Zwei Männer liegen im Bett und halten Händchen.

Online-Dating - für viele bedeutet das schnelle und unkomplizierte Treffen unter Fremden. Das passt gar nicht in Pandemie-Zeiten, wo man Abstand halten und soziale Kontakte einschränken soll. Wie gehen Singles mit der aktuellen Situation um?

Videobeitrag

Video

zum Video Schwere Zeiten fürs Dating

hs
Ende des Videobeitrags

Für Singles bringt die Corona-Pandemie besondere Probleme mit sich. Das Bedürfnis nach Nähe, Zugehörigkeit, Bestätigung und ja - auch Sex - ist ungebremst. Trotz und vielleicht sogar wegen der Pandemie. Doch Kontakte sollen möglichst beschränkt werden. Das passt nicht zusammen.

Warum er dennoch auf Dates geht, erklärt der 30-jährige Jo aus Wiesbaden. "Weil man, glaube ich, trotzdem den inneren Drang hat, gerade nicht allein zu sein. Und ich glaube, dass man unabhängig von der Pandemie ja trotzdem einen Partner sucht oder einfach gewisse Menschen kennenlernen möchte."

Orte für Zufallsbekanntschaften sind geschlossen

So wie Jo geht es vielen. Knapp 33 Millionen Menschen nutzten im Oktober weltweit die Dating-App Tinder, um potenzielle Partner oder Partnerinnen, One Night Stands oder auch einfach neue Leute kennenzulernen. Das ist kaum verwunderlich, denn Orte wie Cafés, Bars und Clubs, an denen man eine nette Zufallsbekanntschaft macht, sind geschlossen.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So kompliziert ist Dating in Zeiten von Corona

Person hält ein Smartphone
Ende des Audiobeitrags

"Und auch das Flirten an der Supermarktkasse oder in der Bahn wird durch die Masken extrem erschwert", erklärt Claudia Kolbe. Sie ist Sexualtherapeutin und berät Singles und Paare in ihrer Frankfurter Praxis. Manche Singles hätten einen guten Weg gefunden, mit dem ständigen Allein-Sein umzugehen, sagt die Expertin. Sie würden die viele freie Zeit genießen und in sich selbst investieren, um zum Beispiel mit Persönlichkeitscoaches an sich zu arbeiten. Andere hingegen litten tatsächlich stark unter den Einschränkungen.

Dating ist gefährlich - in zweifacher Hinsicht

Single zu sein wird für einige Menschen gerade zur großen Belastung. Aber auch das Dating an sich ist nicht einfach, berichtet Emma aus Wiesbaden. Die 24-Jährige empfindet das Thema Sicherheit als problematisch. "Spaziergänge finden in der Regel an abgelegenen Orten statt. Das ist eine ganz andere Situation, als sich in einem Café zu treffen." Dort seien viele Menschen, man könne also viel schneller aus einer unangenehmen Situation herausgehen.

Emma lebt in einer offenen Beziehung, das heißt sie und ihr Partner treffen jeweils auch andere Leute. Um ihre Kontakte dennoch so gering wie möglich zu halten, datet das Paar jetzt auch gemeinsam: "Das sind dann eben nicht zwei neue Kontakte, sondern nur eine Person." Zwei Haushalte, das ist erlaubt. Und auch Sex ist nicht ausdrücklich verboten.

Spaziergang mit Kaffee-to-go

Der möglichen Gefahren sind sich die Singles aber durchaus bewusst. Deshalb läuft das erste Date in fast allen Fällen so ab, wie Clemens aus Gießen (23) es beschreibt: "Man trifft sich erst mal auf einen Spaziergang mit Kaffee-to-go." Wenn man sich an die Regeln halten möchte, könne es im Grunde nur so ablaufen.

Deshalb mache Dating auch nicht mehr so viel Spaß, findet Frank (30) aus Frankfurt. "Ich finde es langweiliger als vor der Pandemie. Man schreibt sich, in seltenen Fällen kommt dann eine Runde Skype oder telefonieren." Aus Ermangelung an Alternativen gehe man dann spazieren. "Aber es ist halt immer sehr ähnlich und austauschbar."

Sex haben - mit anderen und sich selbst

Trotzdem wollen sich viele erst sicher sein, dass sie die andere Person wirklich gut finden, bevor es den ersten Sex gibt. Dafür schreiben sie offenbar etwas länger als vor Corona miteinander, bevor sie ein Treffen vereinbaren. Wenn es dann aber passt, wird es schnell auch körperlich.

An den ersten Sex in der Pandemie erinnert sich die 34-jährige Nisan aus Frankfurt so: "Das war großartig. Ohne Hintergedanken, ich war einfach voll verknallt und es ist einfach passiert. Da machst du dir auch irgendwie keine Gedanken: Ist das jetzt blöd oder nicht? Dann ist das halt einfach so."

Mit Blick auf Weihnachten steht für alle, mit denen wir gesprochen haben, trotzdem fest, dass sie in der Woche vor dem Fest niemanden mehr treffen werden. Das Risiko, an Weihnachten vor allem ältere Familienmitglieder anzustecken, will niemand eingehen. Und auch alleine könne man ja viel Spaß haben, rät Sexualtherapeutin Kolbe: "Man ist selbst die Person, mit der man am sichersten Sex haben kann." Es gebe viele Toys, Hörbücher, Apps und erotische Literatur. "Also man kann sich's durchaus nett machen - auch mit sich selbst."

Sex als Stigma?

Dass Sex mittlerweile zu einem Stigma geworden wäre, kann Kolbe nicht beobachten. Und auch die Singles haben das Gefühl, immer noch einigermaßen offen über ihr Liebesleben sprechen zu können: "Niemand sagt mir 'Ey, du bist böse, weil du jetzt gerade datest', aber es ist immer so ein 'Pass-Auf' mit drin", sagt Nisan.

Emma findet es sogar wichtig, mehr darüber zu sprechen und auf mögliche Gefahren hinzuweisen: "Da Dating jetzt fast nur noch online möglich ist, gibt es viele, die jetzt damit anfangen und keine Erfahrung haben, worauf man achten muss." Gerade jetzt in der Krisensituation gebe es Leute, die Fakeprofile anlegten und versuchten, die Situation ausnutzen.

Sendung: hessenschau, hr-fernsehen, 14.12.2020, 19.30 Uhr