Schüler demonstrieren in Wiesbaden für Klimaschutz und halten Plakate hoch
Auch in Wiesbaden wollen Schüler am Freitag wieder für mehr Klimaschutz demonstrieren. Bild © Imago Images

Weltweit gehen am Freitag Schüler wieder auf die Straße, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. In Hessen wollen ebenfalls Tausende mitmachen - auch während der Schulzeit.

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In 1.200 Städten in 92 Ländern auf fünf Kontinenten wollen an diesem Freitag Jugendliche für einen wirksamen Klimaschutz demonstrieren. In Deutschland gibt es allerdings auch Kritik an der von der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg initiierten Aktion, unter anderem, weil die Fridays-for-Future-Demos häufig während der Schulzeit stattfinden und damit die Schulpflicht verletzt wird.

Nichtsdestotrotz wollen auch in vielen hessischen Städten an diesem Freitag tausende Jugendliche auf die Straße gehen. Allein in Frankfurt erwartet die Landesschülervertretung rund 10.000 Demonstranten.

Was sagen die Schüler?

Finn und seine Mitstreiter haben Plakate und Banner für die "Fridays-for-Future"-Demo in Wetzlar vorbereitet. Darauf steht etwa: "There is no Planet B!" oder "Wäre die Welt eine Bank, wäre sie längst gerettet!" Der 15-Jährige besucht die 9. Klasse einer Schule im Lahn-Dill-Kreis.

Finn rechnet mit 200 Teilnehmern. Viele seiner Mitschüler würden aber wohl nicht kommen – die Schule habe angekündigt, bei unentschuldigtem Fehlen hart durchzugreifen.

Ein Plakat mit der Aufschrift "Kohleausstieg jetzt"
Schüler fordern in Wetzlar einen sofortigen Kohleausstieg. Bild © privat

Auch die Frankfurter Schülerin Alice will an der Demo in ihrer Stadt teilnehmen. "Es geht darum, der Politik zu zeigen, dass auch Schüler was können", sagt sie. "Wir sind vom Klimawandel wirklich betroffen."

Julius demonstriert am Freitag in Gießen. Dort werden mindestens 1.000 Teilnehmer erwartet. Die Demonstrationen hätten schon etwas verändert, sagt der 15-Jährige. Bei seinen Mitschülern gebe es ein "großes Interesse am Klimaschutz, etwa an Projekttagen". Und auch ganz konkret ändere sich etwas: "Zuhause gibt es Saft nur noch aus Glasflaschen - nicht mehr aus Plastikflaschen".

In Marburg wird immer am ersten und dritten Freitag eines Monats demonstriert, berichtet die 18-jährige Nike, und zwar schon seit Dezember. "Das war eine spontane Idee. Wir haben von Greta Thunberg gehört und dann ein paar Nachrichten per WhatsApp rumgeschickt. Am nächsten Tag war die Demo." Die Zwölftklässlerin sagt: "Wir müssen das machen, um Aufmerksamkeit zu bekommen."

Schüler demonstrieren auf dem Marktplatz in Marburg.
Nike (vorne rechts) hält eine Rede bei einer Fridays-for-Future-Demo in Marburg. Bild © privat

Was sagen die Schulleiter?

"Es ist ein Dilemma" meint Frank Reuber, Leiter der integrierten Gesamtschule Gießen Ost (GGO), die sogar als Umweltschule ausgezeichnet ist. "Der Einsatz für Umwelt und Klima ist doch genau das, was wir von den Schülern erwarten." Aber: "Das ist keine Aufforderung zur Demo. Denn es besteht Schulpflicht."

Doch von Strafen hält Reuber in dem Fall nichts. In einem Brief an Eltern, Lehrer und Schüler legt der Schulleiter die Teilnahme an den weltweiten Demos als "besonders begründeten Ausnahmefall" aus. Reuber bezieht sich dabei auf das geltende Schulrecht. Eltern müssten dazu beim Klassenlehrer schriftlich einen Antrag auf Befreiung stellen, wenn ihre minderjährigen Kinder zur Demo wollen. "Klar sein muss: Wer demonstriert, muss den Unterricht nachholen."

Weitere Informationen

Liste der Demos

Hier finden diese Woche Fridays-for-Future-Demos statt

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Wolf-Dieter Stein, der das Gymnasium Philippinum in Marburg leitet, meint dagegen: "Die Unterrichtsstunden werden als nicht entschuldigt vermerkt. Es gibt kein Streikrecht für Schüler. Und es wäre ja auch kein Schulstreik, wenn wir das den Schülern erlauben würden." In der Sache findet er aber, hätten die Jugendlichen "ein sehr wichtiges Anliegen", und er begreife die Demos als Anlass, "zum Beispiel in Form von Projekttagen verstärkt auf die Thematik einzugehen".

"Einzelne Projekttage sind sicherlich hilfreich und zielführend", sagt auch Claudia Wolff, Leiterin der Frankfurter Schillerschule. "Wichtiger ist aber, das Bewusstsein im Regelunterricht zu etablieren." Deshalb wolle sie in der 7. Klasse fächerübergreifend einen kontinuierlichen Projektunterricht zum Thema Klima einführen.

Was sagen die Lehrer?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) teilt mit, die Diskussion über Sanktionen solle nur vom Anliegen der Jugendlichen ablenken. Die Landesvorsitzende Maike Wiedwald sagt laut einer Mitteilung: "Wir sehen dieses Engagement mit Freude, denn es zeigt, dass die heutige Generation der Schülerinnen und Schüler alles andere als politikverdrossen oder bequem ist." Schließlich müsse es in der Schule darum gehen, "junge Menschen an eine mündige Teilhabe an der Gesellschaft heranzuführen".

Was sagen die Eltern?

Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats
Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats. Bild © privat

Grundsätzlich unterstütze er die Proteste, sagt Korhan Ekinci, der Vorsitzende des Landeselternbeirats. Auch er selbst sei schon bei mehreren Fridays-for-Future-Demos gewesen. "Ich erlebe die Jugendlichen da sehr durchdacht und sehr bewusst." Und er glaube auch, dass die Proteste einen langfristigen Effekt haben werden - immerhin habe die Landesschülervertretung ihn gebeten, sich dafür einzusetzen, dass "ökologische Grundbildung" an weiterführenden Schulen Teil des Kerncurriculums wird.

Als Vater eingreifen wolle er erst, wenn er den Eindruck habe, dass die Jugendlichen die Kontrolle verlieren. Im Rheingau-Taunus-Kreis, wo er zuhause ist, fänden die Demonstrationen bisher oft nach dem Unterricht oder nach der Zeugnisausgabe statt. "Wenn die Schüler jeden Freitag die Schule verpassen, dann müssen wir darüber reden, ob das noch verhältnismäßig ist."

Was sagt die Politik?

Die staatlichen Schulämter haben die Schulleiter am Mittwoch erneut per Rundschreiben darauf hingewiesen: "Auch wenn das politische Engagement von Schülern Respekt verdient, so rechtfertigt die Teilnahme an einer Demonstration während der Unterrichtszeit nicht das Fernbleiben vom Unterricht." Das Fernbleiben sei als unentschuldigtes Fehlen zu bewerten und entsprechend zu dokumentieren.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hatte bereits bei einer Landtagsdebatte im Februar den Einsatz der Schüler gelobt und die Schulleitungen und Lehrer aufgefordert, mit Augenmaß zu reagieren. Grüne, SPD und Linke hatten das Engagement der Schüler als Zeichen für gelebtes, politisches Handeln bezeichnet, während die FDP kritisierte, dass die Demos während der Schulzeit stattfinden. Die AfD hingegen hatte gesagt, die Fehlzeiten führten zu gebrochenen Bildungskarrieren.

Die Linke hatte sich am Donnerstag in einer Mitteilung erneut "solidarisch" mit den Schülern erklärt. Die Streiks seien "eine angemessene und notwendige Form des zivilen Protestes".