Fotokombination aus einem Foto einer" Fridays for Future"-Demo und einer "Black Lives Matter

Aktivisten von Fridays for Future rufen am Freitag weltweit zum Klimastreik auf. In Frankfurt haben sie sich dafür mit anderen Gruppen zusammengetan. Warum, erklärt Aktivistin Aniela im Interview.

Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie ruft die junge Protestbewegung "Fridays for Future" am 25. September auf der ganzen Welt zum Aktionstag für mehr Klimaschutz auf. Die Frankfurter Aktivistinnen und Aktivisten gehen allerdings noch einen Schritt weiter.

Sie haben sich mit anderen Gruppen zusammengeschlossen - zu einem intersektionalen Bündnis, wie sie es nennen. Ihnen reicht es nicht, am aktuellen Wirtschaftssystem "an ein paar Stellschrauben zu drehen", wie Aniela, Schülerin der Gutenbergschule Frankfurt und Mitglied des Bündnisses, im Interview erzählt. Ihren Nachnamen möchte sie aus Selbstschutzgründen lieber nicht veröffentlicht sehen.

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Intersektionalität

Intersektionalität beschreibt die Überschneidung und Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungskategorien gegenüber einer Person.

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hessenschau.de: Am Freitag gehen in Frankfurt Aktivisten von Fridays for Future in einem Bündnis mit Black Power Frankfurt, Migrantifa Hessen, Frauen*streik und BeHeard auf die Straße. Warum haben sich die Gruppen zusammengetan?

Aniela: Frankfurt ist eine total diverse Stadt und es gab in letzter Zeit verschiedene Proteste zu vermeintlich unabhängigen Themen. Vor allem die Black-Lives-Matter-Proteste waren in Frankfurt eine neue antirassistische Bewegungsform, die sich in die linke Szene erweitert hat. Die Perspektive schwarzer Menschen schien in der Mehrheitsgesellschaft ja lange nicht relevant. Auch nach dem Anschlag von Hanau ist nicht deutlich genug geworden, wie wichtig die migrantische Perspektive ist.

Die einzelnen Gruppen haben dann verstanden, dass es nur möglich ist, Klimastreik zu führen, wenn wir intersektional denken. Denn es ist ganz klar, dass das kapitalistische System auf der Ausbeutung von Menschen und Natur basiert und es nicht möglich ist, die einzelnen Missstände auseinanderzudenken.

hessenschau.de: Das Bündnis grenzt sich von anderen, auch früheren Bewegungen also explizit durch die nicht-weiße Sichtweise ab?

Aniela: Wir kämpfen dafür, dass klar wird: Die Klimakrise lässt sich nicht eurozentrisch lösen. Denn das würde außer Acht lassen, dass die Ausbeutung von migrantischen und schwarzen Menschen im globalen Süden der Ursprung der Klimakrise ist. Bis jetzt hatte ich nicht das Gefühl, dass das großflächig thematisiert wird.

Die Idee zum Beispiel, dass es für die Lösung der Klimakrise einen "grünen Kapitalismus" geben kann, bei dem man hier und da ein paar Stellschrauben dreht, ist eine weiße, eurozentrische, extrem privilegierte Sicht. Die Schäden im globalen Süden haben aber ein Ausmaß angenommen, das so nicht mehr behoben werden kann. Darauf liegt jetzt also unser Fokus: Wir verbinden verschiedene Bewegungen, weil wir nur so den Ursprung der Klimakrise angehen können.

hessenschau.de: Wenn Sie sagen, es kann keinen "grünen Kapitalismus" geben, klingt das nach Systemsturz und radikaler als bei bekannten Fridays-for-Future-Aktivistinnen wie Luisa Neubauer.

Aniela: Im vergangenen Jahr war das Motto bei Fridays for Future Frankfurt schon "System Change" und nicht "Climate Change". Wir benennen eben klar und deutlich das Problem. Das Problem ist eben die Normalität, in der Ausbeutung von Menschen und Natur, Rassismus und Sexismus alltäglich sind.

hessenschau.de: Wobei auch die Mitglieder des Bündnisses in Deutschland leben. Wie holt es sich echte Perspektiven oder Ideen aus dem Süden ins Boot?

Aniela: Wenn wir nicht deutlich machen, dass eurozentrische Ansichten die Klimakrise nicht beheben werden, dann werden die Folgen sich immer deutlicher zeigen. Denn die Klimakrise führt im globalen Süden auch noch zu humanitären Krisen, die Katastrophen machen sich dort stärker bemerkbar als in Deutschland. Natürlich liegt die Verantwortung hier ganz klar bei der Politik und den Systemprofitierenden, wir sitzen eben nicht alle im selben Boot, manche ertrinken im Mittelmeer.

hessenschau.de: Gibt es eine politische Partei, von der Sie sich vertreten fühlen? Die Grünen etwa, oder die Linke, die sich jetzt zum Beispiel mit den Aktivisten im Dannenröder Wald solidarisiert hat?

Aniela: Hätte die Politik bislang wirklich ein Interesse daran gehabt, die bestehenden Machtstrukturen zu verändern, dann hätten Parteien wie die Grünen oder die Linke schon längst eingreifen können und müssen. Wir aus der migrantischen linken Perspektive fühlen uns von keiner dieser Parteien ernst genommen, denn sie vertreten eine mehrheitlich weiße eurozentrische Perspektive.

hessenschau.de: Was für Aktionen plant das Bündnis in nächster Zeit noch?

Aniela: Wir werden weiterhin den Kampf gegen Unterdrückung auf die Straßen tragen. Wir werden unsere Privilegien nutzen und uns mit Menschen solidarisieren, die unter diesem System leiden.

Ich denke, wir werden uns in der linken Struktur einfinden, wo eine ganz neue Form des Zusammenhalts entsteht. Wir werden uns aber unabhängig von den bisherigen weißen Strukturen entwickeln. Wir wollen uns als eine kämpferische migrantische selbstbewusste selbstbestimmte Perspektive einbringen.

hessenschau.de: Sehen Sie Frankfurt als Vorreiter für andere Ortsgruppen?

Aniela: Ja, wir haben eine neue Art für ein Bündnis mit verschiedenen Perspektiven, das ist für den 25. September nur in Frankfurt so, aber nur gemeinsam und mit einem Bewusstsein für Intersektionalität können wir wirklich einen zielorientierten Kampf führen.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.09.2020, 19.30 Uhr