Dach des Finanzamts Frankfurt mit Hütchen-Ornamenten

Finanzbeamte haben mit allen Bürgern zu tun. Damit sie sich allen gegenüber korrekt verhalten, will sie das Finanzministerium für Diskriminierung und Rassismus sensibilisieren. Dazu bekommen sie Nachhilfe von der Bildungsstätte Anne Frank. Wie, erklärt ihr Direktor im Interview.

Das Finanzministerium und die Bildungsstätte Anne Frank mit Sitz in Frankfurt wollen in puncto politische Bildung zusammenarbeiten. Einen entsprechenden Vertrag unterzeichneten Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) und der Direktor der Bildungsstätte, Meron Mendel. Mitarbeiter der Bildungsstätte schulen aktuelle und angehende Finanzbeamte darin, wie sie Rechtsextremismus, Diskriminierung und Antisemitismus erkennen und wie sie damit umgehen sollen.

Warum gerade Finanzbeamte? Wie es zur Zusammenarbeit kam und warum er findet, dass solche Seminare auch für die Polizei nötig wären, erklärt Meron Mendel im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Herr Mendel, warum finden Sie es wichtig, dass ausgerechnet Finanzbeamte weitergebildet werden zu den Themen Rechtsextremismus, Diskriminierung und Antisemitismus?

Meron Mendel: Wir haben unser Angebot generell erweitert, gerade auch mit Blick auf Sicherheitsbehörden und Verwaltung. Gerade bei Beamten ist es wichtig, dass jedes Anzeichen von rechten Tendenzen oder Diskriminierung innerhalb der Behörde oder von außen rechtzeitig entdeckt wird und darauf angemessen reagiert werden kann. Bei Finanzbeamten ist es besonders wichtig, weil sie oft mit einem diversen Publikum arbeiten. Wenn sie etwa mit Menschen mit Migrationshintergrund zu tun haben, müssen sie für deren Besonderheiten sensibilisiert sein.

hessenschau.de: Bildet sich Diversität denn auch in der Belegschaft der Finanzämter ab?

Meron Mendel: Ich habe leider keine Statistik, wie viele Anwärter mit Migrationshintergrund es unter den Finanzbeamten gibt. In den letzten Jahren gab es verschiedene Bemühungen, um Finanzbeamte aus einem diversen Kreis zu generieren. Aber ich denke, ich lehne mich nicht sehr stark aus dem Fenster, wenn ich sage, dass die Vielfalt der Gesellschaft nicht gerade eins zu eins in der Zusammenstellung des Personals in den Finanzämtern abgebildet wird.

Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) und der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel

hessenschau.de: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium?

Meron Mendel: Das Ministerium ist auf uns zugekommen und hat Bedarf angemeldet. Wir haben verschiedene Formate entwickelt und nun schließlich diesen Vertrag zur Zusammenarbeit unterzeichnet. Die ersten Seminare werden in den kommenden Monaten stattfinden. Ich erkenne in den Führungsetagen sehr viel Sensibilität für diese Themen.

hessenschau.de: Wie sehen diese Seminare aus?

Meron Mendel: Es gibt zwei Formate: Eines richtet sich an Beamtenanwärter, also junge Menschen. Das andere ist ein Angebot für Führungskräfte. Die jungen Menschen arbeiten hauptsächlich in und mit unserem Lernlabor in der Bildungsstätte. Dort wird der Bogen gespannt zwischen dem Nationalsozialismus und gegenwärtigen Formen von Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Daran angeknüpft machen wir spezielle Angebote, die auf die Anwärter im Finanzministerium zugeschnitten sind: Was heißt das für meinen Job in einem Finanzamt?

hessenschau.de: Und wie schulen Sie im Gegensatz hierzu Führungskräfte?

Meron Mendel: Da gehen wir weniger spielerisch vor. Die sind natürlich alle politisch informiert. Aber sie sollen für sich klären, was das in der heutigen Situation heißt, in einer solchen Behörde zu arbeiten. Was sind die Pflichten der Arbeitgeber bezüglich Diskriminierung am Arbeitsplatz? Wie erkenne ich Rechtspopulisten oder die Neue Rechte und ihre Erscheinungsformen?

hessenschau.de: Ist die Rolle der Finanzverwaltung im Nationalsozialismus Gegenstand dieser Fortbildungen? Oder geht das eher in Richtung Verhaltenstraining für den Berufsalltag?

Meron Mendel: In den einzelnen Seminaren ist die spezifische Auseinandersetzung mit der Rolle der hessischen Finanzverwaltung im Nationalsozialismus, vor allem die Entrechtung der Juden und der legalisierte Raub, kein Gegenstand. Das spezielle Thema der Verstrickung der Finanzbeamten damals kann man nicht so schnell in einem Seminar abhandeln, deshalb haben wir das konzeptionell getrennt. Man darf die Geschichte der Finanzbehörden ab 1933 nicht verschweigen, aber es muss gerade für die jungen Anwärter schon in eine richtige Form gebracht werden.

hessenschau.de: Wie groß ist die Notwendigkeit solcher Fortbildungen?

Meron Mendel: Was wir gerade in Thüringen erleben, ist nicht nur ein ostdeutsches Phänomen. Es gibt genug Anzeichen, dass auch in Hessen gerade solche Themen besonders wichtig und zentral sind. Gerade in diesem hochsensiblen Bereich, wo die Menschen etwa mit unserem Steuergeld arbeiten, ist es wichtig, dass wir sicher stellen, dass sie für Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus sensibilisiert sind. Nicht als Fachmann, sondern als Bürger dieses Landes wünsche ich mir, dass alle Funktionsträger im staatlichen Dienst an solchen Seminaren teilnehmen.

hessenschau.de: Also würden Sie solche Weiterbildungen auch Beamten anderer Ministerien empfehlen?

Meron Mendel: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass auch und gerade alle Funktionsträger im kommunalen und staatlichen Dienst für solche Themen sensibilisiert werden sollten. Im vergangenen Jahr hatten wir ja das Thema Rechtsextremismus in der hessischen Polizei ...

hessenschau.de: Gibt es dort auch solche Seminare?

Meron Mendel: Das Thema Rechtsextremismus ist bei der hessischen Polizei leider noch nicht vom Tisch. Wir haben zwar eine Kooperation mit der Bundespolizei und mit dem Bundeskriminalamt und stehen auch in sehr gutem Kontakt mit der Polizei in Frankfurt. Von der Landespolizei gibt es aber bisher kein Interesse an uns. Aber vielleicht kommt ja noch was.

Das Interview führte Katrin Kimpel.