Gegner des A49-Ausbaus demonstrieren im Dannenröder Forst

Vom seit langem geplanten Weiterbau der A49 erhoffen sich viele Bürger Nachtruhe und weniger Durchgangsverkehr. Umweltschützer befürchten einen Kahlschlag im Dannenröder Forst und besetzen ihn seit einer Woche. Ortstermin in Nord- und Osthessen.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Anwohner und Unternehmer hoffen auf den A49-Ausbau

"Wann kommt die A49?", fragt ein Schild am Straßenrand der hoch belasteten B3 in Mittelhessen.
Ende des Audiobeitrags

43 Kilometer Autobahn zwischen Neuental (Schwalm-Eder) und Gemünden (Felda) im Vogelsbergkreis. Die einen protestieren dagegen - die anderen hoffen darauf. Seit 40 Jahren wird über den Autobahnanschluss der A49 an die A5 diskutiert, doch momentan scheinen die Fronten besonders verhärtet. Vor allem rund um den Dannenröder Forst im Vogelsbergkreis, den seit acht Tagen Umweltaktivisten besetzen.

Tausende Lastwagen rattern derzeit täglich zwischen Gießen und Kassel über die Bundesstraße 3, mitten durch Orte wie Josbach (Marburg-Biedenkopf), Gilserberg und Jesberg (beide Schwalm-Eder). "Es ist echt unfassbar, was hier abläuft", sagt eine Anwohnerin in Gilserberg, die namentlich nicht genannt werden will. Gerade nachts sei die Lärmbelästigung so schlimm, dass man nicht bei offenem Fenster schlafen könne. Die Frau schimpft: "Man kommt gar nicht mehr über die Straße!" Sie sei "zu 100 Prozent" für den Ausbau der A49.

Eine junge Mutter aus dem Ort ist ebenfalls klar dafür, äußert aber auch Verständnis für die Kritik der Umweltschützer - teilweise: "Klar, wenn die Wälder da abgeholzt werden, ist das schade. Aber für die Menschen in Gilserberg freuen wir uns."

a-49-karte_eins

Ein Apotheker aus Gilserberg arbeitet direkt an der Bundesstraße. "Eigentlich gilt hier Tempo 50", sagt er. Aber gerade nachts hielten sich viele Lkw nicht daran. Er hofft, dass der Lärm bald ein Ende hat, auch wenn er weiß, dass für den Autobahnbau Wald abgeholzt werden muss. "Man muss immer das Große und Ganze sehen", sagt der Apotheker. Ihm sei wichtig, dass dann woanders auch wieder Wald aufgeforstet wird.

Unternehmen: "Wir brauchen Lückenschluss dringend"

Auch Unternehmer warten seit Jahren auf die Autobahn. "Wir brauchen dringend diesen Lückenschluss", sagt Ullrich Eitel, Geschäftsführer der Marburger Tapetenfabrik in Kirchhain (Marburg-Biedenkopf) und Sprecher des Arbeitskreises A49. Darin ist neben Firmen aus der Region die Kreishandwerkerschaft Marburg-Biedenkopf aktiv. Der Arbeitskreis erwartet mit dem Autobahnbau eine Stärkung der Wirtschaft in der Region. Ebenso die IHK Kassel-Marburg, die mitteilt: "Unternehmen leiden seit Jahren unter hohen Logistikkosten. Pendler müssen lange Wege in Kauf nehmen, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen."

Ullrich Eitel vom Arbeitskreis Ausbau A49 sitzt in seinem Büro

Tapetenfabrikant Eitel ist außerdem der Meinung, dass die zähflüssigen Lkw-Kolonnen auf der B3 der Umwelt mehr schadeten als eine durchgehende Straße. In Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) stünden zudem eine Menge Firmen in den Startlöchern, um nach dem Autobahnanschluss zu investieren. Ein Rückzug von der Planung wäre "ganz schlimm für die Region", meint Eitel.

Baumbesetzer wollen wirtschaftlichen Systemwandel

Die Umweltaktivisten im Dannenröder Forst nördlich von Homberg (Ohm) sehen das komplett anders. Seit voriger Wochen übernachten mehr als 20 Menschen im Wald. Sie haben Baumhäuser auf Bäumen gebaut, die bereits mit weißer Sprühfarbe für die geplante Rodung markiert sind. "Auf den Plakaten bei den Demonstrationen steht oft: Politiker, stoppt den Wahnsinn", sagt eine Aktivistin, die lieber anonym bleiben will. "Und wir glauben: Wir müssen es selber stoppen."

Die Besetzer wollen den Lückenschluss zwischen der bis Neuental fertig gebauten A49 und der A5 unbedingt verhindern und befürworten stattdessen den Ausbau der öffentlichen Verkehrsnetze. Auf ihrer Internetseite schreiben sie, dass sie einen kompletten wirtschaftlichen Systemwandel erreichen wollen: "Jeder - auch noch so gut gemeinte - Versuch, innerhalb des Kapitalismus echte Lösungen für die ökologische Krise zu finden, ist zum Scheitern verurteilt."

"Autobahnbau in Zeiten des Klimaschutzes nicht zeitgemäß"

Die Baumbesetzer werden von Naturschutzgruppen unterstützt, darunter der Naturschutzbund (Nabu), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und verschiedene Bürgerinitiativen. Am Waldrand betreuen sie eine Mahnwache, die gleichzeitig eine Art Versorgungs- und Informationszentrale ist. Dort verteilen sie Flyer an Besucher, sammeln Unterschriften gegen den Autobahnbau und nehmen Essens- und Materialspenden für die Baumbesetzer entgegen.

a-49-karte_zwei

Die Naturschützer wollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen erhalten. Außerdem fürchten sie, dass durch den Autobahnbau ein Trinkwasserschutzgebiet bedroht werden könnte. Nina McDonagh, Sprecherin der Schutzgemeinschaft Gleental, sagt, in Zeiten des Klimaschutzes sei so ein Projekt einfach nicht mehr zeitgemäß.

Am vorigen Sonntag nahmen nach Angaben der Schutzgemeinschaft Gleental fast 300 Interessierte an einem solidarischen Waldspaziergang teil. Ein solcher soll von nun an jeden Sonntag stattfinden, bis Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) "erkannt hat, dass er diesen sinnlosen Plan aufgeben muss", wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Damit die Diskussion friedlich bleibt, hat das Aktionsbündnis "Keine A49" die Befürworter zu einem Runden Tisch eingeladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Denn auch sie wollen eine starke Wirtschaftskraft im Raum Marburg-Biedenkopf, wie sie sagen. Diese sollte dann aber klimafreundlich sein.

Hubschrauber kreist über dem Forst

Die Baumbesetzer rechnen nach eigener Aussage jederzeit damit, dass die Polizei ihre Hütten räumen lässt. Wann genau die Rodung losgeht, ist nicht klar. Die zuständige Firma Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) aus Berlin wollte keinen Kommentar dazu geben. Laut dem zuständigen Polizeipräsidium Osthessen ist aktuell keine Räumung geplant.

Videobeitrag

Video

zum Video Protest gegen A49-Ausbau

hsk1645_011019
Ende des Videobeitrags

Eine Teilnehmerin an der Mahnwache berichtet, dass ab und zu eine Reiterstaffel der Polizei durch den Wald komme, außerdem fliege jeden Tag ein Polizeihubschrauber über das Camp. "Der kommt bedrohlich tief, ich finde das beängstigend", sagt sie. Einer der Baumbesetzer fügt hinzu, man wolle jegliche Konfrontation mit der Polizei vermeiden: "Wir sind friedlich eingestellt. Und ansonsten werden wir ausharren."

Weitere Informationen

Der lange Weg zur A49

Der Bau des rund 43 Kilometer langen Teilstücks der A49 zwischen Neuental und Gemünden (Felda) ist seit den 1960er Jahren in Planung. Der Abschnitt von Neuental bis Schwalmstadt-Treysa ist seit 2010 in Bau. Planfeststellungsbeschlüsse und somit Baurecht gibt es auch für die beiden übrigen Abschnitte zwischen Treysa über Stadtallendorf bis Gemünden. Ein Teil führt durch den Dannenröder Forst.
Klagen von Umweltschützern gegen das Baurecht für die Strecke zwischen Stadtallendorf und Gemünden hat das Bundesverwaltungsgericht im April 2014 abgewiesen. Der BUND und ein Bürger hatten zuletzt beim Wirtschaftsministerium beantragt, das Baurecht für die dritte Ausbaustufe wegen angeblicher Verstöße gegen das Wasserrecht aufzuheben. Das Ministerium lehnte den Antrag Anfang Oktober ab. Die Antragsteller können dagegen vor dem Bundesverwaltungsgericht klagen.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr4, 07.10.2019, 15.30 Uhr