Intensivpflegerin Sharon Afacan

Die vierte Corona-Welle trifft Hessens Intensivstationen mit voller Wucht. Noch halten Pflegerinnen wie Sharon Afacan durch - doch inzwischen sind sie nicht nur erschöpft, sondern angesichts der Ungeimpften auch wütend.

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Sharon Afacan lässt sich ihren Ärger nicht anmerken, wenn sie die Corona-Patienten auf ihrer Station in Langen (Offenbach) versorgt. Mit routinierten Handgriffen hilft die Intensivpflegerin einem 55-Jährigen, sich auf die Bettkante zu setzen: Er atmet flach und hängt noch immer an den Schläuchen der Beatmungsmaschine. Fast alle Corona-Patienten hier sind ungeimpft, weiß Afacan - und genau da stößt ihre Geduld an Grenzen: "Mittlerweile bin ich schon sauer", gibt sie im Gespräch mit dem hr zu. "Es frustriert mich, immer wieder diese Ausreden zu hören."

"Nicht mehr viel Luft" bei Intensivbetten

Die 33-Jährige ist eine von tausenden Pflegekräften, die zu Beginn der Pandemie allabendlich beklatscht wurden und jetzt bereits gegen die vierte Corona-Welle anarbeiten müssen. Von nunmehr anderthalb Jahren Krisenstimmung konnten sich Afacan und ihre Kollegen nicht erholen. Denn schon wieder füllen sich überall in Hessen die Intensivstationen: Weniger als zehn Prozent der verfügbaren Betten sind noch frei.

Im Rhein-Main-Gebiet und im Odenwald sei es besonders knapp, sagt Andreas Schäfer von der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Er sieht einen bedrohlichen Trend: "Bei einem Zuwachs von 10 bis 30 Patienten täglich allein durch die Covid-Infektion haben wir nicht mehr so viel Luft nach oben." Schon in den kommenden sieben bis zehn Tagen könnten Hessens Intensivstationen überlastet sein, fürchtet er. Die Uniklinik Gießen meldete bereits am Freitag, dass ihre Intensiv-Kapazitäten ausgeschöpft seien: Alle 18 Betten für Covid-Patienten seien belegt - und auch alle anderen.

Überstunden an Feiertagen

Schäfer glaubt sogar, es könnte noch schlimmer kommen. Denn auch auf den Normalstationen vieler Kliniken liegen Corona-Patienten, deren Zustand sich verschlechtern könnte. Auch sie könnten noch Intensivbetten benötigen. Außerdem übernehme Hessen Patienten aus anderen Bundesländern, in denen die Intensivbetten noch knapper sind.

Pflegerin Sharon Afacan und ihre Kollegen stellen sich längst auf Überstunden ein - auch an den Feiertagen. Doch die Anspannung hinterlässt Spuren: "Im Privaten merke ich, dass ich mittlerweile angespannter und ungeduldiger bin." Trotzdem fühle sie weiterhin mit ihren Patienten, sagt sie mit Blick auf die Ungeimpften. "Letztendlich sind es ja Menschen, die erkrankt sind. Ich hoffe, dass die, die es überleben, im Leben etwas ändern und anders denken."

Dass die Pflege diesen Lernprozess in Sachen Impfen ausbaden muss, findet ihre Kollegin ungerecht. "Die Leute demonstrieren für ihre Freiheit", sagt sie, "und ich soll meine komplette Freiheit abgeben und immer wieder einspringen, damit man die Leute rettet."

Verband befürchtet Kündigungswelle

Auch Andreas Schäfer glaubt, dass viele Ungeimpfte die Folgen ihrer Entscheidung nicht genug bedenken: "Die Gedanken der Ungeimpften scheinen immer nur um die Impfung zu kreisen - aber nicht darum, dass wir in der Gemeinschaft auch eine Verantwortung gegenüber anderen haben." Damit meint er unter anderem, dass Operationen wegen überfüllter Intensivstationen ausgesetzt werden müssen. "Gerade bei Patienten mit schweren Erkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen, die dringend eine Operation brauchen, kann es sein, dass sie ihren OP-Termin nicht mehr erleben."

Den Frust der Pflege beobachtet die Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin mit Sorge. Auch wenn sich Pflegekräfte in Hessen durch die vierte Corona-Welle wohl wieder "durchkämpfen" würden, glaubt Andreas Schäfer: "Sobald das abflacht, werden wir zusehen können, wie Pflegepersonal den Beruf verlässt."

In Marburg musste man so lange gar nicht warten: Schon jetzt haben viele Pflegekräfte des Uniklinikums Konsequenzen aus ihrer Dauerbelastung gezogen und gekündigt. Im Oktober warfen auf einen Schlag 15 von 16 Pflegekräften der Gefäßchirurgie-Station hin - wegen schlechter Arbeitsbedingungen.

Klose will "epidemische Lage" verlängern

Während die Infektionszahlen steigen und die Intensivstationen immer voller werden, rückt das Ende der "epidemischen Lage" näher. Sie ist die Rechtsbasis für viele Corona-Maßnahmen und soll nach dem Willen der neuen Ampel-Regierung trotz allem am 25. November auslaufen. Die drei Grünen-Gesundheitsminister von Hessen, Brandenburg und Baden-Württemberg fordern indes eine Verlängerung.

"Angesichts der derzeitigen Infektionsdynamik und der Belastung der Krankenhäuser, die in einigen Regionen bereits kurz vor der absoluten Überlastung stehen, sollte die epidemische Lage von nationaler Tragweite verlängert werden", heißt es in einem Statement von Hessens Gesundheitsminister Kai Klose, sowie Ursula Nonnemacher (Brandenburg) und Manne Lucha (Baden-Württemberg). Sollte sich dafür keine Mehrheit im Bundestag finden, fordern sie "gesetzliche Möglichkeiten", um im Notfall trotzdem Maßnahmen beschließen zu können.

Sharon Afacan und ihrem Team wird das so schnell nicht helfen. Ihnen bleibt vorerst nur: durchhalten und sich selbst gut zureden. "Man ist froh, wenn es gut geht und wenn man Fortschritte sieht", sagt Afacan, "so dass man sieht, dass unsere Arbeit einen Sinn macht."

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