Eine Pflegekraft begleitet eine alte Frau im Pflegeheim

Mehrere Todesfälle, dutzende Infizierte: Das Coronavirus bedroht Bewohner und Personal in Senioren- und Pflegeheimen besonders. Schutzausrüstung ist knapp oder fehlt. Mal wird selbst genäht, mal hilft der Rettungsdienst.

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hessen extra vom 01.04.
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Den Mangel gab es schon vor der Corona-Krise. Nun müssen Angestellte sich in höchster Not Stoffmasken zum Teil selbst nähen, weil das besser ist als nichts. "Hochanstrengend" nannte Dagmar Jung, Leiterin der Abteilung Pflege der Diakonie Hessen, vor einigen Tagen im hr die Lage in den Heimen. Und sie verband das mit dem Befund: Das Sozialministerium habe in puncto Ausstattung und Information nach Ausbruch der Pandemie zunächst vor allem die Kliniken und zu wenig die Pflege im Blick gehabt.

Eine Folge hatte diese Kritik: Inzwischen sei ein Vertreter der hessischen Wohlfahrtsverbände in den für das Thema Gesundheit zuständigen Krisenstab im Sozialministerium aufgenommen worden, teilte Jung auf Anfrage mit. Mehrere Todesfälle in hessischen Altenheimen hatten zuvor gezeigt, wo die Krankheit Covid-19 sich besonders schlimm unter der am meisten gefährdeten Risikogruppe der alten, kranken Menschen auszubreiten droht. Und zu lange waren die Pflegeeinrichtungen nach Erfahrung Jungs bei der Verteilung von Schutzausrüstung gegen das Coronavirus nicht ausreichend bedacht worden.

Probleme bei der Materialbeschaffung

Die Situation sei sehr unterschiedlich, heißt es vom Ambulanter Stationärer Pflegeverband. Wer derzeit auf Netzwerke zurückgreifen könne, sei im Vorteil bei der Versorgung mit Ausrüstung. Ähnliches ist von privaten Betreibern wie der Unternehmensgruppe Korian zu hören.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Hessen-Süd teilte am Montag mit, dass in ihren 21 Häusern derzeit zwar noch Schutzausstattung für die Beschäftigten vorhanden sei: "Allerdings wird diese, wie überall, zunehmend knapp." Die Behörden hätten inzwischen Masken und Desinfektionsmittel verteilt, "jedoch in Mengen, die leider nur wenige Tage ausreichen".

Verschärfend wirke, dass es immer schwerer werde, neues Material auf dem Markt zu erhalten, hieß es von der AWO. Teilweise kosteten die Materialien inzwischen das Dreifache. Die Lagerbestände an Handdesinfektionsmittel und Mundschutz seien bald aufgebraucht. Die Beschaffung beschäftige den AWO-Führungsstab intensiv. Erfreulich seien viele Spenden von selbstgenähtem Mundschutz. "Dafür sind wir sehr dankbar."

Besuchsverbot in AWO-Heimen seit Mitte März

"Die Angst vor einer Ansteckung ist eine zusätzliche extreme Belastung", gab die Diakonie-Verantwortliche Jung mit Blick auf das Personal in den Einrichtungen zu bedenken. Dabei geht es um die Gesundheit der Beschäftigten selbst, aber eben auch um die der durch Ansteckung bedrohten Heimbewohner. Infizierte oder gar erkrankte Mitarbeiter fehlen zudem in einer Zeit, wo jeder dringend gebraucht wird.

Die Arbeiterwohlfahrt betont: Häuser ergiffen in Zeiten hoher Ansteckungsgefahr, etwa während der Grippe-Saison, grundsätzlich vorbeugende Maßnahmen. Schon Mitte März habe man ein Besuchsverbot für Angehörige, externe Dienstleister und zum Beispiel Alleinunterhalter verhängt. Lieferanten dürften nur noch bis zum Eingang kommen.

Seit Anfang April gilt ein von der Landesregierung ausgesprochenes, generelles Besuchsverbot in Kliniken und Heimen. Es sieht nur Ausnahmen vor, wenn Heimbewohner im Sterben liegen.

"Dringend auf Schutzkleidung angewiesen"

Unter den vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Hessen betriebenen Einrichtungen sind drei von Sars-CoV-2-Infektionen betroffen: Häuser in Haiger und Herborn (beide Lahn-Dill) und in Treysa (Schwalm-Eder). Das DRK habe zusammen mit den Gesundheitsämtern umfassende Schutzmaßnahmen angeordnet, entsprechende Besuchsverbote seien schon vorher erlassen worden, berichtete eine Sprecherin.

Schutzausrüstung habe das Personal aus Reserven des DRK-Rettungsdienstes erhalten - eine "absolute Ausnahme", wie die Sprecherin sagte. Das Personal brauche dringend die gegen Ansteckungen hochwirksamen FFP2- Masken, Desinfektionsmittel, Schutzkittel und Schutzbrillen. Das Land Hessen habe OP-Masken über die Landkreise an die Pflegedienste und Pflegeeinrichtungen verteilt.

DRK-Präsidentin warnt vor Patientenflut

"Diese Masken verringern aber allenfalls das Risiko, dass infizierte Menschen andere anstecken. Vor Infektionen selbst schützen sie nicht", sagte die Sprecherin. Sie findet die Situation "gravierend" und verwies darauf, was DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt am Montag den Zeitungen der Funke-Medien-Gruppe gesagt hatte: "Wenn wir nicht aufpassen, werden die Krankenhäuser in den nächsten Wochen viele Patienten aus Pflegeheimen zur Behandlung gegen das Coronavirus aufnehmen müssen."

Sendung: hr-fernsehen, hessen extra: Corona und die Älteren, 01.04.2020, 20.30 Uhr