Schwalmstadt: Ein kopiertes Blatt weist im Dannenröder Forst auf weiß markierte Bäume hin, die den Trassenverlauf darstellen sollen.

Es geht um Wasser, Wald und Baumhäuser. Die A49 sollte eigentlich die Region zusammenführen - spaltet sie aber. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Seit Jahrzehnten wird der Weiterbau der A49 geplant - und seit Jahrzehnten streiten Befürworter und Gegner erbittert darum, auch vor Gericht. Nun soll der Bau der Autobahn beginnen, und damit auch die Baumfällarbeiten im umkämpften Dannenröder Forst bei Homberg (Ohm).

Was soll gebaut werden?

Grob gesagt soll die A49 Kassel und Gießen besser miteinander verbinden. Von den insgesamt 61,8 Kilometern der vierspurigen Autobahn ist etwa die Hälfte bereits fertig gestellt oder befindet sich derzeit im Bau.

Die Karte zeigt die Autobahnen A 49 und A5 und den geplanten "Lückenschluss" dazwischen.

In der aktuellen Diskussion geht es vor allem um die beiden letzten Bauabschnitte zwischen Schwalmstadt (Schwalm-Eder) und dem Ohmtal-Dreieck an der A5. Sie sollen bis 2024 fertig werden.

Wer baut die Autobahn?

Auftraggeber ist das Bundesverkehrsministerium. Umgesetzt wird der Bau jedoch von der Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (DEGES), eine Art Straßenbaugesellschaft für öffentliche Infrastruktur. Gesellschafter der DEGES sind der Bund und zwölf Bundesländer, darunter auch Hessen.

Die DEGES wiederum setzt beim Bau der A49 auf eine Öffentlich Private Parnerschaft (ÖPP). Dabei arbeitet die öffentliche Hand mit Unternehmen aus der Privatwirtschaft zusammen. Das soll laut DEGES wirtschaftlicher sein. Den Zuschlag für den Bau bekam die STRABAG, eines der größten börsennotierten Bauunternehmen Europas.

Was ist die Vorgeschichte?

Die Geschichte des Baus reicht bis in die 1960er-Jahre zurück, in Planung befindet sich die A49 seit etwa 40 Jahren. Seitdem wurden mehrere Trassen geplant und immer wieder verworfen. Der Planfeststellungsbescheid für die letzten Bauabschnitte liegt seit 2012 vor.

Die endgültige Entscheidung, ob die A49 so realisiert werden darf, wurde jedoch erst im Juli 2020 getroffen, als das Bundesverwaltungsgericht die letzten Klagen von Umweltschützern und Anwohnern abwies. Eine Forderung nach einem Moratorium von Seiten der Grünen im Bundestag wurde zwischenzeitlich ebenfalls abgelehnt.

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hessenschau kompakt von 16:45 Uhr vom 01.10.2020
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Wer sind die Befürworter?

Seit Jahren fordern vor allem Anwohner der vielbefahrenen Bundesstraßen in der Region, dass die Autobahn gebaut wird und sie von Lärm und Verkehr entlastet. Bislang rollen durch einige Ortschaften mitunter tausende Lkw am Tag.

Einige Unternehmen und Politiker aus der Region haben sich zum Bündnis "JA 49" zusammengeschlossen. Sie hoffen durch die Autobahn vor allem auf wirtschaftliche Vorteile für die Region und zusätzliche Arbeitsplätze.

Bürger haben sich in der Vergangenheit auch für den Bau ausgesprochen, weil die Gegend dann besser angebunden sei. Manche finden auch, dass nach so langer Planungszeit nun ein Schlusspunkt gefunden werden sollte.

"Wann kommt die A49?", fragt ein Schild am Straßenrand der hoch belasteten B3 in Mittelhessen.

Wer sind die Gegner?

Langjährige A49-Gegner haben sich schon seit Jahren zu Bürgerinitiativen gegen den Bau zusammengeschlossen, seit 2019 besteht das Bündnis "Keine A49!". Sie fordern eine Verkehrswende und befürchten katastrophale Folgen für die Natur.

Auch manche Anwohner kritisieren die Trassenführung. Sie befürchten, dass ihre Orte dann durch mehr Verkehr und Lärm belastet werden und Naherholungsgebiete verloren gehen. Landwirte haben bereits gegen Enteignungen geklagt.

Zusätzlich haben sich im letzten Jahr Aktivisten aus Deutschland und Europa dem Protest angeschlossen. Sie gehören unterschiedlichen Gruppen an, etwa "Wald Statt Asphalt" oder "Extinction Rebellion". Einige Aktivisten halten seit November 2019 den Dannenröder Forst mit Baumhäusern besetzt. Sie wollen analog zu den Baumbesetzern im nordrhein-westfälischen Hambacher Forst verhindern, dass Bäume gerodet werden. Auch in den kommenden Wochen ist dort weiter mit Polizeieinsätzen und Räumungen zu rechnen.

Konflikte gab es in den vergangenen Monaten zudem um die Genehmigung einer Reihe Protestcamps, der Rechtsstreit ging bis vor das Bundesverfassungsgericht.

Mit zwei zeitgleichen Kundgebungen vor dem Landtag und dem Verkehrsministerium protestierten Aktivisten gegen den geplanten Weiterbau der A49

Warum wird um den Wald gestritten?

Insgesamt sollen für den Bau laut Baugesellschaft DEGES rund 85 Hektar Wald gerodet werden, davon 27 Hektar im Dannenröder Forst. Dabei handelt es sich um einen Mischwald von insgesamt etwas über 1.000 Hektar Fläche. Der Wald ist seit Jahrhunderten im Privatbesitz der Freiherren Schenck zu Schweinsberg.

A49-Kritiker sagen: Durch den Bau werde ein gesunder Wald mit bis zu 250 Jahre alten Bäumen zerstört, der Vorbildcharakter für ganz Deutschland habe. Nach heutigen Maßstäben und klimapolitischen Anforderungen müsse man sich an den natürlichen Lebensgrundlagen der zukünftigen Generation ausrichten.

Die Baugesellschaft DEGES sagt, dass nicht alle Bäume im Dannenröder Forst so alt sind und der Wald zudem forstwirtschaftlich genutzt werde. Außerdem verweist DEGES auf eine Vielzahl von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, die auf ca. 750 Hektar Fläche umgesetzt werden sollen. So sollen etwa an anderer Stelle naturnahe Wälder entwickelt oder Ackerflächen in Grünland umgewandelt werden. Auch ein Teil des Dannenröder Waldes werde langfristig der forstwirtschaftlichen Nutzung entzogen.

Konflikte gibt es auch um die Baumhausdörfer im Wald. Während die Baumbesetzer betonen, schonend mit der Natur umzugehen, haben etwa Förster bereits Schäden und Verschmutzung im Wald durch die Aktivisten kritisiert.

Warum wird um das Wasser gestritten?

Die Gegend rund um Stadtallendorf gilt als wichtigste Trinkwasserressource für Mittelhessen. Die Sorge der A49-Gegner ist vor allem, dass die Erdbewegungen durch den Bau Schadstoffe im Boden freisetzen, die dann ins Grundwasser gelangen. Die Autobahn soll das Gelände eines ehemaligen NS-Sprengstoffwerks und ein Trinkwasserschutzgebiet kreuzen.

Kritik an der aktuellen Trassenführung gibt es diesbezüglich auch vom Zweckverband der Mittelhessische Wasserwerke. Dort ist die Sorge: Der Bau von Autobahnbrücken im Trinkwasserschutzgebiet könnte die Richtung von unterirdischen Grundwasseradern beeinflussen.

Laut BUND verstößt der Bau gegen die europäische Wasserrahmenrichtlinie. Das Bundesverwaltungsgericht wies diese Klage ab, da das deutsche Wasserrecht ausreichend Möglichkeiten zur Verfügung stelle, um dem Wasserschutz gerecht zu werden.

Die Bundesregierung sieht durch den Bau kein erhöhtes Risiko für das Trinkwasser. Auch die DEGES sieht keine Gefahr und verweist auf bereits abgeschlossene Bodensanierungen sowie eine Vielzahl von Untersuchungen und Schutzmaßnahmen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 01.10.2020, 16.45 Uhr