Im Mittelpunkt der Grafik ist ein Polaroid mit einem Foto des AWO-Kreisvorstandes. Davor hält eine Hand Fäden, die zum AWO-Logo führen.

Am Samstagnachmittag treffen sich Delegierte der AWO-Ortsverbände aus Frankfurt zur Kreiskonferenz. Dort soll über die anhaltende AWO-Affäre diskutiert werden. Einen personellen Neustart wird es aber wohl vorerst nicht geben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found AWO-Affäre: Alte Führungsriege will weitermachen

Durchsuchungen bei der AWO
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Es wird aller Voraussicht nach eine Debatte hinter verschlossenen Türen werden. Wenn sich am Samstagnachmittag die Delegierten der 34 Frankfurter Ortsverbände in der AWO-Zentrale im Ostend treffen, ist der Presse der Zutritt verwehrt. Die Mitglieder sollen sich "losgelöst von der öffentlichen Debatte" austauschen können, heißt es in einer Mitteilung zur Begründung.

Tatsächlich gibt es einiges, worüber sich die AWO-Delegierten "austauschen" müssen. Seit Monaten werden im Wochentakt immer neue Vorwürfe im Zuge der sogenannten AWO-Affäre bekannt: horrende Honorare für Funktionäre, zwielichtige Geschäfte, teure Dienstwagen.

Am Samstag soll darüber geredet werden. Es könnte hoch hergehen. Denn in vielen Ortsvereinen ist der Unmut über die Mauscheleien an der Spitze groß. Und einige Funktionäre, die daran mutmaßlich beteiligt waren, sind nach vor in Amt und Würden.

Vertrauen der Basis schwer beschädigt

Dem Vorstand der Frankfurter AWO scheint dies durchaus bewusst zu sein. Jasmin Kasperkowitz, die nach dem Rückzug des jahrzehntelangen AWO-Geschäftsführers Jürgen Richter an die Spitze des Kreisverbands gerückt ist, kündigte in einem Schreiben an die Mitglieder, das dem hr vorliegt, kurz vor Weihnachten an, notfalls ihren Rücktritt anzubieten:

"Das Vertrauen zu unseren Mitgliedern, Mitarbeiterinnen, den vielen Akteuren in der Stadt und Politik muss auf neue Füße gestellt werden. Dazu wird ein offener Dialog erforderlich sein, und wir müssen ausloten, ob ein Vorstand mit mir an der Spitze dieser wichtigen Aufgabe gerecht werden kann."

Das ist nicht erst seit den von der Frankfurter Staatsanwaltschaft veranlassten Durchsuchungen am vergangenen Dienstag mehr als fraglich. Kasperkowitz soll zwar nicht zu den sechs Beschuldigten gehören, denen die Razzien in Hessen und Berlin galten. Aber sie fuhr einen Luxus-Dienstwagen mit 450 PS. Dafür hat sie sich entschuldigt. Doch das Vertrauen an der Basis ist schwer beschädigt.

Werbebriefe vom amtierenden Vorstand

Für einen Neuanfang bräuchte es konsequenterweise ein neues Präsidium. Doch das kann am Samstag nicht gewählt werden. Die formalen Voraussetzungen für die Ansetzung einer Wahl seien nicht erfüllt, hieß es zur Begründung.

Eine richtige Entscheidung, findet Herbert Stelz im Ortsverein Eckenheim und seit 42 Jahren AWO-Mitglied: "Solange die Aufklärung nicht wirklich stattgefunden hat, kann man ja auch nicht entscheiden: Wer war beteiligt und wer war nicht beteiligt? Wer ist sozusagen unbefleckt und wer ist befleckt?"

Ohne Aufklärung sei die Gefahr zu groß, dass wieder Leute, die in den Skandal verstrickt sind, in bestimmende Positionen geraten. Eine Position, die sein Mit-Ehrenamtler im Ortsverein Eckenheim, Kurt Schomburg, teilt: "Wir kriegen jetzt Werbebriefe sozusagen von dem hauptamtlichen Vorstand. Der möchte gern wiedergewählt werden."

Bewerber aus dem AWO-Sumpf

Gemeint ist wohl ein Schreiben von Klaus Roth. Der Chef des AWO-Bereichs Kindertagesstätten appelliert darin an die Mitglieder: "Ich kenne die AWO wie kaum ein anderer und sage, dass ohne die aktuellen Führungskräfte enormer Schaden entsteht, wenn nicht sogar der Fortbestand des gesamten Verbandes auf dem Spiel steht."

Eine gewagte Auslegung. Roth, der selbst in die AWO-Führung aufrücken sollte, aber verzichtet hat, wirbt hier offen für Vorstandsmitglied Panagiotis Triantafillidis.

Beide sind befreundet. Und beide stecken beide bis zum Hals im AWO-Sumpf. Roth als Geschäftsführer der AWO-Tochterfirma AWO Protect, die steuerfrei 7,1 Millionen Euro von der Stadt Frankfurt für die Bewachung zweier Flüchtlingsunterkünfte kassierte. Triantafillidis, weil er der Stadt - ebenfalls im Zusammenhang mit der Anmietung der beiden Unterkünfte - eine nach Ansicht von Experten vollkommen überzogene Anwaltsrechnung in Höhe von 182.000 Euro ausstellte.

Neuwahlen in drei Wochen

Die Versuche der alten Garde, sich an der Macht zu halten, haben offenbar den AWO-Bundesvorsitzenden Wolfgang Stadler alarmiert. Er reist zur Kreiskonferenz in Frankfurt persönlich an und hat klare Vorgaben im Gepäck: "Wir haben von vornherein gesagt, dass wir eine rückhaltlose Aufklärung betreiben wollen, dass wir alle diejenigen, die dort Schaden auch für die AWO angerichtet haben, zur Verantwortung ziehen."

Es gibt viel zu bereden in der AWO-Versammlung am Samstag. Dort soll auch beschlossen werden, binnen drei Wochen eine neue Kreiskonferenz einzuberufen. Dann dürfte auch ein neues Präsidium gewählt werden.

Sendung: hr-iNFO, 17.01.2020, 8.51 Uhr