Altenpflege

Die Coronavirus-Pandemie stellt die Pflegebranche in Hessen vor ungekannte Herausforderungen: Patienten lassen aus Angst vor dem Virus keine Ambulanz-Mitarbeiter mehr zu sich. Betreuungsdienste finden nur noch schwer neues Personal aus Osteuropa.

Für viele ambulante Pflege- und Betreuungsdienste in Hessen verschärft die Coronavirus-Pandemie bestehende Probleme und schafft zusätzlich neue. Dabei gibt es Unterschiede zwischen großen und kleinen Betrieben.

Material fehlt, Kunden springen ab

Mehrere Pflegedienste berichten von akuten Engpässen bei Desinfektionsmitteln, Handschuhen und Mundschutzen. "Zum Glück haben wir ein Riesenlager", sagt Patrick Kremer vom Pflegedienst Kremer aus Hammersbach (Main-Kinzig). Denn: "Aktuell ist nichts lieferbar." Zudem beklagt Kremer Umsatzeinbußen von bis zu 40 Prozent, weil immer mehr Patienten kündigten. Viele hätten Angst, sich bei Pflegern anzustecken und ließen sich deshalb von Angehörigen pflegen. Diese Angst sei aber unbegründet, sagt Kremer. Denn Pflegedienste hielten deutlich höhere Hygienestandards ein als andere Besucher.

Personalmangel sei in seinem Unternehmen gerade kein Thema, betont Kremer. Aber: "Gerade die kleinen Pflegedienste gehen auf dem Zahnfleisch." Wenn es nur wenige Mitarbeiter gebe, sei bei einem einzigen Corona-Fall der Betrieb gefährdet.

Die Diakoniestation Gießen sieht sich trotz einiger Probleme angemessen vorbereitet auf die Corona-Krise. Zwar wird auch hier das Hygiene-Material knapp, erklärt Pflegedienstleiterin Carola Schiffner. Aber besondere Personalprobleme gebe es wegen des Coronavirus noch nicht. Einige Mitarbeiter seien im Moment als Reserve nicht im Dienst für den Fall, dass sich jemand im Team mit dem Coronavirus anstecken sollte. Allerdings: in diesem Fall könne man die Patienten nicht mehr wie gewohnt versorgen. Dann soll ein Notfallplan in Kraft treten. Der sieht vor, dass die Pfleger sich auf besonders Pflegebedürftige konzentrieren und weniger häufig zu den selbstständigeren Patienten kommen.

Osteuropäische Pflegekräfte meiden Deutschland

Einen besonders spürbaren Mangel an Personal wegen der Coronavirus-Pandemie gibt es im Moment bei Agenturen, die Pflegekräfte für die sogenannte 24-Stunden-Betreuung vermitteln. Solche Betreuer kommen hauptsächlich aus dem osteuropäischen Ausland nach Hessen. Sie wohnen in der Regel für einige Monate bei Pflegebedürftigen zuhause und unterstützen sie im Alltag.

Doch wegen der Ansteckungsgefahr schrecken offenbar viele Betreuungskräfte aus Osteuropa vor einem Einsatz in Deutschland zurück. Beate Dubiel von der Agentur "Pflegevermittlung Hessen" aus Stadtallendorf (Kreis Marburg-Biedenkopf) schätzt, dass aktuell nur rund die Hälfte des geplanten Personals nach Deutschland kommt. Der Grund dafür sei, dass viele Betreuungskräfte Angst hätten, sich in Deutschland mit dem Coronavirus anzustecken.

Aber: "Es gibt noch Frauen, die aus Geldnot herkommen wollen, weil sie auf diesen Job angewiesen sind." Aufgefangen wird der Personalmangel außerdem dadurch, dass diejenigen, die schon in Deutschland arbeiten, ihre Einsätze verlängern. Denn eine Reise zurück nach Polen sei im Moment angesichts von Staus an den Grenzübergängen sowieso schwierig, erklärt Dubiel.

Ähnlichen Personalmangel hat die Agentur "Vita Fonfara" aus Taunusstein (Rheingau-Taunus). Sie vermittelt Betreuungskräfte unter anderem aus Polen, Tschechien und Bulgarien nach Hessen. Kundenbetreuerin Sylvia Rompel berichtet von verzweifelten Familien, die momentan keine 24-Stunden-Betreuung finden. Die Bestandskunden würden zwar weiter betreut, weil viele Betreuer ihren Einsatz in Deutschland verlängert hätten. Neue Anfragen seien aber gerade schwer zu erfüllen.

Gewerkschaft fordert bessere Arbeitsbedingungen

Auch die Gewerkschaft Verdi sieht die aktuelle Pandemie als große Herausforderung für die Pflegebranche. Sylvia Bühler, bei Verdi zuständig für Gesundheitspolitik, sagt: "Auch ohne Coronavirus ist die Personalsituation in der Altenpflege sehr angespannt. Jetzt wird die Lage noch schwieriger."

Bühler fordert von der Politik, die Arbeitsbedingungen in der Pflege auch über die Krise hinaus zu verbessern: "Die Beschäftigten erwarten, dass man Zusagen macht, die nachhaltig wirken, dass es eine gute Personalausstattung und eine faire Entlohnung gibt."