.000 Einwohner, so beträgt die 7-Tage-Inzidenz 50. Bei gleicher Zahl an Neuinfektionen und 200.000 Einwohnern würde der Wert 25 betragen. Die Inzidenz ist wichtig im Eskalationskonzept des Landes. Danach richten die Kreise und Kommunen ihre Maßnahmen aus.

Ende der weiteren Informationen