Kalmenhof in Idstein

700 Kinder und Jugendliche wurden während der NS-Zeit auf dem Kalmenhof in Idstein umgebracht, weil sie psychisch krank oder behindert waren und deshalb als "lebensunwert" galten. Bis heute sind sie namenlos verscharrt. Das soll sich ändern.

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zum Video Die vergessenen Opfer der NS-Krankenmorde

hessenschau vom 27.01.2020
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Ein altes Schwarz-Weiß-Bild. Die dunkelblonden Locken sind über der Stirn zur Tolle frisiert; ein Tuch um den Hals geknotet, die Augen blicken freundlich und ernst. Ein Konfirmationsfoto, vermutet Martina Hartmann-Menz. Die Historikerin hat das Leben von Ruth Pappenheimer recherchiert. Sie war ein sogenannter "Fürsorgezögling" und wurde gerade mal 18 Jahre alt. "Sie ist durch mehrere Morphiumspritzen hier auf dem Kalmenhof ermordet worden, und sie liegt auch irgendwo auf diesen Gräberfeldern, die bis heute noch nicht so ganz eingegrenzt sind", sagt Hartmann-Menz.

Ermordete hinter dem Krankenhaus verscharrt

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie soll der Opfer vom Kalmenhof gedacht werden?

Ruth Pappenheimer
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Ruth Pappenheimer ist eines von mindestens 700 Opfern der NS-Krankenmorde auf dem Kalmenhof in Idstein (Rheingau-Taunus), die meisten Kinder und Jugendliche. Sie waren behindert, psychisch krank oder galten einfach nur als "schwer erziehbar" - wie Ruth Pappenheimer. Man verscharrte sie damals in den Obstgärten hinter dem Krankenhaus.

Seit den 80er Jahren erinnert ein gemauertes Rondell an diese Verbrechen. Martina Hartmann-Menz deutet von dort aus auf das terrassenförmige Gelände: "Man weiß aus Luftaufnahmen der Amerikaner, dass sich die Grabfelder über den gesamten Hang verteilt haben." Außerdem gebe es die Aussage des Staatsanwaltes vom Kalmenhof-Prozess 1947, der von drei Grabfeldern berichtete.

Martina Hartmann-Menz

Wie geht man angemessen mit diesem düsteren Erbe um? Darüber ist 2016 eine neue Debatte entbrannt. Vitos Rheingau, der heutige Träger der Behinderteneinrichtung, wollte nämlich ausgerechnet das ehemalige Kalmenhof-Krankenhaus verkaufen, in dem die Krankenmorde geschehen sind. Als - so wörtlich - "tolle Immobilie aus den 20er Jahren". Es bedurfte öffentlicher Proteste, das zu verhindern.

Mittlerweile ist Servet Dag Geschäftsführer von Vitos Rheingau. Er setzt auf Transparenz: "Wir haben 2017 einen Forschungsauftrag erteilt, um ein für alle Mal in Erfahrung zu bringen, welche Geschehnisse es im Kalmenhof-Krankenhaus gegeben hat, wo Menschen ihres Lebens beraubt und wo sie verscharrt wurden."

Suche nach Gräberfeldern

Im letzten Sommer untersuchte ein Unternehmen, das mit dem Bund Deutscher Kriegsgräberfürsorge zusammenarbeitet, den Boden rund um das ehemalige Krankenhaus mittels Georadar und einer Drohne. Im Mai soll nun an auffälligen Flächen gegraben werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass sich auch außerhalb des bisherigen Gedenkareals Gräber befinden, auf Parzellen, die man in früheren Jahren verkauft hat.

Martina Hartmann-Menz hat mit anderen Bürgern den Verein "Gedenkort Kalmenhof" gegründet. Der Verein fordert, den jüngsten Verkauf von 2014 rückgängig zu machen und Tote, deren Überreste sich heute auf privaten Grundstücken befinden, umzubetten.

Mittlerweile wurde eine Kalmenhof-Kommission gegründet und eine Zukunftswerkstatt veranstaltet, um die Frage, was aus dem ehemaligen Krankenhaus und aus den Gräberfeldern werden soll, auf breiter gesellschaftlicher Basis zu diskutieren. Vitos-Geschäftsführer Dag versichert, dass die Erkenntnisse aus der Zukunftswerkstatt umgesetzt werden sollen: "Wir wollen zum einen eine soziale Nachnutzung im Kalmenhof-Krankenhaus gewährleisten. Zweitens wollen wir ein würdiges Gedenken für die Opfer schaffen. Das muss kein Widerspruch sein." In welcher Form - und ob unter der Regie des Landeswohlfahrtsverbands, von Vitos oder aber unter der Regie von Menschen, die sich engagieren wollen - ist noch offen. "Fest steht, wir wollen keine kommerzielle Nutzung des Krankenhauses", betont Dag. "Sprich: Es wird keinen Verkauf geben, um dadurch Profit zu erzielen."

Opfer ohne Lobby

Doch es geht um weit mehr als die Frage, was aus der leerstehenden Immobilie wird. Was geschieht mit den Gräberfeldern? Martina Hartmann-Menz erinnert daran, dass es in Idstein einen würdigen Soldatenfriedhof gibt, und fordert dasselbe Recht für die Opfer der Krankenmorde. Das Gräbergesetz, sagt sie, billigt allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft ein Grab mit Namenstafel zu: "Die Menschen, die Opfer der sogenannten Euthanasie wurden, waren nicht nur die schwächsten in der Gesellschaft, sie haben auch bis auf den heutigen Tag keine Lobby." 75 Jahre nach der Befreiung und dem Ende des NS-Regimes hätten sie "immer noch nicht den Platz in der Gedenkkultur, der ihnen gebührt". "Es kann nicht sein, dass diejenigen, die niemals Täter und immer Opfer waren, in der Gedenkkultur kaum eine namentliche Beachtung finden."

Nach Angaben des Innenministeriums liegen auf verschiedenen Gräberfeldern in Hessen mehr als 10.600 Opfer der NS-"Euthanasie". Von Idstein könnte also ein Signal ausgehen, das breite Wirkung hat.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.01.2020, 19.30 Uhr