Lehrerin geht mit Maske durch die Reihen

Zum Start der Herbstferien hat die Bildungsgewerkschaft GEW der Landesregierung für die Corona-Maßnahmen in Schulen ein schlechtes Zwischenzeugnis ausgestellt. Kritik hagelt es auch von Eltern- und Schülervertretern. Sorgenvoll schauen die Schulen auf die Zeit nach den Ferien.

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hessenschau vom 02.10.2020
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Der Start ins neue Schuljahr war holprig: Nur eine Woche nach den Sommerferien waren in der Albertus-Magnus-Schule in Viernheim (Bergstraße) zwei Schüler aus der Jahrgangsstufe 10 und 11 positiv auf das Coronavirus getestet worden. Also mussten gleich zwei ganze Jahrgangstufen zuhause bleiben. Einige Schüler sogar in Quarantäne. "Das war erst einmal ein Schock", erinnert sich Schulleiter Ursula Kubera. Betroffen waren auch Lehrer.

Tausende Schüler und hunderte Lehrer mussten zu Hause bleiben

Mitte August hatte für mehr als 760.000 hessische Schüler das Schuljahr begonnen. Damals war schon klar: Ein normaler Schulbetrieb wie vor Corona konnte es nicht werden. Zwar verzichtete das Land auf eine generelle Maskenpflicht in Klassenzimmern. Doch Hygieneregeln wurden festgelegt.

Zudem galt für Schüler zwar wieder eine Präsenzpflicht. Doch digitale Angebote sollten den Unterricht ergänzen. Bei Coronavirus-Infektionen ordneten die örtlichen Gesundheitsbehörden immer wieder Quarantäne an: mal für Lerngruppen, mal für komplette Jahrgänge, mal wurden Schulen geschlossen.

Mehr als 5.560 Schüler mussten nach Angaben des Kultusministeriums zumindest zeitweise zu Hause bleiben. Bei den Lehrern waren es 574 Lehrkräfte. Seit Schuljahresbeginn seien 16 von 1.795 Schulen zeitweise wegen positiver Corona-Tests geschlossen worden. Das Fazit des Landes: "Bewährt hat sich, dass die lokalen Gesundheitsbehörden je nach Infektionslage eine Verschärfung der Maskenpflicht für das Tragen im Unterricht anordnen können", sagte ein Sprecher des Kultusministeriums.

Sorgenvoller Blick auf Herbst und Winter

Es herrsche inzwischen eine größere Gelassenheit, weil besser abzuschätzen sei, was das Coronavirus für die Schule bedeute, bilanziert Schulleiterin Kubera. "Aber normal finde ich diesen Zustand noch nicht", sagt sie. Mit Sorge blickt sie auf Herbst und Winter, wenn die Fenster wegen der Kälte nicht ständig offen sein können. "Mein Wunsch wäre, schon nochmal drüber nachzudenken, ob wir nicht so eine Lösung wie vor den Sommerferien finden" - also Schule digital und von Zuhause.

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Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) blickt mit Sorge auf den Rest des Schuljahres. "Es sind überhaupt keine Vorkehrungen getroffen, wie wir im Herbst und Winter unter Corona-Bedingungen zurechtkommen sollen", sagte die GEW-Vorsitzende Birgit Koch. Man habe in den Schulen immer noch "viel zu viele Menschen viel zu lange Zeit und in viel zu kleinen Räumen ohne Abstand und ohne Mund-Nasen-Schutz". Mancherorts seien nicht einmal alle Klassenräume ausreichend belüftbar.

GEW: Landesregierung hat Zeit nicht genutzt

GEW-Vorsitzende Koch stellt dem Land auch in anderen Fragen schlechte Noten aus. "Das hessische Kultusministerium hat die Sommerferien nicht genutzt, um entsprechend zielführende Dinge auf den Weg zu bringen, die einen geregelten Schulalltag unter Corona-Bedingungen ermöglichen." Dazu gehöre die Anbindung aller Schulen an ein digitales Schulportal, ein hessenweit einheitliches Videokonferenzsystem. Aber auch im Landtag hagelte es zuletzt heftige Kritik von der Opposition für die Corona-Schulpolitik des Landesregierung.

Kritik kommt auch vom Landeselternbeirat: "Es gibt einige Punkte, bei denen der Schuh ganz schön heftig drückt", sagt Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats. So seien die Eltern mit den Bustransporten zu den Schulen nicht zufrieden, diese fänden unter völlig unterschiedlichen Hygienebedingungen statt. "Auch bei der Digitalisierung haben wir Bauchschmerzen." Das Stoßlüften der Klassenräume werde angesichts des Herbstwetters zum Problem: "Seit letzter Woche bekommen wir vermehrt Meldungen, dass Kinder sich krank fühlen."

Wie man darauf reagieren könne, dazu gebe es zwar Ideen. "Es fehlt aber ein Regisseur, der sagt: Ich habe den Überblick."

Landesschulsprecher: Leere Versprechungen bei Digitalisierung

Landesschulsprecher Paul Harder sagt, die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass Unterricht zuhause nicht funktioniere: "Viele Schüler sind froh, wieder zur Schule zu gehen", sagt er. "Die Lehrer sind dafür nicht ausgebildet, Geräte fehlen, für die Digitalisierung wurde viel zu wenig gemacht." Harder kritisiert "leere Versprechungen" des Kultusministeriums:

Das Schulportal als digitale Kommunikationsmöglichkeit für Lehrkräfte und Datenablage stehe entgegen Ankündigungen des Landes weiter nur der Hälfte der Schule zur Verfügung, Funktionen fehlten. Bei positiven Corona-Tests an ihrer Schule fühlten sich die Schüler zudem nicht ausreichend informiert. Auch wenn es nur Einzelfälle gebe, wolle man darüber in Kenntnis gesetzt werden.

Und wie geht es nach den Herbstferien weiter? Nicht nur deutschlandweit, sondern auch in Hessen steigen derzeit wieder die Coronazahlen. In Offenbach etwa verzeichnete das Robert Koch-Institut am Freitag eine Inzidenz von 32,6. Dort hat die Stadt nun für Schüler an weiterführenden Schulen nach den Herbstferien eine siebentägige Maskenpflicht im Unterricht angeordnet. Sollte die Inzidenz nach den Ferien über 50 liegen, sollen nach Angaben der Stadt sogar Grundschüler eine Maske tragen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 02.10.2020, 16.45 Uhr

Ihre Kommentare Wie sieht Ihre Schulbilanz nach sieben Wochen Unterricht unter Coronabedingungen aus?

52 Kommentare

  • Unsere Grundschule hat das super gemeistert! 7 Wochen Unterricht verliefen gut! Selbst die erste Mathearbeit schnitt gut ab.
    Wir hatten 1 covid-19 fall an der ganzen Schule - in der ganzen Zeit !! Das Hygienekonzept ist gut durchdacht.

    Danke an die LeherInnen und Schulleitung.

    Ich sehe es optimistisch was den Verlauf nach den Ferien angeht.

  • Ich habe zwar keine schulpflichtigen Kinder, jedoch möchte ich meine persönliche Meinung äußern.
    Ich denke dass das Problem nicht an der Planung liegt, sondern daran, dass räumliche Gegebenheiten es unmöglich machen, ein besseres Hygienekonzept herauszuarbeiten. Wenn in einem Klassenzimmer Fenster nicht geöffnet werden können, wie soll man lüften? Es ist nicht möglich. Auch haben Klassenräume nun mal die Größe, die sie haben. Wie soll man diese vergrößern? Wände verschieben? Ist doch alles Blödsinn. Meine persönliche Meinung ist, dass man das digitale Schulangebot unverzüglich verbessern sollte und gleichzeitig die Präsenzpflicht aussetzen. Ich denke Schüler sollten selbst entscheiden, ob sie in die Schule gehen oder digital am Unterricht teilnehmen. Ich stelle es mir so vor, dass eine Klasse digital miteinander verbunden ist, und wer will und muss, sollte anwesend sein. Während dessen könnten alle über Skype dem Lehrer zuhören.

  • Ich würde mir wünschen, dass Coronafälle an Schulen konsequent gezählt und veröffentlicht würden, damit sich Schüler, Lehrer, Eltern und enge Kontaktpersonen dieser Gruppen ein Bild der Lage machen könnten. Leider ist dies in Hessen nicht der Fall. Ein transparenter Umgang mit den tatsächlichen Fallzahlen scheint von politischer Seite nicht gewollt zu sein.

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