Ein Dialyse-Patient liegt während einer Blutwäsche in einem Krankenhaus.

Dialyse-Patient Dieter Pohlmann aus Willingen ist schwer an Covid-19 erkrankt und kämpft sich seitdem zurück. Menschen mit Nierenerkrankung wie er sind besonders ansteckungsgefährdet. Daher fordern Fachärzte für sie eine schnellere Corona-Schutzimpfung.

Vor seiner Corona-Infektion war Dieter Pohlmann ein tatkräftiger Handwerker. Trotz seiner Nierenerkrankung stand der 56-jährige Mann aus Willingen (Waldeck-Frankenberg) als Solo-Selbstständiger mitten im Leben. Seit seiner gerade so überstandenen Corona-Infektion ist er ein Schatten seiner selbst. Pohlmann leidet unter massiven Spätfolgen.

Er ist geschwächt und kurzatmig. Der frühere 98-Kilo-Mann hat 20 Kilo Gewicht verloren. Sein Körper funktioniert nicht mehr wie früher. Er schleppt sich mühevoll auf einen Rollator gestützt durch den Alltag. Bei einer neurologischen Rehabilitation muss er nun wieder laufen lernen. Seine gesamte körperliche Motorik hat einen Totalschaden erlitten.

Die Sprache stockend, den Geschmackssinn verloren

Seit seiner Corona-Katastrophe spricht Pohlmann nur noch stockend. Er muss sich sehr viel zurück erkämpfen. Er hofft auch, dass der Geschmackssinn wiederkommt. "Ob Wurst oder Käse auf dem Brötchen liegt - schmeckt alles gleich", sagt er im Gespräch mit dem hr.

"Es ist zwar deprimierend. Meinen Job kann ich erstmal an den Nagel hängen. Meine Oberarme sind so dünn wie die Unterarme geworden", sagt Pohlmann drei Wochen nach der Entlassung aus der Corona-Behandlung im Uniklinikum Marburg. "Aber ich habe wenigstens überlebt. Es war sehr knapp." Er musste zwei Wochen beatmet werden.

Arm eines Dialyse-Patienten bei der Blutwäsche

Kontakte vermeiden für Dialyse-Patienten unmöglich

Pohlmann gehört als Dialyse-Patient zu einer sehr gefährdeten Risikogruppe. Diese Patienten erkranken häufiger an Corona und sterben schneller daran. Der 56-Jährige ist wegen des geschwächten Immunsystems besonders anfällig für Infektionen. Er sollte Kontakte meiden.

Aber er muss dreimal pro Woche in ein Dialyse-Zentrum gebracht werden - per Krankentransport. In der Klinik wird sein Blut gewaschen, weil es die Nieren nicht mehr schaffen. Wenn das nicht geschieht, stirbt Pohlmann.

Für Dialyse-Patienten ist die Corona-Pandemie besonders prekär. Eigentlich sollen sie Infektionsrisiken strikt aus dem Weg gehen, indem sie möglichst wenig soziale Kontakte haben.

"Aber sie sind der Corona-Gefahr in besonderem Maße ausgesetzt, auch wenn wir in unseren Dialysezentren alle Schutzmaßnahmen umsetzen und hohe Hygienestandards haben", sagt Pohlmanns Arzt, der Korbacher Nieren-Facharzt Günter Giebing. Rund 80.000 Menschen in Deutschland sind derart nierenkrank, dass sie zur Dialyse müssen.

Dialyse-Patient bei der Blutwäsche
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Nieren und Dialyse

Die Nieren haben im Körper wichtige Funktionen. Sie sind an der Regulation des Wassergehalts und des Mineralhaushalts beteiligt. Zudem filtern sie schädliche Substanzen aus dem Blut, die dann mit dem Urin ausgeschieden werden. Wenn sie wegen einer Erkrankung ihre Aufgaben nicht mehr ausreichend erfüllen, kam das früher dem Todesurteil gleich. Dank der Dialyse - der künstlichen Blutwäsche - hat sich das geändert.

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Schnellerer Impfschutz gefordert

Giebing und Fachverbände - wie der Verband Deutsche Nierenzentren und die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) - fordern einen schnelleren Impfschutz für Dialyse-Patienten.

Die Gruppe der nierenkranken Patienten - dazu gehören Dialyse-Patienten, Transplantierte sowie Patienten mit höhergradig eingeschränkter Nierenfunktion, die noch ohne Dialyse auskommen - ist zwar mittlerweile immerhin von der dritten in die zweite Gruppe der Impfberechtigten aufgestiegen. Doch laut den Experten sollten Dialyse-Patienten separat betrachtet und noch stärker priorisiert werden.

In großer Sorge ist auch Julia Weinmann-Menke. Die Professorin an der Universität Mainz ist Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN): "Dialyse-Patienten sind die bei weitem empfindlichste Patientengruppe. Ihre Covid-19-Sterblichkeit ist insgesamt ebenso hoch, wenn nicht sogar höher als die von betagten Menschen über 80 Jahre", erklärt sie.

Die Patienten müssen derzeit hinnehmen, dass sie kein sofortiges Impfangebot erhalten. Das sei angesichts der besonderen Situation "nicht akzeptabel". Denn die Patienten könnten sich schließlich nicht sozial isolieren, sie sind auf die regelmäßige Dialyse angewiesen.

Prof. Julia Weinmann-Menke (Uni Mainz)

Jeder fünfte an Covid-19 erkrankte Dialyse-Patient stirbt

Weinmann-Menke erklärt: Die Dialyse dauere in der Regel vier Stunden und werde dreimal pro Woche durchgeführt. "Die Hygienebedingungen sind sehr hoch und die Patienten sowie das Dialyse-Personal nehmen die Hygieneregeln besonders ernst, aber ein Restrisiko für eine Ansteckung bleibt letztlich immer - sei es während des Transports zur Dialyse oder beim mehrstündigen Aufenthalt im Dialysezentrum."

Wie eine Auswertung der DGfN zeigt, ist jeder fünfte Dialyse-Patient, der an Covid-19 erkrankte, gestorben. "Besondere Sorgen bereiten uns nun die neuen, aggressiveren Mutanten von SARS-CoV-2", sagt Weinmann-Menke.

Die Expertin sieht es daher als vordringlich an, Dialyse-Patienten mit höchster Priorität zu impfen. Das durchschnittliche Alter dieser Patienten beträgt in Deutschland derzeit 68 Jahre, wie der Verband Deutsche Nierenzentren mitteilte. Das bedeutet, dass sie nicht schon von Alters wegen in der höchsten Priorisierungsstufe sind. "Hier muss dringend nachjustiert werden", so Weinmann-Menke.

Mit Ungewissheit in die Reha

Sorgen macht sich auch Dieter Pohlmann um seine künftige Lebensqualität. Ob er die Reha in Bad Zwesten (Schwalm-Eder) wieder vollkommen hergestellt verlassen kann, ist ungewiss. Was er an körperlichen Möglichkeiten wieder zurückgewinnen kann? "Ich habe noch keine Prognosen von den Ärzten bekommen können", berichtet Pohlmann.

Der Korbacher Mediziner Giebing versucht ihm Hoffnung zu machen. "Herr Pohlmann verfügt über einen starken Willen und viel innere Kraft." Die wird ihm wohl auch geholfen haben, die Corona-Infektion zu überstehen - trotz Nierenschaden.