Crowdfunding für Gastro in der Corona-Krise

Viele Kneipen und Musikclubs stehen durch die Corona-bedingte Zwangspause vor dem Aus. Auf Internet-Plattformen spenden Stammgäste, um so ihren Lieblingsclub zu retten. Doch die Hilfe hat ihre Fallstricke.

Vor knapp zwei Wochen hat sich Tamo Echt entschlossen, an die Solidarität seiner Gäste zu appellieren: "Von einem auf den anderen Tag hatten wir keine Einnahmen mehr und sehen nun unsere Läden ganz real in ihrer Existenz bedroht", ließ der Betreiber der beiden Frankfurter Musikkneipen "Feinstaub" und "Tiefengrund", die Öffentlichkeit wissen: ein Hilferuf, veröffentlicht auf der Internetseite "gofundme" und verbunden mit der Bitte um Spenden. Die Zielvorgabe: 14.000 Euro, um das Überleben der beiden Locations in der Corona-Krise zu sichern.

Zwei Wochen später nähert sich die Crowdfunding-Kampagne für "Feinstaub" und "Tiefengrund" der 20.000 Euro-Marke. "Ihr seid Wahnsinn!!!", jubelt Tamo Echt in einem Kommentar auf der Kampagnenseite. Für Echt hat sich die Offenheit gegenüber seinen Kunden ausgezahlt. Und nicht nur für ihn.

Mehr als 20 Kampagnen in Hessen

Hessenweit haben zahlreiche Gastronomen und Klubbetreiber in der Krise auf die Spendenbereitschaft ihrer Stammkundschaft gesetzt. "Crowdfunding" ist das Konzept der Stunde - das Einsammeln von größeren Beträgen durch Kleinspenden. Allein auf der für diesen Zweck konzipierten Plattform "gofundme" finden sich derzeit mehr als 20 entsprechende Kampagnen aus Hessen. Darunter befinden sich illustre Namen wie die Frankfurter Musikklubs "Ponyhof" und "Cave". Und viele der Kampagnen sind durchaus erfolgreich.

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Crowfunding-Kampagnen im Netz

Neben Kneipen und Musikclubs bitten auf www.gofundme.com auch weitere Kultur- und Freizeiteinrichtungen um Unterstützung. Die meisten finden sich auf der Webseite in der Unterkategorie "Events".

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In Kassel etwa profitieren gerade die Subkultur-Orte von treuen Gästen. Das Kollektivcafé Kurbad sammelte binnen weniger Tage 4.000 Euro. Die Kneipe "Mutter" ist auf dem besten Weg beim Crowdfunding die 10.000 Euro Marke zu knacken. Die Gäste zahlen, um nach der Pandemie wiederkommen zu können.

DEHOGA: Marketingtechnisch sinnvoll

Aus Sicht des hessischen Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) machen derartige Crowdfunding-Kampagnen durchaus Sinn. "Das ist marketingtechnisch sehr sinnvoll", sagt Julius Wagner. So blieben die Betriebe im Gespräch. "Das darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass das keine dauerhafte Lösung ist", betont Wagner.

Denn die Umsatzeinbrüche in der Gastronomie als "dramatisch" zu bezeichnen, wäre eine glatte Untertreibung. 95 Prozent beträgt der Rückgang nach Angaben der DEHOGA bislang. Das Crowdfunding kann da nur wenig Abhilfe leisten. Die DEHOGA fordert daher einen staatlichen Rettungsschirm für die Gastronomie - neben den bereits laufenden Corona-Soforthilfen. Letztere könnten durch das Crowdfunding sogar geschmälert werden.

Crowdfunding kann staatliche Soforthilfe reduzieren

Denn das Ziel der meisten Kampagnen ist die Deckung laufender Kosten. Sprich: Miete, Nebenkosten, Gehälter. Die können aber eigentlich über die staatlichen Corona-Beihilfen geltend gemacht werden. Hauptziel: Eine Insolvenz der Betriebe verhindern, bis diese wieder aufmachen.

Doch die Betriebe erhalten die Soforthilfe nur in der Höhe der bestehenden Liquiditätslücke. Diese schrumpft allerdings, wenn die Kneipen oder Klubs zusätzliche Einnahmen generieren. "Wenn Unternehmen das irgendwie selbst auffangen können, umso besser", erklärte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Wiesbaden auf hr-Anfrage.

Tatsächlich haben alle Gastronomen, die der hr kontaktiert hat parallel zu den Crowdfunding-Aktionen staatliche Soforthilfe beantragt. Ein Problem für viele: das Kurzarbeitergeld. Wollen sie dies für ihre Mitarbeiter beantragen, müssen sie es zunächst vorstrecken. Doch nicht jeder hat die entsprechenden Reserven, um in Vorleistung zu gehen.

Kurzarbeitergeld muss vorgestreckt werden

"Die Instrumente des Staates sind auf Mittelständler ausgelegt, nicht auf kleine Betriebe wie meinen", sagt Andreas König, Betreiber des Frankfurter "Clubkellers". Ihn hat die Corona-Zwangspause auf dem "völlig falschen Fuß erwischt", wie er sagt. Januar und Februar seien traditionell umsatzschwächere Monate, März, April und Mai hingegen die "Hauptsaison" in seinem Tanzklub. Diese fällt nun aus. In Vorleistung gehen kann er nicht gehen.

Auch der "Clubkeller" sammelt daher Spenden auf "gofundme", auch wenn diese wohl spätestens bei der Steuererklärung 2020 mit der Soforthilfe verrechnet werden. Rund 1.500 Euro sind bislang zusammengekommen. 12.500 Euro sind Königs Ziel. "Vielleicht habe ich die Gunst der frühen Stunde verpasst", sagt er. Denn die Kleinspenden sprudeln nun offenbar nicht mehr so ergiebig wie zu Beginn der Krise.

Eingesammeltes Geld reicht kaum, um Miete zu zahlen

Und selbst erfolgreiche Spendenkampagnen sind noch keine Bestandsgarantie. Die "Lolita Bar" in Kassel hat innerhalb einer Woche 10.000 Euro eingesammelt. Eigentlich ein voller Erfolg für Betreiber Dirk Wacholder und ein Zeichen, dass die Kundschaft treu ist. Und doch bleibt er skeptisch. "Ich stecke die Spenden zu 100 Prozent in den Laden", sagt Wacholder. Und doch reiche das Geld kaum, die Miete für drei Monate zu zahlen. Sich selbst, einem Festangestellten und 16 Mini-Jobbern, die in der Lolita arbeiten, kann Wacholder nichts mehr zahlen.

Und an ein baldiges Ende der Corona-Zwangspause glaubt der Clubbesitzer nicht. Denn selbst wenn die Corona-Maßnahmen gelockert würden, könnten Tanzen und Biertrinken auf engstem Raum womöglich noch bis zum Herbst oder länger verboten bleiben. Das Ende nach 27 Jahren "Lolita-Bar" hält Wacholder mittlerweile für wahrscheinlich.