In Offenbach werden ab Juni muslimische Sterbebegleiter ausgebildet - ein bundesweit einmaliges Projekt. Der Marburger Islamwissenschaftler Albrecht Fuess spricht von einer "logischen Entwicklung".

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rabia Bechari: "Es hat mich überrascht, dass es das noch gar nicht gibt"

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"Der Prophet Mohammed hat gesagt, niemand solle alleine sterben“, sagt Ahmed Douirani. Ein Mensch mit einer schweren Diagnose erfahre nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer Hinsicht große Schmerzen.

"Deswegen haben Sterbende oft das Bedürfnis nach einer Begleitung", sagt Rabia Bechari, Douiranis Ehefrau. Ihre Seelsorgearbeit ende immer nach wenigen Gesprächen im Krankenhaus. Viele unheilbar Kranke oder deren Angehörige wünschten sich aber, zu Hause weiter begleitet zu werden.

Sterbebegleitung für Muslime

Um eine solche Begleitung hierzulande auch für Muslime möglich zu machen, haben Douirani und Bechari den Verein "Barmherzige Begleitung" in Offenbach gegründet. Dort sollen muslimische Sterbebegleiter ausgebildet werden. Das Projekt ist deutschlandweit einmalig.

Mitte Juni startet der Grundkurs für die Ausbildung. An diesem dürfen alle Interessierten teilnehmen - unabhängig von ihrem religiösen Hintergrund. Anschließend startet der achtmonatige Vertiefungskurs, für den 20 geeignete muslimische Bewerber ausgewählt werden. "Wir haben Interessenten aus ganz Deutschland und sogar welche aus der Schweiz", sagt Bechari. Sie sei überrascht gewesen, dass es dieses Angebot in Deutschland nicht schon längst gebe.

Die werdenden Sterbebegleiter werden während ihrer Ausbildung in die islamischen Riten, in die Totenwaschung und die theologischen Grundlagen über das Lebens nach dem Tod eingeführt. Das an den Verein "Barmherzige Begleitung" angeschlossene Institut "InKurs" will dabei neue Ausbildungsstandards setzen. Die Referenten kommen aus verschiedenen islamischen Verbänden - nicht alle sind unumstritten.

Gastreferent wird mit Muslimbruderschaft in Verbindung gebracht

So steht einer der Referenten, Mohammed Naved Johari, im Verdacht, mit seinem Frankfurter Verein "Islamische Informations- & Serviceleistungen" Verbindungen zum internationalen Netzwerk der Muslimbruderschaft zu pflegen. Das übergeordnete Ziel der Muslimbruderschaft sei die "Errichtung einer auf der Scharia basierenden gesellschaftlichen und politischen Ordnung", schreibt der bayerische Verfassungsschutz.

Ahmed Douirani betont aber, dass das InKurs-Institut, welches die Ausbildung der muslimischen Sterbebegleiter konzipiert hat, "von Ländern, Verbänden und Gemeinden unabhängig" sei. Johari sei lediglich ein Gastredner.

Im Mittelpunkt: die Wünsche des Sterbenden

Auch in der Begleitung der Sterbenden sollen weder politische Themen besprochen noch eine Bekehrung stattfinden. "Im Mittelpunkt der Begleitung stehen die Wünsche der Sterbenden“, sagt Douirani. Es könnten Koranverse rezitiert werden, über die Erwartung des Todes gesprochen werden. Dabei solle die Barmherzigkeit Allahs im Vordergrund stehen, Bestrafungen sollen nicht thematisiert werden.

Muslimische Sterbebegleitung eine "logische Entwicklung"

Albrecht Fuess, Professor für Islamwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg, sieht in dem neuen Angebot der muslimischen Sterbebegleitung eine "logische Entwicklung".

Schon seit Jahren gebe es diese Begleitung im christlichen Kontext. Besonders, weil die Gastarbeitergeneration nun in die Jahre komme, sei das Angebot "sehr sinnvoll". Fuess rechnet mit einem regen Interesse von Sterbenden und deren Angehörigen - gerade im Raum Offenbach, wo viele Muslime leben.

Der große Traum: Ein muslimisches Hospiz

Der große Traum von Douirani und Bechari ist es, irgendwann ein eigenes muslimisches Hospiz zu gründen. Den ersten Schritt auf diesem Wege, der laut Bechari "fünf bis zehn Jahre dauern könnte", haben sie mit der Gründung ihres Vereins nun unternommen.