Grafische Darstellung einer in der Ecke auf dem Boden sitzende Frau, die sich zum Schutz ihre Hand vor das Gesicht hält.

Ein Mann ist für eine Frau das höchste Lebensrisiko - noch vor Krebserkrankungen, wie Dorothea Blunck vom Landespräventionsrat sagt. Ein Interview zum Weltfrauentag über Gewaltspiralen, Frauenhass und Prävention in der Kita.

In Hessen sind allein im vergangenen Jahr 15 Frauen von ihrem Partner oder Ex getötet worden. Die Spirale der Gewalt beginne aber viel früher und funktioniere immer ähnlich, sagt Dorothea Blunck, Geschäftsführerin vom Landespräventionsrat, der sich beim Land Hessen um Kriminalitätsvorbeugung kümmert.

Blunck war selbst zehn Jahre lang Staatsanwältin. Zum Weltfrauentag an diesem Sonntag sprach sie mit hessenschau.de über Gewalt in den eigenen vier Wänden und darüber, warum Männer anders und massivere Gewalt ausüben als Frauen.

Dorothea Blunck, Landespräventionsrat

hessenschau.de: Frau Blunck, viele denken beim Thema häusliche Gewalt: Das betrifft niemanden, den ich kenne. Die Statistik sagt aber etwas ganz anderes.

Dorothea Blunck: Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex getötet, jeden Tag versucht es ein Mann. Bei häuslicher Gewalt gibt es zudem ein sehr großes Dunkelfeld, aber wir wissen aus einer repräsentativen Studie, dass jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren schon mal Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt geworden ist. Viele haben in der Studie das erste Mal überhaupt darüber gesprochen.

Es ist wahrscheinlich, dass jeder von uns jemanden kennt, der Opfer häuslicher Gewalt geworden ist. Es ist ein Problem, dass der Gewaltbegriff oft von Frauen anders verstanden wird. Sie denken: Die Gewalt fängt erst an, wenn er mich schlägt. Aber sie fängt ja schon viel früher an, zum Beispiel mit ständigen Beleidigungen und Demütigungen. Auch jemanden psychisch runter zu machen, ist eine ganz massive Form von Gewalt.

hessenschau.de: Oft hört man: Warum trennt sich eine Frau nicht einfach, wenn sie geschlagen wird?

Blunck: Weil das alles zu Hause passiert, können sich die Frauen schlecht lösen: Bei einer Wirtshausschlägerei, wo mir jemand eine drüber haut, kann ich mich viel leichter entziehen, als wenn ich eine Nähe-Beziehung habe. Es passiert in meiner Wohnung, wo ich als Frau doch eigentlich einen sicheren Ort haben müsste - der wird plötzlich zum gefährlichsten Ort.

Viele Frauen bleiben aus Angst, und die ist nicht unbegründet: Das Risiko, Opfer von Gewalt und auch Tötungen zu werden, steigt um ein Fünffaches an, wenn die Frauen sich trennen wollen. Wenn die Frau sagt: "Wenn du nicht aufhörst, dann gehe ich", droht der gewalttätige Mann: "Wenn du das machst, tue ich dir und den Kindern was an!" Das kommt oft vor.

hessenschau.de: In Hessen wurden im vergangenen Jahr 15 Frauen vom Partner oder Ex getötet. In einigen Fällen stach der Mann immer wieder auf das Opfer ein, wie im Rausch.

Blunck: Diese brutale Art zu töten, ist fast schon als Frauenhass zu verstehen, der sich entlädt. Und sie spiegelt ein patriarchalisches Besitzdenken wider: Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich niemand haben.

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Das unterscheidet sich auch von der Gewalt, die Männer als Opfer von Partnerschaftsgewalt erfahren. Frauen wenden viel geringere Gewaltformen an, die vom Partner meist gar nicht als beängstigend wahrgenommen werden. Wenn Frauen gegenüber ihrem Partner Gewalt ausüben, geschieht das oft in Form von wütendem Schubsen, Beleidigungen und Anschreien oder einer Ohrfeige - häufig als Reaktion auf zuvor erfolgte Drohungen oder Misshandlungen. Das darf man nicht schönreden, aber die Gewalt, die Männer gegenüber ihrer Partnerin oder Ex-Freundin ausüben, ist viel brachialer und massiver.

Ich kenne keinen Fall, bei dem die Frau ihren Mann umgebracht hat, weil er sich trennen wollte. Das zeigen auch alle europaweiten Statistiken. Frauen töten eher, wenn sie sich aus einer von Gewalt geprägten Beziehung befreien wollen. Trennungstötungen dagegen sind klassische Taten, die von Männern begangen werden. Bei sexualisierter Gewalt, Vergewaltigung, Nötigung und Zwangsprostitution sind die Opfer fast zu 100 Prozent Frauen.

hessenschau.de: Viele Taten werden niemals angezeigt. Trotzdem sind Experten wie Sie schon durch die bekannten Fallzahlen alarmiert.

Blunck: Wir haben bundesweit einen Anstieg bei häuslicher Gewalt. Bei Delikten wie der einfachen und gefährlichen Körperverletzung zum Nachteil von Frauen gab es zwischen 2014 und 2018 einen Anstieg um elf Prozent. Ein Grund dafür kann sein, dass solche Taten mittlerweile häufiger angezeigt werden. Statistisch gesehen ist der gefährlichste Mensch für Frauen ihr Partner oder Ex - das Lebensrisiko ist höher, als an Krebs zu erkranken oder Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden.

Und genau das müssen wir noch viel mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein transportieren. Wir erleben im Europa des 21. Jahrhunderts bei der Gewalt gegen Frauen schwerste geschlechtsspezifische Menschenrechtsverletzungen. Diese werden von ihrem nahen Umfeld begangen und passieren zu Hause. Und was man nicht vergessen darf: Häufig sind Kinder beteiligt. Diese Kinder machen traumatische Erfahrungen, deren Langzeitfolgen wir noch nicht ermessen können.

hessenschau.de: Was wird denn getan, um diese Gewalt zu verhindern oder zu beenden?

Blunck: In der Prävention muss man bereits sehr früh ansetzen, schon im frühkindlichen Bereich. Man kann schon im Kindergarten über Themen wie Gleichstellung von Männern und Frauen, Rollenbilder zwischen Geschlechtern, Respekt und gewaltfreien Umgang sprechen. Ein wichtiger Bestandteil der Prävention in Hessen im Hinblick auf häusliche Gewalt ist auch das Marburger Modell, das auf ganz Hessen ausgeweitet werden soll: Dabei werden Polizei, Gerichte, Staatsanwaltschaften, Jugendamt und Beratungsstellen eng miteinander vernetzt und vor allem die Gerichtshilfe frühzeitig eingebunden.

Wenn die Polizei von einer Tat Kenntnis erlangt, gibt es direkt danach einen Hausbesuch durch einen Mitarbeiter der Gerichtshilfe oder eine Einladung zu einem Gespräch. Das frühe Einbinden der Gerichtshilfe ist bei so einem Fall wichtig, um dem Täter zu zeigen, dass der Staat sich der Sache annimmt und es sich nicht um eine innerfamiliäre Angelegenheit handelt.

Es soll ihn dazu zu bewegen, ein Anti-Gewaltprogramm zu machen und darüber zu sprechen. Die Erfahrung zeigt, dass das helfen kann, und anschließend passiert nichts mehr. Aber hierbei handelt es sich eher selten um Fälle, bei denen der Täter die Frau halb tot geschlagen hat.

Das Gespräch führte Sonja Süß.

Fälle aus Hessen im Jahr 2019

Weitere Informationen

Wenn Sie als Frau von häuslicher Gewalt betroffen sind, können Sie rund um die Uhr kostenfrei das Hilfetelefon anrufen unter der Nummer 08000-116016 oder hier Beratung und Hilfe finden. Der Weiße Ring hilft Opfern von Gewalt. Auch Männer, die ein Aggressions- und Gewaltproblem haben, können (frühzeitig) Hilfe und Beratung bekommen. In der "Wegweiser"-Broschüre der Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt werden Anlaufstellen in Hessen aufgelistet.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 07.03.2020, 19.30 Uhr