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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Psychisch Erkrankte: Und jetzt auch noch der Lockdown

Mann hält die Hände vors Gesicht.

Treibt die Kombination Corona-Lockdown-Weihnachten Depressive tiefer in die Krise? Oder kommen ihnen die Kontaktbeschränkungen entgegen? Klar ist, dass die Pandemie auch in Psychiatrien Spuren hinterlässt.

Die 24-jährige Amira leidet unter Depressionen und Ängsten. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie fiel es ihr oft schwer, sich für den Alltag zu motivieren.

Die Studentin, die ihren Nachnamen hier nicht lesen möchte, erzählt: Derzeit müsste sie eigentlich Hausarbeiten schreiben, aber in die Unibibliothek könne sie wegen des Lockdowns nicht mehr gehen. Also sitze sie nur noch zu Hause. "Mein Schreibtisch steht in dem Zimmer, in dem auch mein Bett steht. Es ist sehr verführerisch, sich stattdessen einfach hinzulegen", sagt Amira.

"Wenn nichts mehr stabil ist und ich sowieso nicht stabil bin ..."

Diesen Gedanken werden viele nachvollziehen können, doch für Depressive ist diese Konstellation fatal. Ihr fehlten Struktur und Rhythmus im Alltag, sagt Amira. Sich zu Hause verkriechen - um die Verbreitung des Virus zu stoppen, solle man das gerade ja machen. "Aber das führt bei mir zu einem Teufelskreis, der die depressiven Episoden noch verstärkt."

Mit der Krise nahm auch Amiras Angst zu. "Wenn nichts mehr stabil ist und ich sowieso nicht stabil bin, kann ich mich an noch weniger festhalten", sagt sie. Sie spreche derzeit zweimal wöchentlich per Videochat mit ihrer Therapeutin und nehme seit ein paar Tagen Psychopharamaka - das erste Mal in ihrem Leben.

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zum Video Ehrenamt bei der Telefonseelsorge

hs
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Macht Corona psychisch kranker?

Martin Finger ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt und sitzt im Landesvorstand des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte. "Es ist eine spannende Frage, ob Corona die Menschen psychisch kranker macht oder nicht", sagt Finger. Auf der einen Seite beobachte er bei seinen Patienten durchaus eine Zunahme bei manchen Symptomen, etwa in Bezug auf Ängste oder Depressionen.

Andere Situationen könnten sich dagegen sogar entspannen - auch mit Blick auf die anstehenden Feiertage, die für viele Menschen geprägt seien von besonderen familiären Anspannungen, erläutert Finger: "Es könnte manche Lage entschärfen, wenn sich nicht ganz so viele Menschen auf einmal treffen."

Wichtig sei jedoch, dass auch in diesen Tagen des Lockdowns niemand in die komplette Isolation gehe. "Man soll ja lediglich die Kontakte einschränken", betont Finger. Aus Sicht des Psychiaters ist es deshalb gut, dass es keine komplette Kontaktsperre gibt.

Nicht mehr Suizide

Immer wieder hört man derzeit die Sorge, dass Corona zu mehr Suiziden führen könnte. Auch um die Weihnachtszeit gehen die Zahlen häufig nach oben. Finger geht nicht davon aus, dass sich wegen der Pandemie mehr Menschen umbringen werden.

"Daten aus früheren Krisen wie etwa Kriegen zeigen, dass die Zahlen eher geringer werden, wenn Menschen um ihr Leben kämpfen oder sich sorgen müssen." Sie seien zu sehr damit beschäftigt, sich und andere zu schützen, erklärt Finger. Auch das Landeskriminalamt kann bislang nicht von einer erhöhten Suizidrate berichten.

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Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

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"Betreuen nicht weniger Patienten als sonst"

Für die niedergelassenen Ärzte spricht Finger von einer "allgemein angespannten Situation". Die Arbeit sei wegen der Hygienemaßnahmen und Therapien mittels Videochat zwar komplizierter geworden. Doch: "Die Zahlen innerhalb unseres Berufsverbands zeigen, dass wir derzeit nicht weniger Patienten betreuen als sonst."

Schild: Klinik für Psychiatrie

Johannes Krautheim leitet in der Gießener Vitos Klinik, einer Psychiatrie, den Bereich für Depressionen und Bipolare Störungen. Auch er berichtet zwiespältig von der aktuellen Situation: "Das Virus ernährt sich von Kontakten. Um psychisch gesund zu bleiben, brauchen wir Menschen genau diese Kontakte." Andererseits seien die Kontaktbeschränkungen natürlich wichtig - auch um das psychiatrische Gesundheitssystem am Laufen zu halten.

Krautheim erklärt: Auch in der Vitos Klinik betreue man inzwischen infizierte Patienten. Mit einem aufwändigen Hygienekonzept könne man sie weiter behandeln, so dass andere Patienten und das Personal geschützt würden. Das führe dazu, dass die Kapazitäten derzeit geringer seien. Verschiebbare Aufenthalte würden möglichst verlegt.

Dennoch appelliert der Gießener Psychiater, dass in einer so belastenden Situation wie dieser sich jeder frühzeitig Hilfe hole: Wer an Schlafstörungen leide oder von Ängsten gequält werde, sollte sich nicht zu spät an ihren oder seinen Arzt wenden. Krautheim ist es wichtig zu betonen: Auch in Zeiten des Corona-Lockdowns könne jeder im Notfall Hilfe bekommen.

Sendung: hr4, 18.12.2020, 15.30 Uhr