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Frauenhäuser fordern mehr Mittel für Opferschutz

Gewalt gegen Frauen - keine Seltenheit in Deutschland. Doch was passiert, wenn eine Frau sich vom Gewalttäter lösen will, sich wehrt oder ihn anzeigt? Über Wege aus der Gewalt und Sicherheitslücken im System.

Anfang Juni wurde eine Frau aus Schwalmstadt von ihrem Ex-Partner erschossen, nur Stunden nachdem sie ihn angezeigt hatte. Wegen Körperverletzung, Nötigung und Nachstellen.

Die Polizei sah "keine Anhaltspunkte für eine konkrete Gefährdung der Frau". Wenige Stunden später war sie tot. Für die Polizei Hessen eine "Tötung in Folge der Trennung". Ihr Schicksal steht symbolisch für das vieler Frauen in Deutschland.

Hochrisiko-Analyse nicht die Regel

Christina Clemm vertritt als Fachanwältin für Familien- und Strafrecht seit über 25 Jahren Menschen, die von Gewalt betroffen sind. Häufig bekämen Frauen nicht die notwendige Aufmerksamkeit von der Polizei, wenn sie Bedrohungen, Nötigungen oder Körperverletzungen anzeigen.

Nach solchen Anzeigen komme eine sogenannte Hochrisiko-Analyse nicht regelmäßig vor. Die sei aber wichtig, denn dabei werde geschaut, welches Risiko besteht, welchen Schutz die Person braucht und ob die Polizei Schritte in die Wege leiten kann, etwa den Schutz der Wohnung des Opfers oder aber eine Ansprache an den Täter zu machen.

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Signal for help

Sensibilität gegenüber häuslicher Gewalt - dabei sollen auch Handzeichen helfen. Auf sich aufmerksam zu machen und unauffällig Hilfe zu rufen geht auch in der Öffentlichkeit. Etwa über das sogenannte "Signal for help" (dt. Hilfe-Signal).
Dabei zeigt man die Hand erst offen mit der Handinnenfläche, dann wird der Daumen in die Handinnenfläche gelegt und zum Schluss die vier Finger über den Daumen gelegt. Dieses Zeichen half einem bedrängten Mädchen Anfang Juni in Dortmund. Ein aufmerksamer Passant sah die Geste und holte Hilfe, wie der WDR berichtete.

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Handzeichen als Hilferuf

Opfer-Anwältin: "Da versagt das Schutzsystem"

Stattdessen passiere oft nichts, erzählt die Anwältin. Machten Betroffene Anzeigen, so bekämen sie häufig zu hören, dass bei einer Bedrohung die Polizei nichts tun könne, solange "nicht wirklich etwas geschehen ist". Das sei üblich. "Und da versagt das Schutzsystem", so Clemm. "Ich glaube, man nimmt die Gefahr, die von diesen Tätern ausgeht, immer noch nicht wirklich ernst".

Die Statistik zeigt die Gefahr durchaus: Im vergangenen Jahr wurden 10.410 Fälle von häuslicher Gewalt von der Polizei Hessen erfasst. Jedes Jahr seit 2017 steigt die Zahl der erfassten Fälle an. Über 80 Prozent der Opfer sind weiblich, über 80 Prozent der Tatverdächtigen männlich. Auch das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" verzeichnet mehr Beratungen: Vergangenes Jahr riefen 54.000 Mal Frauen für eine Beratung an - ein Anstieg von fünf Prozent.

Häusliche Gewalt in Hessen laut Po

Beratungsstelle in Wiesbaden: Mehr Frauen trauen sich

Die Entwicklung, dass es seit Jahren einen Anstieg an häuslicher Gewalt gibt, nimmt auch Heike Storch von der Beratungsstelle "Frauen helfen Frauen" in Wiesbaden wahr. Ob mehr Meldungen aber auch mehr Gewalt bedeuten, hinterfragt sie. Es könne auch bedeuten, dass das Thema weniger schambehaftet geworden sei und sich mehr Frauen trauen würden, häusliche Gewalt anzuzeigen, sagt Storch.

"Von den Frauen, die zu uns in die Beratung kommen, erzählen viele, dass sie sehr erleichtert sind, dass sie ihre Scham überwunden haben, überhaupt mit jemandem zu sprechen und die Möglichkeit sehen, aus der Situation rauszukommen", so Storch.

Seit 30 Jahren berät sie Frauen bei häuslicher Gewalt - ein umfassendes Thema: "Das ist nicht nur Schlagen, sondern auch viele andere Dinge. Manche Frauen werden gegen die Wand gedrückt, geschüttelt oder erfahren sexuelle Gewalt. Oder eben psychische Gewalt, wie ein Verbot, Freundinnen zu treffen oder Bedrohungen."

Neben dem Schritt, zur Polizei zu gehen, gibt es für von Gewalt Betroffene noch andere Möglichkeiten, Hilfe zu finden: etwa im Frauenhaus. Doch die Plätze sind knapp, wie ein hr-Bericht zeigt.

Wenn Gewalt tödlich endet

Gewalt, das zeigt die Statistik auch, kann für Frauen tödlich enden - besonders bei Partnerschaftstaten. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland laut Bundeskriminalamt 380 Opfer von Tötungsdelikten. Darunter fallen Opfer von Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen. Etwa 82 Prozent der Opfer waren weiblich. Bei 129 der Opfer blieb es nicht nur beim Versuch, sie zu töten - knapp 91 Prozent von ihnen waren Frauen.

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Femizid

Die Weltgesundheitsorganisation WHO versteht unter Femizid die vorsätzliche Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Laut WHO werden Femizide meist von Männern begangen, meist Partner oder Ex-Partner der Opfer. Sie beinhalten anhaltende Bedrohungen, Einschüchterungen, sexuelle Gewalt oder Situationen, in denen Frauen weniger Macht oder Ressourcen als ihre Partner haben.

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Wie viele dieser Taten Femizide sind, wird nicht erfasst. Denn "Femizid" ist kein anerkannter juristischer Begriff in Deutschland. Anwältin Clemm sagt, es gebe in den letzten Jahren ein verstärktes Bewusstsein für Femizide. Aber die Anerkennung des Begriffs fehle: "In Deutschland ist man immer wieder völlig erschüttert über jeden einzelnen Femizid und framed es als Beziehungstat, als Eifersuchtsdrama, Familiendrama - statt zu sehen. Es gibt hier ein strukturelles Problem."

Andere Länder haben Studien zu Femiziden oder auch eine Meldestelle für Femizide. In Deutschland wird derzeit an der ersten Studie zur Tötung von Frauen in Deutschland gearbeitet. Eine Bundesländer übergreifende Forschungsgruppe von polizeilichen und kriminologischen Expertinnen durchleutet seit diesem Februar dafür Taten, Motive und Rechtssprechung. In drei Jahren soll es Ergebnisse geben.

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Hilfe bei Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen und Mädchen - hier finden Sie Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige:

Bei akuter Gefährdung: Polizeinotruf 110

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer 08000 116 016 rund um die Uhr, kostenfrei, anonym, barrierefrei erreichbar - auch online. Der Anruf und die Nummer erscheinen nicht auf der Telefonabrechnung. Die Beratung erfolgt vertraulich und auf Wunsch anonym. Eine Beratung ist in 18 Fremdsprachen möglich.

Die Beraterinnen leisten psychosoziale Erstberatung sowie Krisenintervention und vermitteln auf Wunsch an Unterstützungseinrichtungen vor Ort weiter, etwa an eine Frauenberatungsstelle oder ein Frauenhaus in der Nähe. Darüber hinaus können sich auch Menschen aus dem sozialen Umfeld der Gewaltbetroffenen an das Hilfetelefon wenden.

Weitere Informationen zu Hilfsangeboten bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen finden sich auf der Internetseite des hessischen Sozialministeriums.

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