Eine von Aktivisten errichtete Holzhütte mit Transparenten im Dannenröder Forst

In Protestcamps und mit Blockaden kämpfen Aktivisten gegen den Ausbau der A49 in Mittelhessen. Luka ist eine von ihnen. Im Interview sagt die Studentin, warum der Protest für sie so wichtig ist und welche Mittel sie für vertretbar hält.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Luka – Aktivistin und Waldbeschützerin im Dannenröder Forst

Aktivistin Luka mit Mundschutz
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Im Oktober sollen die ersten Bäume im Dannenröder Forst fallen, damit die Autobahn 49 ausgebaut werden kann. Die Proteste von Umweltschützern und Aktivisten gegen die Rodung spitzen sich zu: Mit Protestcamps im Wald, Blockaden und weiteren Aktionen wollen sie die Arbeiten verhindern.

Auch die Studentin Luka verbringt ihre Tage momentan im Dannenröder Forst und kämpft gegen den Ausbau - zusammen mit jungen Leuten von Fridays for Future, aber auch mit älteren, die schon im Ruhestand sind. Eigentlich heißt Luka anders, doch sie möchte anonym bleiben - aus Angst vor "Repressionen von staatlicher Seite" und weiteren Hassmails, wie sie sagt. Warum es für sie keine Alternative zu diesem Protest gibt und welche Mittel für sie vertretbar sind, erklärt sie im Interview.

Es ist ein breites Spektrum an Menschen, dass sich im Dannenröder Forst versammelt hat. Was ist Ihr gemeinsamer Nenner?

Luka: Natürlich haben wir alle das Ziel, dass diese Autobahn nicht gebaut wird und dass dieser Wald nicht gefällt wird. Aber für viele Menschen stehen da größere Ziele dahinter. Da gibt es dann wieder unterschiedliche Prioritäten, aber letztendlich geht es sehr vielen insgesamt um eine Veränderung des Systems. Die A49 steht für eine total ungerechte neoliberale Wirtschaftsweise, sie steht auch für unseren hohen Konsum und unsere Wegwerfgesellschaft.

Eine von Aktivisten errichtete Holzhütte mit Transparenten im Dannenröder Forst

Sie steht dafür, dass wenige privilegierte Menschen, die sich ein Auto leisten können, leichteren Zugang bekommen und sich schneller bewegen können - während andere Menschen, die das nicht haben, sich mit einem sehr schlecht ausgebauten öffentlichen Nahverkehr konfrontiert sehen. Und sie steht für eine massive Umweltzerstörung und Ignoranz unserer Zukunftsgrundlage, die Zerstörung eines Trinkwasserschutzgebiets. Bei der Dürre, die wir in den letzten Jahren haben, ist das einfach unverantwortlich.

Diese Autobahn steht aber auch dafür, dass Anwohner an den Bundesstraßen wie der B3 endlich entlastet werden können von dem, was da jeden Tag an Lastwagen durch ihre Dörfer rollt. Die haben vielleicht andere Interessen.

Luka: Ja, allerdings erliegen sie da auch einem gewissen Trugschluss. Denn mehrere Studien haben bewiesen, dass wir, wenn wir breitere Straßen bauen, am Ende mehr Verkehr ernten. Und wenn diese Autobahn, die jetzt oben in Kassel schon total überlastet ist, unten bei Homberg auf die A5 mündet, wird ein Rückstau entstehen.

Es werden genau diese Bundesstraßen sein, die dann die Umleitung sind. Damit werden die Menschen insgesamt keine entlastete Bundesstraße haben und durch die A49 auch noch einen enormen Zuwachs an Lärm. Und auch mehr Abrieb und Umweltverschmutzung. Den schönen Wald haben sie dann auch nicht mehr.

Sie sagen, dass Sie den Wald zunächst friedlich besetzen wollen. Vor einer Woche gab es im Zuge der Räumung einer Barrikade eine erste größere Auseinandersetzung mit der Polizei. Wie optimistisch sind Sie, dass Sie die gewaltfreie Haltung bis in den Herbst durchhalten können?

Luka: Das kommt stark darauf an, wie sich die Gegenseite - die Polizei oder auch die Securities - verhalten. Ich hoffe, dass die Diskussion in der Öffentlichkeit über die Polizeigewalt dazu führt, dass sie sich mehr beobachtet fühlen und dass auch viel Presse und parlamentarische Beobachterinnen und Beobachter da sind. Auch ganz normale Menschen, die nichts mit der Besetzung zu tun haben.

Wenn die kommen und der Polizei auf die Hände schauen, dann merkt man sofort, dass sie sich ganz anders verhalten und sehr viel korrekter mit den Aktivistinnen und Aktivisten umgehen.

Wird es also aus Ihrer Sicht bei gewaltfreiem Protest bleiben?

Luka: Ja, das ist die Frage, wie man Gewalt definiert. Wenn Menschen politisch für etwas einstehen, nachdem auf allen anderen legalen Wegen versucht wurde, dafür zu kämpfen, dass diese Autobahn nicht gebaut wird, dafür zu kämpfen, dass wir eine lebenswerte Zukunft haben und Menschen sich dazu entschieden haben, diesen Ort zu verteidigen und uns dieser Ort genommen wird und uns auch gezeigt wird, dass unsere politische Meinungsäußerung nicht relevant ist, dass sie ignoriert wird und dass nicht konstruktiv darauf eingegangen wird, dann kann ich sehr gut verstehen, dass Menschen sich darüber empören und sich auch emotional äußern. Und das würde ich auch nicht als Gewalt bezeichnen.

In Gießen hat eine autonome Gruppe jede Menge Autos mit einem roten "X" markiert, und damit gedroht, sie anzuzünden, wenn Bäume im Dannenröder Forst gefällt werden sollten. Das ist Sachbeschädigung, auch eine Form von Gewalt - Distanzieren Sie sich davon?

Luka: Ich finde, es geht nicht darum, wie ich persönlich dazu stehe. Diese ganze Bewegung ist einfach vielfältig und nutzt verschiedene Aktionsformen. ich habe schon gesagt, dass ich persönlich solche Gewalt nicht anwende. Aber insgesamt lenkt diese Gewaltdiskussion sehr häufig davon ab, worum es uns eigentlich geht. Zum Beispiel auch um die Gewalt, mit der Menschen tagtäglich konfrontiert sind durch unser Wirtschaftssystem, durch unsere Arbeitsverträge und so weiter.

Ein beschmiertes Auto in Gießen.

Uns geht es im Danni ja nicht nur um diese Autobahn, diese Verkehrssünde, sondern um eine Kritik an diesem gesamten System, das zum Beispiel auch dazu führt, dass Menschen am anderen Ende der Welt ihre Lebensgrundlagen verlieren. Das alles betrachten wir eben auch als Gewalt und deswegen fordern wir, dass sich dieses System verändert.

Sie könnten auch einfach in Ruhe weiter studieren, Ihren Abschluss machen und sich auf Ihr eigenes Leben konzentrieren. Sie müssten sich diesen Kampf ja nicht aufhalsen.

Luka: Die Option gibt es für mich nicht mehr. Ich habe den Wald und diesen Ort kennengelernt und lieben gelernt und eine Welt gefunden, die mir so viel besser gefällt als die anderen Optionen, die ich habe. Und natürlich gibt es dort schwierige Sachen und natürlich ist es auch einfach anstrengend, sich auf die Art und Weise, wie wir leben, einen Alltag zu erhalten.

Und das ist auch noch nicht der Zustand, in dem ich am Ende irgendwie mal sein wollen würde. Aber es ist ein Anfang, und ein sehr schöner Anfang, der zeigt, dass es möglich ist, auf eine andere Art und Weise zusammenzuleben. Auf eine Art und Weise, wo ich mich viel wohler fühle, wo ich merke, dass es meinem Körper auch einfach viel besser geht. Und vor allem auf eine Art und Weise, wo ich nicht das Gefühl habe, dass ich einfach weggeschaut habe und somit zu den ganzen Ungerechtigkeiten beigetragen habe, die die ganze Zeit passieren und die auf politischer und wirtschaftlicher Ebene jeden Tag entschieden werden.

Für den Herbst sind die Rodungen geplant. Wie schauen Sie persönlich auf die kommenden Wochen?

Luka: Mit viel Anspannung auf jeden Fall. Gleichzeitig auch mit viel Hoffnung, weil wir bei den letzten Sonntagsspaziergängen immer mehr Menschen geworden sind. Es sind Presseleute aus ganz Deutschland da, die sich dafür interessieren und die im Großen und Ganzen sehr positiv über das Überleben des Waldes berichten. Und ich habe die Hoffnung, dass wir in den nächsten Wochen noch mehr Menschen werden, die dafür aufstehen, diesen Wald zu beschützen.

Die können der Regierung zeigen, dass sie das genauso unverantwortlich finden, dass dieser Wald und dieses Trinkwasserschutzgebiet dieser Autobahn weichen sollen und am Ende auch ein grüner Minister Tarek Al-Wazir einsehen muss, dass das keine grüne Politik ist und dass er seine grüne Basis verrät, wenn er weiter am Koalitionsvertrag festhält und er sich am Ende dazu entscheidet, diesen Koalitionsvertrag platzen zu lassen und den Ausbau der A49 zu verhindern.

Das Gespräch führte Stefan Bücheler für die hr-iNFO-Sendung "Das Interview". Für hessenschau.de wurde es von Tanja Stehning gekürzt und aufbereitet.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 23.09.2020, 19.35 Uhr