Ein Mann steht vor einem Bildschirm mit einer Seite für Online-Roulette

Alarmierender Trend: Die Zahl der glücksspielsüchtigen Menschen in Hessen ist im vergangenen Jahr auf mehr als 31.500 gestiegen. Experten befürchten, dass vor allem der Anteil der süchtigen Online-Spieler zunehmen wird. Die Corona-Krise könnte das noch verstärken.

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hessenschau vom 14.07.2020
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Der Nervenkitzel und die Hoffnung auf den großen Gewinn haben das Leben von Christian G. knapp zehn Jahre lang dominiert. Anfangs verspielt der junge Nordhesse, der eigentlich anders heißt, sein Geld in den Casinos und Spielhallen der Umgebung. Als seine Mutter die Spielsucht ihres Sohnes bemerkt, sucht er sich Hilfe beim Diakonischen Werk der Region Kassel. Nach dem Gespräch mit den Suchtberatern entscheidet sich Christian für einen vermeintlich radikalen Schritt: Er lässt sich für alle hessischen Spielhallen sperren.

Doch eine Versuchung bleibt - die der Online-Casinos. Und diese wird für ihn zum Problem, vor allem als er mit seinem ganz persönlichen "Lockdown" zu kämpfen hat, lange vor Corona. Wegen eines Kreuzbandrisses muss sich Christian schonen und ist viel zu Hause. "Daraufhin wurde das alles ein Stück weit schlimmer, insofern, dass ich viel mehr Zeit zum Spielen hatte und keine anderweitigen Beschäftigungen gefunden habe", erzählt er. "Das Geld, das ich durch Krankengeld zur Verfügung hatte, habe ich dann in den Online-Casinos gelassen."

Zahl der Glücksspielsüchtigen steigt

Vor einem knappen Jahr gelingt es Christian sogar, online endlich den lang ersehnten Gewinn zu erbeuten. "Diese 35.000 Euro hätten mich normalerweise aus dem ganzen Schlamassel rausgeholt. Ich wäre dann so gut wie schuldenfrei gewesen." Stattdessen siegt die Sucht, innerhalb weniger Tage ist die fünfstellige Summe verspielt. "Das war eine Situation, die mich psychisch extrem belastet hat und wo ich mir gesagt habe, das kann so nicht weitergehen, sonst verende ich daran."

Wieder wendet er sich an das Diakonische Werk der Region Kassel und findet Hilfe bei den Suchtberatern. Diese beobachten einen gefährlichen Trend, besonders in Bezug auf die Gefahr durch Online-Glücksspiele wie in Christians Fall: In diesem Jahr haben sich bis Mitte Juni bereits 44 Menschen mit diesem Problem an die nordhessischen Suchtberater gewandt - mehr als im kompletten vergangenen Jahr (39).

Landesweite Zahlen zu Online-Glücksspielern gibt es nicht, doch die Statistik der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. zeigt, dass insgesamt immer mehr Menschen glücksspielsüchtig sind. Waren es 2015 noch gut 17.700 Betroffene, stieg die Zahl 2017 auf fast 24.000 und 2019 auf gut 31.500 an.

Online-Glücksspiel eigentlich verboten

Der Anteil der Spieler, die ihre Sucht online befriedigen, wird größer, stellt Petra Hammer-Scheuerer vom Diakonischen Werk der Region Kassel fest. "Wir haben über die Jahre gemerkt, dass die Zunahme von Online-Glücksspielern einfach da ist. Und das wird sich weiter verbreiten." Denn die Plattformen dort haben gegenüber echten Spielhallen Vorteile für die Spieler, die auch Christian schätzte: "Man trägt es quasi mit sich: Das eigene Handy ist das Casino." Außerdem locken höhere Gewinne und sogar Boni, der Nervenkitzel ist größer, der Zugang leicht.

Dabei ist das Online-Glücksspiel um Geld in Deutschland eigentlich weitestgehend verboten, eine Ausnahme gilt nur in Schleswig-Holstein. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag wird sich das allerdings ab Juli nächsten Jahres ändern. Die neue Regelung soll laut Innenministerium einen Spieler- und Jugendschutz ermöglichen und sicherstellen, dass sich die Anbieter an strenge Regeln halten. Nur ein legales Angebot könne auch streng reguliert werden, so die Begründung.

Hammer-Scheuerer sieht in der Änderung aber vor allem eine Gefahr: "Die Marktöffnung bedeutet, dass dann eine hohe Verfügbarkeit da wäre und wir wissen aus unserer fachlichen Arbeit, dass je höher die Verfügbarkeit ist, desto höher sind auch die Suchtgefahren."

Corona-Krise hat negative und positive Wirkung

Auch die Pandemie und die damit verbundenen monatelangen Einschränkungen könnten dem Online-Glücksspiel weiteren Zulauf beschert haben. "Die Corona-Zeit heizt diese Glücksspielform auf jeden Fall an", ist Michaela Jung, Christians Therapeutin, überzeugt. Von Klienten, die vorher schon viel online gespielt haben, habe sie die Rückmeldungen, dass sie verstärkt gespielt hätten. Höhere Summen, mehr Nervenkitzel - das sei gerade in langweiligen Zeiten sehr attraktiv. "Da denke ich, sind sehr viele hängengeblieben", so Jung. Bisher bleibt es bei einzelnen Eindrücken, belastbare Zahlen gibt es noch nicht.

Für andere ihrer Klienten hatte die Corona-Krise sogar einen positiven Effekt, berichtet die Sozialpädagogin. "Die Klienten, die gern in Spielotheken gehen, fanden es eher entlastend. Sie mussten sich gar nicht damit auseinandersetzen, gehe ich da jetzt hin oder bleib ich doch weg oder nehme ich mal nur 20 Euro mit." Es gab schlichtweg keine Möglichkeit, denn Casinos und Spielhallen mussten corona-bedingt für mehrere Wochen schließen.

Auch Christian G. kann sich vorstellen, dass durch die Corona-Zeit mit ihren Einschränkungen und oftmals auch verstärkter Langeweile noch mehr Menschen dem Online-Glücksspiel verfallen sind. Er selbst sagt, er sei gut durch diese Zeit gekommen, dank verschiedener Bewältigungsstrategien, seiner Freundin, der Familie und seinem Hobby, dem Fahrradfahren. Eine Gefahr, rückfällig zu werden, sieht er aktuell nicht. Mit den Folgen hat er trotzdem weiter zu kämpfen: 40.000 Euro Schulden hat er in den zehn Jahren Spielsucht angehäuft, 6.000 Euro sind davon noch offen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 14.07.2020, 19.30 Uhr