Audio

Corona-Impfung für Kinder startet in Hessen

Kommende Woche sollen hessische Kinder- und Jugendärzte erste Lieferungen des Corona-Impfstoffs für Fünf- bis Elfjährige erhalten. Wie sinnvoll ist eine Kinder-Impfung?

Nach der Zulassung durch die Europäische Arzneimittelkommission (EMA) sollen die Arztpraxen kommende Woche den ersten Impfstoff für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren geliefert bekommen. Das Bundesgesundheitsministerium kündigte die ersten Dosen des Vakzins von Biontech und Pfizer an; mehr als 180.000 wurden laut Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) von hessischen Ärztinnen und Ärzten, Gesundheitsämtern und Kinderkliniken bestellt.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt diesen Covid-19-Impfstoff für Fünf- bis Elfjährige mit Vorerkrankungen. Bei individuellem Wunsch könnten aber auch Kinder ohne Vorerkrankung geimpft werden. Einige Kinderärzte tun das bereits. Das führt oftmals zu Unsicherheit unter Eltern. Wann sollte ich mein Kind impfen lassen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was spricht für eine Impfung von Kindern?

Die Inzidenz in der Altersgruppe der Fünf- bis 14-Jährigen ist derzeit die mit Abstand höchste in Hessen. Sie erkranken zwar selten schwer. Trotzdem spielen sie eine Rolle bei der Verbreitung der Viren, wie mehrere Studien zeigen. Durch eine Impfung könne man das Übertragungsrisiko innerhalb der Familien vor den Weihnachtsfeiertagen reduzieren, sagt Virologe Martin Stürmer.

Er hält eine Impfung von Kindern auch deshalb für wichtig, um sie vor möglichen Folgeschäden wie Long Covid oder PIMS zu schützen.

In Hessen leben nach Angaben des Sozialministeriums rund 400.000 Kinder dieser Altersgruppe.

Was spricht gegen eine Kinderimpfung?

Die Inzidenzen in der Altersgruppe der Fünf- bis Elfjährigen sind zwar hoch. Schwere Verläufe oder Erkrankungen wie PIMS, die nach einer Corona-Infektion auftreten können, sind laut Barbara Mühlfeld, Kinderärztin und hessische Sprecherin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), aber extrem selten.

"Bisher kann man ganz sicher sagen, dass Kinder deutlich weniger gefährdet sind durch die Infektion und auch durch Long Covid. Selbst doppelt geimpfte Erwachsene, vor allem Ältere, haben im Vergleich ein deutlich höheres Risiko, schwerwiegend zu erkranken und die sind in ihrem Risiko schon sehr reduziert." Deswegen lasse sich aus Verbandsicht bei der aktuellen Datenlage nicht rechtfertigen, die Gruppe der Fünf- bis Elfjährigen proaktiv zu impfen. Auch Long Covid bei Kindern hält sie für derzeit noch nicht ausreichend erforscht.

Auch Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), betont, die Datenlage über die Risiken der Impfung bei Kindern sei noch sehr gering.

Wie wirkt der Impfstoff bei Kindern?

Genauso wie bei Erwachsenen: Durch die Impfung "lernt" das Immunsystem, Antikörper gegen das Oberflächenprotein des Coronavirus aufzubauen. "Wenn es das nächste Mal in Kontakt damit kommt, kann das Immunsystem deutlich schneller reagieren, weil es den Erreger schon mal gesehen hat. Es ruft sozusagen seine Erinnerung ab", erklärt Virologe Stürmer. Im Körper selbst verändere der Impfstoff aber nichts.

Welche Impfstoffe für Kinder sind zugelassen?

Am 25. November hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) grünes Licht gegeben für die Zulassung des Covid-19-Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren. Er ist niedriger konzentriert als der bisherige Impfstoff und hat ein anderes Injektionsvolumen.

Laut EMA soll das Kinder-Vakzin in zwei Impfungen mit einer Dosierung von jeweils zehn Mikrogramm verabreicht werden. Der Abstand zwischen den Impfungen sollte demnach drei Wochen betragen.

Davon, das Erwachsenen-Vakzin in geringerer Dosis an Kinder zu verimpfen wie beispielsweise in Österreich, raten Experten ab: Es könne nicht sichergestellt werden, dass der Wirkstoff dabei richtig dosiert sei.

Wo kann ich meine Kinder impfen lassen?

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder von fünf bis elf Jahren soll noch im Dezember an Kinderarzt-Praxen ausgeliefert werden, die entsprechend Dosen geordert hatten. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) kündigte an, bis Montag, 13. Dezember, ausliefern zu wollen. Laut Kinderärztin Mühlfeld könnten Praxen dann ab Mitte der Woche impfen. Weitere Lieferungen stellte das BMG für Januar 2022 in Aussicht.

Auch Impfzentren können den Kinder-Impfstoff bestellen. Wichtig sei, dass auch dort genügend kinderärztliches Personal für Aufklärungsgespräche zur Verfügung stehe.

Die Kliniken des Main-Taunus-Kreises bieten im Januar spezielle Kinder-Impftage an. Ab 15. Dezember können Eltern ihre Kinder über ein Onlineportal dafür anmelden. Das Terminangebot richtet sich nach der Menge des gelieferten Impfstoffes. Weitere Impfangebote finden Sie beim Sozialministerium.

Warum bieten manche Kinderärzte erst Termine im Januar an?

Bis 7. Dezember konnten Kinderärzte Impfstoff bestellen. Zu diesem Zeitpunkt lag noch keine Empfehlung der Stiko vor. Für BVKJ-Landessprecherin Mühlfeld ein Grund für mögliche Zurückhaltung einiger Kolleginnen und Kollegen. Sie könne sich auch vorstellen, dass einige Ärzte keine Termine mehr anbieten können, weil sie diese bereits an Erwachsene oder über Zwölfjährige vergeben haben. "Ich denke, wenn wir im Januar einen zweiten Schwung, bestellen können, werden deutlich mehr Praxen dabei sein", so Mühlfeld.

Müssen Kinder auch geboostert werden?

Dazu liegen aktuell noch keine Daten vor. Virologe Martin Stürmer geht aber davon aus. Wann genau dieser Zeitpunkt sein wird, könn man noch nicht abschließend sagen. "Man impft mit reduzierter Impfdosis. Kinder haben aber ein stärkeres Immunsystem. Es kann sein, dass es auf den gleichen Abstand wie bei Erwachsenen hinausläuft."

Bedeutet die Omikron-Variante eine größere Gefahr für Kinder?

Dazu liegen aktuell noch keine verlässlichen Daten vor. Virologe Christian Drosten sieht mit Blick auf die Entwicklung in Südafrika aber durchaus die Gefahr, dass Omikron Kinder stärker betrifft als vorherige Varianten. "Was man dort sieht, ist, dass gerade die jüngsten Kinder unter fünf Jahren verstärkt ins Krankenhaus müssen mit schweren Verläufen." Über die Stiko-Empfehlung sei er deshalb froh.

Fünfjährige sind anders entwickelt als Elfjährige. Müsste deshalb nicht noch einmal eine Abstufung in der Dosis vorgenommen werden?

In der Impfstoffentwicklung gibt es sogenannte Dosisfindungs-Studien. Auf dieser Basis wurde die altersabhängige Anpassung für Kinder bis elf Jahre vorgenommen.

In der Medizin habe man sehr viel Erfahrung mit Impfungen im Kindesalter und wisse deshalb, was in den Entwicklungsschritten zu beachten ist, so Martin Stürmer. "Ich kann nicht erkennen, wieso das mit einem mRNA-Impfstoff wie dem von Biontech/Pfizer anders sein sollte."

Faktoren wie unterschiedliches Körpergewicht spielten keine Rolle für die Dosierung eines Impfstoffs, da das Ziel der Impfung keine Verteilung im Körper sei wie zum Beispiel bei der Gabe von Medikamenten, sondern eine lokale Immunreaktion im Oberarm.

In welchen Ländern werden Kinder bereits geimpft?

In den USA werden bereits seit Anfang November Kinder zwischen fünf und elf Jahren mit dem geringer dosierten Vakzin von Biontech/Pfizer geimpft. Nach Regierungsangaben sind bisher rund 3,7 Millionen Kinder einmal geimpft.

Seit Ende November impft auch Israel Kinder unter elf Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer.

Was sagen Studien zur Kinderimpfung?

Für die Zulassungsstudie der EMA haben rund 1.500 Kinder zwischen fünf und elf Jahren den Impfstoff von Biontech/Pfizer erhalten. Eine im "New England Journal of Medicine" veröffentlichte Evaluation stellte nach der Impfung von 2.268 Kindern mit dem selben Vakzin keine schweren impfbedingten Nebenwirkungen fest.

"Die Studien haben gezeigt, dass der Impfstoff auch in der Altersgruppe der Fünf- bis Elfjährigen sehr gut funktioniert", stellt Virologe Stürmer fest. Es seien klassische Impfnebenwirkungen aufgetreten wie Schmerzen im Arm oder Erkältungserscheinungen. "Aber darüber hinaus ist nichts weiter aufgefallen als das, was wir von der Altersgruppe über zwölf Jahren kennen."

Insgesamt wurden bislang aber nur verhältnismäßig wenige Kinder in Studien geimpft. Die Stiko hat deswegen auch Daten aus anderen Ländern geprüft, in denen der Impfstoff schon länger an Fünf- bis Elfjährige verimpft wird, um Rückschlüsse auf seltenere Nebenwirkungen ziehen zu können.

In Israel und den USA, wo schon Kinder geimpft werden, gibt es keine gravierenden Sicherheitsbedenken. Zwar kam es in wenigen Fällen bei Jungen ab zwölf Jahrten nach der zweiten Impfung zu einer Herzmuskelentzündung. Die lässt sich in der Regel aber gut behandeln. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA kommt zu dem Ergebnis, dass jüngere Kinder, die mit einer Covid-19-Infektion in eine Klinik eingeliefert werden, tendenziell kränker und länger angeschlagen sind als Kinder, die beispielsweise mit einer Herzmuskelentzündung eingewiesen werden.

Die Chefin der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde Center for Disease Control and Prevention (CDC), Rochelle Walensky, sagte am Wochenende außerdem, dass nach fünf Millionen Impfungen von Fünf- bis Elfjährigen in den USA bisher kein einziger Fall von Herzmuskelentzündung in dieser Altersgruppe aufgetreten sei.

Gibt es Hinweise auf Impfschäden bei Kindern?

Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Kinder ein höheres Risiko haben, Impfschäden davonzutragen.

Martin Stürmer sagt: "Impfungen im Kindesalter sind gang und gäbe und erprobte Mittel, um Kinder vor Infektionen zu schützen."

Wie hoch ist die Gefahr von Long Covid bei Kindern?

Die Mehrzahl der Kinder entwickelt bei einer Corona-Infektion zwar nur milde oder gar keine Symptome. Mehrere Studien legen aber nahe, dass auch Kinder mit Spätfolgen zu kämpfen haben. Eine Untersuchung der TU Dresden aus dem Oktober 2021 etwa kommt zu dem Ergebnis, dass Kinder und Jugendliche in einer ähnlichen Weise davon betroffen sind wie Erwachsene.

Danach ist das Risiko für junge Covid-19-Patienten, mindestens drei Monate nach einer Infektion Symptome wie Angststörungen und Depressionen, Unwohlsein und rasche Erschöpfung, Husten, Hals- sowie Brustschmerzen zu entwickeln, um 30 Prozent höher als bei Gleichaltrigen ohne Covid-Diagnose im selben Zeitraum. Insgesamt leiden Kinder und Jugendliche der Studie zufolge aber seltener an Post-Covid-Symptomen als Erwachsene.

Barbara Mühlfeld vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte schränkt ein: Es gebe derzeit nur wenige Zahlen zu langfristigen Folgen, "weil wir das Virus noch nicht so lange kennen". Die Datenlage reiche maximal zwei Jahre zurück. "Das ist auch das Problem, das wir bei der Impfung sehen: dass sie besonders bei Jungen Herzmuskelentzündungen verursachen kann, die bislang zwar folgenlos abheilen, soweit wir das sehen können. Aber deren Langfristwirkung wissen wir auch noch nicht genau."

Bei welchen Vorerkrankungen ist eine Impfung von Kindern sinnvoll?

Die Stiko nennt mehrere Krankheiten, die das Risiko bei Kindern für schwere Verläufe oder sogar für Todesfälle im Falle einer Covid-Infektion erhöhen. Dazu zählen schwere Lungenleiden, chronisches Nierenversagen, schwere Herzinsuffizienz, ein eingeschränktes Immunsystem, Tumorerkrankungen, Trisomie 21 mit schweren Begleiterkrankungen oder sehr starkes Übergewicht.

In Hessen dürfte das Angaben des Landesverbands des BVKJ zufolge rund 10 bis 15 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe betreffen.

Eine Asthma-Erkrankung ist laut Barbara Mühlfeld vom BVKJ nicht zwingend ein Grund. "Wenn es gut eingestellt ist, dann braucht es nicht zwingend die Impfung, auch nicht zum eigenen Schutz."

Darf mein Kind geimpft werden, obwohl es eine Allergie hat?

Bei der Impfung von Erwachsenen stellten Allergien wie Heuschnupfen kein Risiko dar. Er gehe davon aus, dass das bei Kindern ähnlich sei, sagt Virologe Stürmer. "Bei schweren Allergikern wäre ich aber vorsichtig, das gilt für Erwachsene wie für Kinder." In diesem Falle sei es Aufgabe des impfenden Arztes, im Vorfeld zu klären, ob eine schwere Allergieneigung vorliege.

Dass die Impfung selbst eine Allergie auslöst, ist Stürmer zufolge eher unwahrscheinlich. Ihre Bestandteile seien "harmloser Natur".

Braucht es zwingend eine Stiko-Empfehlung, um Kinder impfen zu lassen?

Eine Empfehlung der Stiko ist laut Bundesgesundheitsministerium keine zwingende Voraussetzung für eine Impfung. Offiziell dürfen bereits seit der EMA-Zulassung Mitte November Kinder dieser Altersgruppe geimpft werden, wenn es der Arzt für medizinisch notwendig hält.

Die EMA-Empfehlung bezieht sich allerdings nur auf die genaue Dosis von zehn Mikrogramm. Der Hersteller haftet entsprechend nur, wenn das zugelassene Vakzin innerhalb des bestimmungsgemäßen Gebrauchs zu Schäden führt.

Sollte ich besser auf einen Totimpfstoff warten, bis ich mein Kind impfen lasse?

Virologe Stürmer hält nichts davon, mit der Impfung zu warten. Wegen des hohen Infektionsgeschehens durch die Delta-Variante und der neuen Omikron-Variante sei das nicht sinnvoll.

Zudem seien Totimpfstoffe zwar länger erprobt, sie bräuchten aber einen Impfverstärker. "Das sind die Produkte, die eher unerwünschte Nebenwirkungen indizieren. Wer darauf wartet, erkauft sich das wahrscheinlich mit einem höherem Grad an unerwünschten Nebenwirkungen", erklärt er.

Weil ein Totimpfstoff an sich nur eine unzureichende Immunantwort im Körper erzeugt, braucht es Wirkverstärker, die die Immunantwort des Körpers intensivieren. Sie führen häufiger als etwa mRNA-Impfstoffe ohne Verstärker zu vorübergehenden Reaktionen wie einer Verhärtung der Einstichstelle oder Fieber. Vakzine gegen Keuchhusten, Meningokokken oder auch Tetanus- und Diphtherie-Impfstoffe können beispielsweise Aluminiumverbindungen als Wirkverstärker enthalten.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen