Ein sanierungsbedürftiges, kastiges Gebäude aus den 60er Jahren

Klassenfahrten finden derzeit nicht statt. Die Jugendherbergen in Gießen, Weilburg und Zwingenberg geben wegen des ausbleibenden Geschäfts auf. Auch andere Häuser trifft die Pandemie hart.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gießen, Weilburg, Zwingenberg: Drei hessische Jugendherbergen müssen schließen

Altes Gebäude
Ende des Audiobeitrags

Gähnende Stille, wo sonst Stockbetten knarzen. Leergefegte Flure, wo sonst Lehrer patrouillieren. Ungenutzte Speisesäle, wo sonst Früchtetee geschlürft wird und Erinnerungen für ein ganzes Leben entstehen. Seit März finden in Hessen corona-bedingt keine Klassenfahrten statt - der Betrieb der Jugendherbergen ist vielerorts quasi zum Erliegen gekommen.

Nun ist das Damoklesschwert gefallen, das seit Beginn der Pandemie über den Jugendherbergen schwebte - daran konnte offenkundig auch eine Million Euro Soforthilfe wenig ändern, die im Mai vom Sozialministerium zugesagt wurde.

Drei der 30 Jugendherbergen im Land müssen bis zum Jahresende dauerhaft schließen, wie der hessische Jugendherbergsverband (DJH Hessen) mitteilt: Es trifft zwei mittelhessische Jugendherbergen in Gießen und Weilburg sowie die Einrichtung im südhessischen Zwingenberg (Bergstraße).

"Wir sehen keine andere Möglichkeit"

Der DJH-Hessen-Vorstandsvorsitzende Timo Neumann berichtet: "Es fallen dieses Jahr 75 Prozent der Buchungen weg." Das Problem sei zudem, dass es an einigen Standorten schon vor der Krise einen großen Investitionsstau und wirtschaftliche Probleme gegeben habe: renovierungsbedürftige Sanitäranlagen, zu viele große Mehrbettzimmer oder eine ungünstige Lage.

Um alle Häuser zu erhalten, hätte man einen hohen siebenstelligen Betrag investieren müssen, sagt Neumann. Nun sehe der Verband keine andere Möglichkeit, als die Häuser mit den schlechtesten Zukunftsaussichten zu schließen.

Weitere Sorgenkinder

Doch der DJH Hessen hat weitere Sorgenkinder: Die Jugendherbergen in Marburg, Rüdesheim (Rheingau-Taunus) und Wetzlar seien ebenfalls stark renovierungsbedürftig. Der Umbau liege jedoch auf Eis. Der DJH Hessen zehrt nach eigenen Angaben gerade von den Rücklagen, die dafür vorgesehen waren.

Altes Gebäude

In der derzeit unsicheren Lage Bauaufträge in Millionenhöhe zu vergeben - für Timo Neumann wäre das ohnehin völlig undenkbar. Der DJH Hessen rechnet noch für das gesamte nächste Jahr mit starken Einbußen, wie er sagt. Wenn es dabei bleibe, müsse man hoffentlich keine weiteren Herbergen schließen.

Betroffene Herbergseltern: "Nicht mit anderen Jobs vergleichbar"

Die Betroffenheit in den Häusern sei groß, berichtet der DJH Hessen Vorstand. Manche Herbergseltern seien seit 30 Jahren im Dienst, sagt Neumann: "Das ist nicht mit anderen Jobs vergleichbar, sondern für viele eine echte Berufung." Dennoch habe es bei den Betroffenen auch Verständnis dafür gegeben, "dass man nicht den ganzen Landesverband mit in den Abgrund stürzen kann". 25 Mitarbeiter seien unmittelbar von der Schließung der drei Jugendherbergen betroffen.

Videobeitrag

Video

zum Video Drei Jugendherbergen schließen wegen Corona

startbild-nf
Ende des Videobeitrags

Die hessische Hauselternsprecherin Lilli Scheffke berichtet: Es gehe nicht nur um drei Gebäude, sondern auch um die Kollegen und die vielen Geschichten, die die Gäste vor Ort erlebt hätten. Es seien "schlimme Zeiten" für das Jugendherbergswerk, findet Scheffke.

Scheffke leitet mit ihrem Mann die Jugendherberge in Oberreifenberg (Hochtaunuskreis) nahe des Großen Feldbergs. Sie berichtet: Nachdem die Schulklassen weggeblieben waren, meldeten sich in den Ferien mehr Familien für einen Urlaub in den Jugendherbergen an.

"Aber das hat nicht gereicht", sagt Scheffke. Die Herbergseltern hätten große Hoffnung darauf gesetzt, dass nach den Ferien wieder Klassenfahrten stattfinden können. Die Nachricht, dass sie noch bis mindestens Anfang des kommenden Jahres untersagt bleiben, sei ein Schock gewesen.

Wann finden wieder Klassenfahrten statt?

Wann und unter welchen Bedingungen es wieder Klassenfahrten geben wird, ist unklar. Aktuell gilt das Verbot in Hessen bis 31. Januar 2021. DJH-Landeschef Neumann hofft auf Buchungen für das zweite Halbjahr und weist darauf hin, dass Klassenfahrten in anderen Bundesländern bereits jetzt wieder möglich seien. Man habe außerdem flexible Stornierungsmöglichkeiten geschaffen.

Timo Neumann betont: Es gehe dabei nicht nur um das Überleben der Jugendherbergen. Auch aus pädagogischer und sozialer Sicht seien Schulfahrten auf Dauer unverzichtbar: "Gerade jetzt, wo Klassen lange auseinander waren oder sich neu zusammenzufinden, ist das 'informelle Lernen' bei Klassenfahrten enorm wichtig." Das hätten viele Pädagogen bestätigt.

Sendung: hr1, 31.08.2020, 10.45 Uhr