Rollstuhlfahrerin vor defektem Aufzug

An vielen Bahnhöfen gibt es keine Aufzüge. Und selbst wenn doch, sind sie oft defekt. Aktuell ist das in Hessen bei fast jedem zehnten Aufzug der Fall. Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen stecken so immer wieder am Gleis fest.

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Wer nicht gehen kann, kommt im Moment vom Bahnhof Frankfurt-Rödelheim aus nicht weit. Seit Wochen ist ein Aufzug kaputt, Andreas Brodmann steht regelmäßig vor defekten Türen. Der Frankfurter hilft ehrenamtlich in verschiedenen Pflegeheimen. Drei der Heime stehen in direkter Umgebung des Bahnhofs. Viele Bewohner sitzen im Rollstuhl und kommen nun nicht mehr aufs Gleis zu den Bahnen in Richtung Innenstadt.

Wer barrierefrei zu öffentlichen Verkehrsmitteln kommen muss, hat ein Problem. Von den 128 Aufzügen, die die Deutsche Bahn in Hessen betreibt, ist aktuell gut jeder zehnte kaputt (Stand 22.08.2019). An vielen Bahnsteigen gibt es überhaupt keine Aufzüge. Dabei müssen laut Gesetz bis 2022 alle Bahnhöfe barrierefrei sein. Noch aber gehen Umbau und Reparatur vielerorts höchstens schleppend voran.

"Beschnitten in der Freiheit"

Davon betroffen ist auch Brodmanns Schwester Claudia Neun. Die 43-Jährige hat Multiple Sklerose und sitzt seit 13 Jahren im Rollstuhl. "Ohne den Aufzug kann ich einfach nicht mit den Bahnen fahren, das ist für mich unmöglich", sagt sie.

Auf die Rolltreppe traut sie sich nicht, Bahnhöfe ohne Aufzüge muss sie deshalb umfahren - oder sie stellt erst vor Ort fest, dass sie das Gleis nicht verlassen kann. "Man fühlt sich sehr beschnitten in seiner Freiheit."

Für Andreas Brodmann ist das ein Grund, die Bahn immer wieder auf die kaputten Aufzüge aufmerksam zu machen: "Ich rufe seit vier Wochen alle drei Tage an." Geschehen sei bisher aber nichts. Ähnliches berichtet Hannes Heiler von der Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft: "Der Rekord dürfte bei einem Aufzug im Hauptbahnhof liegen, der ohne Unterbrechung zwei Jahre lang außer Betrieb war."

Die Bahn kündigt währenddessen an, den Aufzug in Rödelheim bis Ende dieser Woche reparieren zu wollen. Eine Sprecherin erklärt auch, warum es manchmal dauert, die Aufzüge wieder flott zu machen: "Sind spezielle Bauteile defekt, die nicht auf Lager sind, kann die Reparatur unter Umständen länger dauern."

Barrierefreiheit lässt auf sich warten

Bei der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF), die für U-Bahnen und Straßenbahnen zuständig ist, liefen solche Reparaturen besser als bei der Deutschen Bahn, sagt Heiler. Seine persönliche Einschätzung für eine flächendeckende Barrierefreiheit ist jedoch düster. An Barrierefreiheit für alle Stationen des ÖPNV glaubt er frühestens 2030. "Bei den Straßenbahnen sieht es jämmerlich aus."

Zum aktuellen Stand bei den S-Bahnen teilt die Deutsche Bahn mit: "Derzeit sind von den insgesamt 110 S-Bahn-Stationen im Rhein-Main-Gebiet bereits 70 Prozent barrierefrei." Für Claudia Neun bedeutet das, dass sie an drei von zehn Stationen ohne Hilfe aufgeschmissen ist. Und in den anderen Fällen läuft es nur besser, wenn nicht mal wieder einer der Aufzüge ausfällt.

Mutter trägt Kinderwagen eine Treppe hoch

Sendung: hessenschau, 26.08.2019, 19.30 Uhr