Ein Schlachter zerteilt Schweine in einer Hausschlachterei.

Nach mehreren Corona-Infektionswellen in Schlachthöfen steht die Fleischindustrie bundesweit am Pranger. In Hessen hat die Landesregierung deshalb zusätzliche Kontrollen angewiesen. Große Sorgen machen sich aber weder Betriebe noch Gewerkschaften.

400 von insgesamt 1.100 Mitarbeitern eines Schlachthofs in Pforzheim in Baden-Württemberg sind an Corona erkrankt. In Coesfeld in Nordrhein-Westfalen sorgt eine Infizierten-Welle beim Schlachterbetrieb Westfleisch sogar dafür, dass die Neuinfektionsrate die zulässige Obergrenze im Landkreis übersteigt. Die geplanten Lockerungsmaßnahmen müssen verschoben werden. Die gesamte Fleischbranche gerät in den vergangenen Tagen wegen mangelhafter Arbeits- und Hygienezustände zusehends an den Pranger.

"Es ist davon auszugehen, dass wir es hier nicht mit einzelnen Vorkommnissen zu tun haben, da die Arbeits- und Lebensbedingungen in der gesamten Fleischwirtschaft vergleichbar sind", warnt die zuständige Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die Industrie sei geprägt von Werkverträgen, "die Tür und Tor für schlechte Arbeitsbedingungen öffnen, gerade in den großen Schlachtereien und Betrieben", sagt der Vorsitzende der NGG Südwest, Uwe Hildebrandt, dem hr.

Bessere Voraussetzungen in Hessen

In Hessen sind laut NGG und dem Verband der Hessischen Fleischwarenindustrie noch keine Corona-Fälle in der Fleischverarbeitung bekannt geworden. Offizielle Zahlen der Landesregierung dazu gibt es nicht, wie aus der Antwort auf einen Dringlichkeitsantrag der Linksfraktion zum Thema Arbeitsschutz ausländischer Saisonarbeiter in Corona-Zeiten hervorgeht. Eine gesonderte Erfassung von Saisonarbeitnehmern sei auch gar nicht vorgesehen, so die Landesregierung.

Zwei der größten Betriebe der Fleischbranche in Hessen sind die Firmen Wilhelm Brandenburg und Hessengut. Wilhelm Brandenburg ist an den Standorten in Frankfurt-Fechenheim und Dreieich (Offenbach) mit insgesamt knapp 2.000 Mitarbeitern für die Belieferung der Rewe-Supermärkte zuständig. Hessengut arbeitet mit rund 300 Beschäftigten in Melsungen für Edeka. Die beiden Großfirmen sind verarbeitende Betriebe ohne eigene Schlachtung.

Dies mache die Lage in Hessen auch etwas anders als in den nun betroffenen Bundesländern. "In den fleischverarbeitenden Betrieben sind die Arbeitsstandards üblicherweise besser als in den großen Schlachtereien", sagt Peter-Martin Cox, der Geschäftsführer der NGG Rhein-Main. Carsten Koch vom Verband der Hessischen Fleischwarenindustrie erläutert: "In Schlachtereien ist alleine die Luftzirkulation eine ganz andere. Da wird viel mehr Luft durch den Betrieb gewirbelt."

"Schon vor Corona schärfste Hygienestandards"

Koch sieht die verarbeitende Branche generell gut gewappnet. Er erklärt exemplarisch für seinen Betrieb, die Firma Eidmann GmbH in Bruchköbel (Main-Kinzig): "Bei uns galten schon vor Corona schärfste Hygienestandards. Mundschutz war schon immer Pflicht. Das heißt, das war für unsere Mitarbeiter nicht einmal eine Umgewöhnung." Präventiv wurden zudem die Arbeitszeiten entzerrt, außerdem arbeiten nun die Beschäftigten in immer gleichen Gruppen. Gebe es doch einmal einen Fall, könne man so verhindern, dass eine Infektion sich im ganzen Betrieb ausbreite, so Koch.

Auch beim Großbetrieb Wilhelm Brandenburg berichtet Gewerkschafter Cox von hohen Standards. "Von der Schuhwaschanlage beim Eintreten bis hin zu Atemmasken - da wurde schon immer sehr darauf geachtet", sagt der NGG-Geschäftsführer. Besonders hervor hebt er aber noch etwas anderes: "200 Personen sind im vergangenem Jahr von Werkverträgen in reguläre Beschäftigung übernommen worden. Sie werden nun sogar nach Tarif bezahlt, mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld". Das sei schon weit vor Corona geschehen, um Mitarbeiter auch längerfristig zu halten und den Gesundheitsschutz zu verbessern.

Risiko Massenunterkunft

Der positive Nebeneffekt, so Cox: "Die nun festangestellten Mitarbeiter werden in eigenen Wohnungen untergebracht, statt wie sonst oft bei Werkvertragsarbeitern durch die Subunternehmer in Massenunterkünften." Denn gerade beim Wohnen auf sehr beengten Raum sieht die Gewerkschaft NGG eines der Hauptrisiken beim Thema Corona-Schutz.

Ein Negativ-Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der wegen Missständen mittlerweile geschlossene Betrieb Wilke Wurst in Nordhessen. Dort waren bis zu sechs Werkvertragsarbeiter in einem Zimmer untergebracht. Auf 200 Quadratmetern lebten 50 Personen - rechnerisch sind das vier Quadratmeter pro Bewohner. Auch bei Wilhelm Brandenburg gebe es weiterhin Werkverträge, sagt Cox. Es seien allerdings weniger als zuvor. Da der Preisdruck generell hoch sei, gebe es fast keine Betriebe, die ohne sie auskämen, schätzt der Gewerkschafter.

Verband wehrt sich gegen Pauschal-Kritik

Carsten Koch vom Verband der Fleischwarenindustrie weist Vorwürfe in Richtung schlechter Unterbringung entschieden zurück. "Dass schäbige Massenunterkünfte der Standard sind, ist ein Mythos." Seiner Meinung nach nutzen die Gewerkschaften die jetzige Situation dazu, gegen Werkverträge mobil zu machen. "Bei uns im Betrieb werden Personen in ganz normalen Apartments untergebracht und zwar maximal zu zweit, weil sie auch oft ihre Ehepartnerin mitnehmen." Auf einem Hofgut lebten fünf weitere Personen - alle mit eigenem Zimmer. "Da ist die Unterbringung vieler Studierender schlechter", sagt Koch.

Ob das flächendeckend so eingehalten würde, könnten aber nur Kontrollen feststellen, betont NGG-Gewerkschafter Hildebrandt. Und genau da sieht er ein anderes Problem: "Wir kritisieren seit langem, dass die Behörden zu wenig kontrollieren." Dies hätten die aktuellen Fälle in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg nun nochmals verdeutlicht.

Landesregierung ordnet Überprüfung an

In Hessen sollen genau diese Kontrollen daher nun intensiviert werden. Man habe die Arbeitsschutzbehörden der Regierungspräsidien in Darmstadt, Gießen und Kassel angewiesen, die Betriebe vor Ort - einschließlich eventuell vorhandener Wohnunterkünfte auf dem Betriebsgelände - zu überprüfen, sagt eine Sprecherin des Sozialministeriums auf Nachfrage.

Doch nach dem Geschmack der Linken kommt diese Maßnahme ein wenig spät. "Ich habe das Gefühl, dass die Landesregierung jetzt erst auf das Thema aufmerksam wird und nun eilig Kontrollen anordnet, weil sie vorher geschlafen hat", bemängelt die landwirtschaftspolitische Sprecherin Heidemarie Scheuch-Paschkewitz.