Rettungskräfte nach einem Einsatz
Rettungskräfte nach einem Einsatz Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Die meisten Angriffe auf Rettungskräfte kommen vom Patienten, nicht von außen. Konfliktforscher Mario Staller sagt vor einer Retter-Demo in Frankfurt, was Einsatzkräfte dafür trainieren sollten - und warum härtere Strafe in der Situation nicht helfen.

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Rettungswagen im Einsatz in Frankfurt

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Was Sanitäter im Einsatz erleben

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Rettungskräfte und Feuerwehrleute demonstrieren am Samstag in Frankfurt gegen Übergriffe auf sie. Unter dem Motto "Hände weg! Wir sind Eure Rettung" fordern sie Respekt und bitten die Bürger um Solidarität. Was aber sind die häufigsten Attacken? Nicht jene, die in den Medien die meisten Schlagzeilen machen, sagt der Konfliktforscher und frühere Polizist Mario Staller aus Wiesbaden im Interview mit hessenschau.de.

hessenschau.de: Herr Staller, haben Aggression und Gewalt gegen Rettungskräfte zugenommen?

Staller: Wir haben keine verlässlichen Zahlen. Nationale und internationale Studien, zuletzt von der Ruhr-Universität Bochum, stellen fest, dass die befragten Einsatzkräfte im Laufe ihrer Tätigkeit zu 90 Prozent Opfer von verbaler Gewalt werden und zu zirka 60 Prozent körperliche Gewalt erfahren. Wir können davon ausgehen, dass hier besonders häufig Einsatzkräfte antworten, die selbst betroffen sind.

Für ein umfassendes Datenbild fehlen Vollerhebungen. Erste Studien hierzu sind in der Vorbereitung. Was wir sagen können: Gewalterfahrungen gehören in gewisser Weise zum Dienstalltag. Was wir uns genauer anschauen müssen, ist, was in solchen Situation genau abläuft, welche Dynamik in der Interaktion der Beteiligten entsteht.

hessenschau.de: Welche Situation ist denn typisch?

Staller: Dass ein Unbeteiligter den Rettungswagen attackiert, ist die Ausnahme. In der Regel, in bis zu 75 Prozent der Fälle, geht der Übergriff vom Patienten aus, oder ihrem nahen Umfeld. Die Beteiligten befinden sich in einer emotionalen Ausnahmesituation.

Ganz wichtig dabei ist, Schuld von der Auftretenswahrscheinlichkeit zu trennen. Derjenige, der angreift, hat natürlich immer Schuld. Aber wir schauen: Wie kann die Einsatzkraft das Geschehen positiv beeinflussen und was sollte sie vermeiden, so dass die Wahrscheinlichkeit eines Übergriffs sinkt.

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Mario Staller

Dr. Dr. Mario Staller (35) war 15 Jahre Polizist. Er leitet das Institut für Professionelles Konfliktmanagement in Wiesbaden und beschäftigt sich mit Gewalt gegen Rettungs- und Einsatzkräfte und der Professionalisierung von Trainings dazu.

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Mario Staller
Mario Staller Bild © privat

hessenschau.de: Was empfehlen Sie Einsatzkräften?

Staller: Zum Beispiel hat uns eine Einsatzkraft berichtet, dass sie einer alkoholisierten Person mit stark blutender Armwunde helfen wollte. Der Patient zieht den Arm immer wieder zurück, bis die Einsatzkraft sagt: Jetzt halten Sie mal still und lassen sich helfen!

Da hat der Patient ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen - ein großer Gewaltausbruch. Die Einsatzkraft hat das als spontane Attacke empfunden, aber im Gespräch wurde ihr klar: Mensch, das hätte ich früher erkennen können. Die Person wollte sich nicht helfen lassen, und ich habe mich darüber hinweggesetzt. Wir haben auch da - wie häufig - eine Vorgeschichte, eine Dynamik.

hessenschau.de: Wie können Retter so einer Situation begegnen?

Staller: Strategien für solche Situationen kann man lernen. Das erfordert aber Ressourcen und Ausbildungsbedarf. Ich muss meine Emotionen regulieren, das erfordert Energie. Wenn ich zum Beispiel darüber wegsehen will, dass jemand schimpft "Wo bleiben Sie denn so lange?". Wenn ich überlastet und total im Stress bin, dann ist das total schwer, dann neige ich dazu, das mit einer Gegenprovokation zu beantworten.

hessenschau.de: Wo würden Sie ansetzen?

Staller: Nötig wären systematische Trainings. Da gibt es große Defizite. Wir haben eine Trainings- und Anwendungslücke. Nur weil ich das einmal gehört habe, heißt das noch lange nicht, dass ich das einsetzen kann. Da müssen wir uns auch bestehende Schulungen noch einmal anschauen und nach ihrem Praxistransfer untersuchen.

hessenschau.de: Pfefferspray und Schutzwesten sind keine Lösung?

Staller: Kommunikation und das Überdenken des eigenen Verhaltens wären der bessere Ansatz. Mit Pfefferspray und Schutzweste verlasse ich mich eher darauf, statt dies zu tun - und ich sende ein Signal an mein Gegenüber, das die Lage eher zuspitzen könnte.

hessenschau.de: In der öffentlichen Debatte dominieren Fälle wie Angriffe auf Feuerwehrautos an Silvester oder bei Blockupy und Angriffe auf Rettungswagen.

Staller: Wir müssen immer im Kopf behalten, dass diese Fälle der deutlich geringere Anteil sind. Die Strategien müssen in diesen Fällen natürlich etwas andere sein, als wenn der Hilfsbedürftige selbst aggressiv ist. Aber auch da geht es oft um emotional aufgebrachte Personen.

Darum wird eine Strafverschärfung in der konkreten Situation nicht greifen, weil das rationale Denken eher ausgeschaltet ist. Es ist unwahrscheinlich, dass höhere Strafen jemanden davon abhalten. Was eine Strafverschärfung bringt: Es zeigt, dass der Staat hinter mir als Einsatzkraft und meiner Organisation steht.  

hessenschau.de: Nützt die Demonstration von Rettungskräften und Feuerwehrleuten am Samstag in Frankfurt etwas?

Staller: Auf jeden Fall! Der Job ist ungeheuer schwierig. Da sind Leute, die wollen helfen, die wollen die Welt ein Stück besser machen - und dann werden sie Opfer von verbaler oder körperlicher Gewalt. Das ist ungeheuer schwer zu akzeptieren. Das macht es zu einem so emotional besetzten Thema. Aber es gehört zur Einsatzwirklichkeit. So eine Demonstration zeigt, dass es ein öffentliches Thema ist und gibt Zuspruch.

Das Gespräch führte Frank van Bebber.