Eine Krankenschwester dokumentiert auf der Intensivstation Behandlungsschritte  (dpa)

Die Zahl der Covid-19-Patienten in Hessens Krankenhäusern steigt wieder deutlich an. Vom bisherigen Höchststand ist man auf den Intensivstationen nicht mehr weit entfernt. Ohne Notbremse könnten die Kliniken in den nächsten Wochen an ihre Grenzen geraten, warnen Experten.

Es war nur eine kurze, wenig ergiebige Verschnaufpause, die die Pandemie den Krankenhäusern gewährt hat. Zwischen Januar und März ist die Zahl der Covid-19-Patientinnen und -Patienten stetig gesunken, doch nun hat die dritte Welle die Kliniken erfasst. "Momentan befinden wir uns vielerorts wieder in einem exponentiellen Anstieg", beobachtet der Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger.

Besonders deutlich zeigt das die hessenweite Zahl der Intensivpatienten: Vor vier Wochen noch lag sie nach Angaben des Sozialministeriums bei gut 300, Ende März schon bei rund 400 und nun bei knapp 470 (Stand: 6. April). Vom bisherigen Höchststand - 572 Intensivpatienten Anfang des Jahres - ist diese Zahl nicht mehr allzu weit entfernt. Insgesamt werden aktuell etwa 1.600 Covid-19-Patientinnen und -Patienten stationär behandelt.

Noch hätten die Krankenhäuser Kapazitäten, so Gramminger. Doch er warnt: "Ohne Notbremse der Lockdown-Lockerungen befürchten wir, dass der exponentielle Anstieg nicht durchbrochen werden kann und wir vor allem auf den Intensivstationen in den nächsten Wochen an unsere Grenzen stoßen werden."

"Noch Intensivpatienten aus zweiter Welle"

Auch wenn die dritte Welle aktuell ähnlich an Fahrt aufnimmt wie die zweite im vergangenen Herbst, sind die Voraussetzungen nun andere. Die Ausgangslage sei nicht gut, warnte die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek in der neuesten Folge des NDR-Podcasts "Das Coronavirus-Update". Noch immer lägen Patienten aus der zweiten Welle auf den Intensivstationen. "Jetzt haben wir schon wieder einen Anstieg, aber von einem sehr hohen Ausgangswert", sagte die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

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Ähnlich erlebt es auch Gramminger. Selbst in der gefühlten Atempause zwischen beiden Welle habe man immer noch mehr Patienten stationär behandelt als in den Spitzenzeiten der ersten Welle, so Gramminger. "Daher war und ist je nach Versorgungsgebiet und den dortigen Inzidenzen die Lage in unseren Krankenhäusern angespannt." Seit März letzten Jahres befinde man sich in einem Ausnahmezustand. "Wir waren immer wieder gezwungen, planbare Operationen zu verschieben."

Auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Krankenhäuser seien extrem belastet, so Gramminger. Der permanente Stress und auch die psychische Belastung infolge der Behandlung an COVID-19-erkrankter Patientinnen und Patienten mache sich immer mehr bemerkbar.

Mehr Jüngere, die länger behandelt werden müssen

Verändert hat sich auch ein weiterer Faktor: Inzwischen müssen immer mehr jüngere Menschen auf den Normal- und Intensivstationen behandelt werden. Das beobachten sowohl Gramminger als auch Ciesek. Denn anders als noch im Winter sind nun viele der älteren, besonders gefährdeten Menschen geimpft – und damit vor schweren Verläufen geschützt. Auch die neuen Virusvarianten, die oft als leichter übertragbar und zum Teil auch gefährlicher gelten, tragen dazu bei, dass Jüngere schwerer erkranken.

Ciesek beobachtet den Zuwachs bei der Belegung der Intensivbetten durch jüngere Patienten mit Sorge. Sie hätten zwar bessere Überlebenschancen als 80- oder 90-Jährige. Aber sie verbrächten auch längere Zeit auf den Intensivstationen, oft Wochen oder sogar Monate, so Ciesek.

Gramminger fordert deswegen, die Impfungen weiter voranzutreiben und die bisherigen Regelungen zu überdenken. "Bürokratische Hürden, wie auch die in der Vergangenheit sicherlich richtige Impf-Priorisierung, sollten einem praktikablen Weg weichen, möglichst schnell, vielen Menschen einen Impfschutz zu ermöglichen."

"Personal weitestgehend durchgeimpft"

Doch auch nach dem Start der Impfungen durch Hausärztinnen und -ärzte in dieser Woche geht es wegen der knappen Impfstoffmenge nur schleppend voran. Rund 774.000 Menschen in Hessen – also etwa 12 Prozent der Bevölkerung - haben die erste Dosis erhalten. Etwa die Hälfte davon ist bereits zweimal geimpft. Bliebe es bei der derzeitigen Geschwindigkeit, wären erst Anfang Oktober alle Menschen aus den beiden höchsten Prioritätsgruppen an der Reihe gewesen.

Doch neben der Abnahme der erkrankten älteren Patientinnen und Patienten zeigt sich immerhin noch eine weitere positive Auswirkung der Impfungen in den Krankenhäusern schon jetzt. "Das Personal unserer Krankenhäuser ist nunmehr weitestgehend durchgeimpft", so Gramminger. Dadurch seien die Krankheitsstände wegen einer Corona-Infektion rückläufig.

Schlimmer als die zweite Welle?

"Es ist und bleibt ein Wettlauf zwischen Virus und Impfung", fasst es Gramminger zusammen. Solange das Virus die Nase vorn habe, müsse man die Impfung mit Kontakteinschränkungen, der Einhaltung von Abstands- und Hygiene-Regeln und engmaschigen Testungen unterstützen.

Ob das im Kampf gegen die dritte Welle ausreicht, ist offen. Noch mag auch Gramminger nicht abschätzen, ob sie schlimmer wird als die zweite Welle. "Es bleibt abzuwarten, wie sich die nächsten Wochen nach den Osterfeiertagen und -ferien weiter entwickeln werden."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 10. April 2021, 19:30 Uhr