Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

Ein Mann aus Frankfurt hat sich nachweislich mit der hochansteckenden Corona-Mutation aus Großbritannien infiziert. Virologe Martin Stürmer drängt dazu, nun flächendeckend positive Corona-Proben auf Mutationen zu untersuchen. Unter Umständen müssten die Corona-Regeln verschärft werden.

Die Coronavirus-Mutation B.1.1.7 aus Großbritannien ist erstmals in Hessen nachgewiesen worden. Der infizierte Mann aus Frankfurt wird nach Angaben des Sozialministeriums intensivmedizinisch behandelt. Vor Weihnachten wurde bereits in anderen Bundesländern die neue Coronavirus-Variante entdeckt. Sie gilt als deutlich ansteckender.

Was bedeutet das nun? Reichen die aktuellen Maßnahmen aus, um dieses neue Virus aufzuhalten? Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer beantwortet die wichtigsten Fragen zur Coronavirus-Mutation aus Großbritannien.

hessenschau.de: Die neue Virus-Variante gilt als hochansteckend. Was bedeutet das für die derzeitigen Corona-Maßnahmen?

Martin Stürmer: Um die Verbreitung aufzuhalten, müssen wir erst einmal wissen, wie verbreitet die Mutation bereits ist. Im Augenblick fischen wir absolut im Trüben. Wenn ich sehen kann, dass die Mutation möglicherweise vermehrt da ist, kann ich einschätzen, ob die Maßnahmen helfen, die Verbreitung einzudämmen. In Großbritannen hat man gesehen, dass man trotz der neuen Mutation gut mit den AHA+L (Anmerk. d. Red.: Abkürzung für Abstand, Hygiene, Alltagsmaske + Lüften) Regeln arbeiten kann. Aber es nützt nichts, wenn wir die Regeln nur halbherzig einhalten.

Unabhängig von dem Vorhandensein der Mutation wird uns das konsequente Umsetzen der Maßnahmen helfen, das Infektionsgeschehen wieder besser kontrollieren zu können. Aber unter Umständen muss man tatsächlich - und da sollte man ganz offen sein - die Regeln weiter verschärfen, wenn die Zahlen sich nicht deutlich verbessern. Auch wenn wir die Verbreitung der Varianten nicht genau kennen.

hessenschau.de: Was genau wissen wir über die Ausbreitung der neuen Coronavirus-Variante?

Martin Stürmer: Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Mutation aktuell schon flächendeckend in Deutschland ausgebreitet hat. Sonst wären die Meldungen über solche Fälle schon häufiger eingetreten als bisher bekannt. Wir sollten es aber tunlichst vermeiden, dass sich das Virus derart ausbreitet - auch wenn wir das vielleicht gar nicht verhindern können. Wenn man aber weiß, wie verbreitet es ist, dann kann man damit auch ganz anders arbeiten.

hessenschau.de: Wieso wissen wir so wenig über die Mutationen?

Martin Stürmer: Es wird aktuell nur ein Bruchteil von positiven Corona-Testergebnissen auf Corona-Mutationen untersucht. Das ist in Deutschland bei Weitem nicht so wie in anderen Ländern. Vorbilder sind da die skandinavischen Länder oder Großbritannien.

Sicherlich wird Christian Drosten am Berliner Charité routinemäßig diese Analysen durchführen - es ist aber unklar, ob er nur Proben aus seinem Kollektiv nimmt oder Proben quer aus Deutschland bekommt. Aus den politischen Äußerungen von Frau Merkel und Gesundheitsminister Spahn lese ich, dass das in Deutschland noch nicht flächendeckend und stringent organisiert ist.

hessenschau.de: Was müsste jetzt getan werden?

Martin Stürmer: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte zuletzt mitgeteilt, dass nun auch mehr Labore in Deutschland die positiven Tests auf Mutationen prüfen sollen. Hierzu sollten auf keinen Fall neue Sequenzierungseinheiten - also neue Labore - aufgebaut werden. Wir kriegen es zeitnah nicht hin, aus solchen neuen Einheiten die nötigen Daten zu generieren.

Es wäre wichtig, die bestehenden organisatorischen Strukturen zu bündeln und die Expertisen zu nutzen, um das Ganze möglichst schnell bewerkstelligen zu können. Dafür muss man das Rad nicht neu erfinden und nicht extra Geld für neue Einheiten ausgeben. Es gibt einige Labore, die sich mit der speziellen Technik auskennen. 250.000 Euro würde eine neue Geräteausstattung etwa kosten - und bei zu erwartenden Bestellwartezeiten für die Ausrüstung von einem Vierteljahr bringt das Ganze kurz- und mittelfristig nichts.

Der Bund sollte den vorhandenen Sequenzierlaboren eine Datenbank zur Verfügung stellen, wo die Sequenzen eingespielt und ausgewertet werden. Labore könnten dann gegen eine Entschädigung regional positive Proben sequenzieren.

hessenschau.de: Bayern führt eine FFP2-Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr ein. Sollte Hessen nachziehen?

Martin Stürmer: Letztendlich wissen wir nicht, ob die verschärfte Maskenpflicht hilft, die Ausbreitung des neuen Virus zu verhindern. Ich bin der Ansicht, dass es aktuell nicht entscheidend ist, ob ich eine FFP2-Maske oder eine Stoffmaske unter der Nase trage. Es ist im Augenblick eher wichtig, dass wir alle verstehen, worum es hier geht. Die bestehenden Maßnahmen müssen konsequenter umgesetzt und kontrolliert werden.

Gerade im Hinblick auf die Mutationen ist es noch wichtiger, sich daran zu halten. Sonst ist es möglich, dass wir noch tiefer in das Infektionsgeschehen reinrutschen und bestehende Maßnahmen verschärft werden. Eine gutsitzende Stoffmaske vor der Nase ist mir lieber als eine FFP2-Maske unter der Nase. Das sehe ich in der Öffentlichkeit immer wieder und sehe darin definitiv das Problem.

Das Gespräch führte Sophia Averesch.

Sendung: hr-iNFO, 13.01.2020, 16 Uhr