Symbolbild: Ein Kreuz liegt auf einer offenen Buchseite, auf der das Wort "Missbrauch" hervorgehoben ist.

Können Opfer von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche auf höhere Entschädigungszahlungen hoffen? Auch darum geht bei der Bischofskonferenz in Fulda. Bisher lagen die Beträge in den hessischen Bistümern meist deutlich unter dem, was die Kirche selbst als angemessen ansieht, wie eine hessenschau.de-Umfrage zeigt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Entschädigungen für Missbrauch auch Thema bei Bischofskonferenz

Eine Kirchturmspitze im Gegenlicht vor wolkenverhangenem Himmel.
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Die Zahlungen für die Opfer von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche sind Thema bei der aktuell in Fulda laufenden Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Der Skandal begleitet die Oberhirten seit rund zehn Jahren. Die bisherigen Beträge reichen den Opfern und unterstützenden Verbänden bei weitem nicht aus. Tatsächlich sind gerade einmal etwas mehr als 600.000 Euro in den Bistümern Mainz, Limburg und Fulda geflossen, wie eine Umfrage von hessenschau.de ergab. Gesprochen werden soll in Fulda über eine deutliche Erhöhung der Zahlungen.

Derzeit werden nur 5.000 Euro im Durchschnitt gezahlt

Einem Grundsatzbeschluss vom Frühjahr zufolge will sich die Kirche dabei an der zivilrechtlichen Schmerzensgeldtabelle orientieren. Diese sieht für sexuellen Missbrauch derzeit Summen zwischen 5.000 und 50.000 Euro pro Fall vor. Derzeit zahlt die katholische Kirche Opfern von Missbrauch aber nur durchschnittlich 5.000 Euro. Ob Missbrauchsopfer, die schon Geld bekommen haben, nach einem Beschluss der Bischöfe in Fulda womöglich auf erhöhte Beträge hoffen dürfen - dazu machte ein Sprecher der Bischofskonferenz am Mittwoch keine Angaben.

Wie eine hessenschau.de-Umfrage bei den hessischen Bistümern zeigt, lagen die Zahlungen für die Opfer von sexuellem Missbrauch dort meist noch darunter - nämlich bei 1.000 bis 15.000 Euro. In Fulda erhielt ein Opfer durchschnittlich 3.650 Euro. Hier die Zahlen im Einzelnen:

Höchste Summe im mitgliederstarken Bistum Mainz

Im Bistum Mainz (702.000 Katholiken) sind 341.000 Euro ausgeschüttet worden. Der niedrigste Betrag lag bei 1.000 Euro; der höchste Betrag lag bei 13.000 Euro, wie das Bistum mitteilte. Für Therapien habe das Bistum bislang 123.000 Euro aufgewendet. 64 Anträge auf Anerkennungszahlungen für die Opfer von sexuellem Missbrauch sind dort bislang gestellt worden. Laut der im September 2018 veröffentlichten Missbrauchsstudie (MHG-Studie) waren seit dem Zweiten Weltkrieg 53 Beschuldigte dokumentiert worden. Es gab demzufolge 169 Opfer.

Im Bistum Limburg (593.000 Katholiken) wurden bislang 192.000 Euro gezahlt. Die Einzelbeträge lagen zwischen 1.000 und 15.000 Euro, wie das Bistum mitteilte. Seit dem Jahr 2010 seien 40 Anträge auf Geldzahlungen eingegangen - allen wurde stattgegeben. Laut einer MHG-Folgeuntersuchung gab es im Bistum Limburg 46 Fälle von sexuellem Missbrauch durch Kleriker.

Im kleinsten Bistum auf hessischem Gebiet, dem Bistum Fulda mit seinen rund 375.000 Katholiken, wurden bisher 73.000 Euro den Opfer ausbezahlt. Der niedrigste Betrag zur Anerkennung des Leids, wie es im Kirchen-Jargon heißt, belief sich auf 1.000 Euro. Der höchste Betrag lag bei 10.000 Euro.

Laut der MHG-Studie gab es 116 Betroffene im Bistum Fulda. Bislang wurden in zwanzig Fällen Geldbeträge gezahlt. Durchschnittlich erhielt damit jedes Opfer 3.650 Euro. Viele Missbrauchsopfer leben nicht mehr. "Im Moment sind noch vier Anträge in der Bearbeitung. Zwei Personen wollten ausschließlich therapeutische Unterstützung und 14 Personen haben sich gegen das Stellen eines Antrags entschieden", erklärte Bistumssprecher Robert Eberle auf Anfrage.

Bätzing spricht von "großer Verpflichtung" Opfern gegenüber

Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand

Die Bischöfe wollen noch in dieser Woche ein System für die Anerkennung des von Missbrauchsopfern erlittenen Leides beschließen. Er sehe die "große Verpflichtung", noch auf der bis Donnerstag dauernden Herbstvollversammlung Beschlüsse zu fassen, sagte der DBK-Vorsitzende, Limburgs Bischof Georg Bätzing, in Fulda.

Bätzing erklärte, bei den anvisierten Beschlüssen gehe es um zu zahlende Summen, aber auch um die Installation eines Betroffenen-Beirats sowie eines Gremiums, das dann über die Auszahlung an Betroffene entscheidet. Es sei wichtig, dass es ein bundeseinheitliches System gebe - und keinen Flickenteppich an Einzellösungen in den 27 Bistümern.

Protest vor dem Fuldaer Dom

Protest-Schild steht vor dem Fuldaer Dom

Parallel zu den Beratungen der Bischöfe wollen sich von Missbrauch Betroffene in Fulda zum Austausch und zur Vernetzung treffen. Die Opferinitiative "Eckiger Tisch" ist unter anderem dabei. Bereits am Dienstag machte die Giordano-Bruno-Stiftung mit einer Aktion auf das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche aufmerksam. Auf einem Plakat vor dem Fuldaer Dom war zu lesen: "DAS ist die Katholische Kirche: Missbrauch vertuschen. Entschädigungen auf die lange Bank schieben. Aber Milliarden bunkern!"

Betroffene sind pessimistisch

Die Initiative "Eckiger Tisch" stellt sich derweil auf niedrige Anerkennungszahlungen ein. Man habe Angst vor dem, was sich Verwaltungs-, Finanz- und Rechtsfachleute der katholischen Kirche ausgedacht hätten, ohne die Betroffenen einzubeziehen, sagte der Sprecher der Initiative, Matthias Katsch, am Mittwoch in Fulda. Für angemessen hielte die Initiative nach Katschs Worten Zahlungen in sechsstelliger Höhe, zumal viele Betroffene beispielsweise von Berufsunfähigkeit betroffen seien.

Die Initiative beklagt auch, dass die Kirche mit den Anerkennungszahlungen hinter die ursprünglich diskutierten Entschädigungen zurückfalle, die eine Schuldanerkenntnis beinhaltet hätten. Aus Katschs Sicht wäre es angesichts der Vielzahl der Fälle angemessen, wenn die deutschen Bischöfe geschlossen dem Papst ihren Rücktritt anbieten würden, um so Verantwortung für das "System von Missbrauch und Vertuschung" zu übernehmen.