Klinikum Frankfurt Höchst
Klinikum Frankfurt Höchst Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Wegen einer drohenden Psychose lässt sich Rainer N. in das Klinikum Frankfurt-Höchst einweisen. Was folgt, ist ein Martyrium. Inzwischen ist der Patient verstorben. Angehörige und Freunde bleiben nach dem Tod des 62-jährigen schockiert zurück.

Videobeitrag
hs

Video

zum Video Psychiatriepatient stirbt nach Unfall in Klinik Frankfurt-Höchst

Ende des Videobeitrags

"Rainer hat gedacht, er geht da mal rein, weil er Angst hatte, er würde eine Psychose kriegen", sagt seine Schwester Ursula N. dem hr: "Dass ich ihn dann auf dem Friedhof besuche, war ein Schock."

Wenige Wochen bevor eine Undercover-Reportage von RTL Missstände in der Psychiatrie-Station D42 des Klinikums Frankfurt-Höchst enthüllte, war Rainer N. an den Langzeitfolgen eines dort erlittenen Unfalls gestorben. Sein Aufenthalt in der Station glich aus Sicht seiner Schwester und von Freunden einem Martyrium, bei dem alles schief lief, was schief laufen konnte.

In der "Aufbewahrungsstation"

Rainer N. war über viele Jahre bei einem Psychiater des Klinikums Frankfurt-Höchst in ambulanter Behandlung. Dank der Unterstützung von Angehörigen, Freunden und eines Sozialarbeiters hatte er sein Leben im Griff, trotz psychischer Leiden. Ausgelöst durch den Tod seiner Mutter verschlechterte sich N.s Zustand, er wurde depressiv und hatte Suizid-Gedanken. Deswegen nahm er im Oktober 2017 das Angebot seines Arztes an und ließ sich in die Psychiatrie einweisen.

Weitere Informationen

Arztbericht

Der Arztbericht, der dem hr vorliegt, stützt die Darstellung einer rein medikamentösen Behandlung. Der einzige darüber hinaus gehende Ansatz war eine Elektrokrampftherapie. Diese nicht unumstrittene Methode soll schwere Depressionen mittels minimaler Stromstöße lindern. Eine zunächst gegebene Zustimmung zog Rainer N.s damaliger gesetzlicher Betreuer wegen möglicher Langzeitfolgen zurück.

Ende der weiteren Informationen

Aus Sicht von N.s Schwester war die Station D42 eine reine Aufbewahrungsstation: "Außer Medikamenten hat er dort nichts bekommen." Und Waltraut Spang, eine Freundin der Familie, ist noch heute schockiert, was sie bei ihren Besuchen in D42 erlebte: "Man hat ihm dort keine Struktur, keine Beschäftigung gegeben. Alles, was er zu Hause hatte, war dort plötzlich weg", sagt Spang. Rainer N. habe Ansprache und menschliche Zuwendung gefehlt.

Fataler Sturz vom Campingstuhl

Dann kommt der 18. Juni 2018: Rainer N. sitzt mit anderen Patienten im Innenhof von D42. Als Sitzmöbel dienen dort einfache Plastikstühle, wie man sie vom Campingplatz kennt. Laut Unfallbericht fiel der mit Psychopharmaka und Schlafmitteln behandelte Mann aus dem Stuhl, stieß mit dem Hinterkopf gegen die Mauer.

Das Foto zeigt einen Unfallbericht der Frankfurter Psychiatrie
Klinikbericht zu Rainer N.s Unfall Bild © hr

Die Angehörigen und Betreuer erfahren vom Klinikpersonal, der Unfall sei beim "Kippeln" geschehen. Laut Unfallbericht hat niemand den genauen Hergang beobachtet, eine anwesende Pflegerin kümmerte sich gerade um einen anderen Patienten.

Halswirbelbruch übersehen

Rainer N. wird in der Unfallabteilung der Klinik untersucht. Trotz des schweren Sturzes werden keine weiteren Untersuchungen vorgenommen. Er kommt zurück nach D42. Zwei Stunden später sacken ihm die Beine weg. Eine daraufhin durchgeführte Computertomographie zeigt einen von den Ärzten zunächst übersehenen doppelten Halswirbelbruch.

Nach der Not-OP wird bei Rainer N. ein multiresistenter Krankenhauskeim (MRSA) festgestellt. Ob er diesen bereits in sich trug oder ob er sich diesen durch die OP zuzog, bleibt ungeklärt. Um die Entzündungen einzudämmen, muss er noch mehrfach operiert werden.

Stilles Leiden

Danach ist es für den vom Hals abwärts gelähmten Mann schwer, eine normale Reha zu finden, weil die meisten Einrichtungen MRSA-Patienten nicht aufnehmen. Am 16. Januar 2019 stirbt Rainer N. an den Folgen der Infektion.

Rainer N.s Tod ist für seine Schwester und Freunde die tragische Folge des Aufenthaltes in einer Klinik, in er nicht gut behandelt wurde. Der stille Mann habe unter den lauten und aggressiven Patienten gelitten, die in der Station D42 den Ton angeben. Er habe sich immer mehr in sich zurückgezogen.

Audiobeitrag
Klinikum Frankfurt Höchst

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Leidensweg von Rainer N. im Klinikum Frankfurt-Höchst

Ende des Audiobeitrags

Kein Gespräch, keine Entschuldigung

Wenn Freunde und Angehörige ihn bei Besuchen für kurze Zeit mit nach draußen nehmen wollten, sei ihnen das unter Verweis auf die Sicherheit verwehrt worden. "Wir waren zu viert und hätten ihn in die Mitte genommen. Man hat uns nicht vertraut, aber wir sollten den Ärzten vertrauen", erinnert sich Waltraut Spang. Seit dem Unfall habe sich niemand aus der Klinik mehr für sie interessiert. Ein klärendes Gespräch oder gar eine Entschuldigung habe es nicht gegeben.

Weitere Informationen

Stühle ausgetauscht

Das Klinikum beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht und äußert sich nicht zu dem Fall. Auch nicht dazu, welche Konsequenzen aus dem Unfall gezogen wurden. Allgemein heißt es auf Anfrage: "Selbstverständlich evaluieren wir jedoch Unfälle und leiten ggf. Maßnahmen ab. So werden zum Beispiel Sturzprotokolle angefertigt und entsprechend ausgewertet." Nach hr-Informationen wurden die Plastikstühle nach Rainer N.s Unfall gegen fest im Boden verankerte Stühle ausgetauscht. Eine reguläre Aufsicht für den Innenhof gab es zum Zeitpunkt des Unfalls nicht.

Ende der weiteren Informationen