Sie rangen mit dem Tod und lernen jetzt mühsam wieder auf die Beine zu kommen. Wie geht es den Corona-Kranken, die nach wochenlangem Überlebenskampf die Intensivstation verlassen können? Eine Reportage.

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zum hr-fernsehen.de Video Covid 19 – erstmal überleben… und was dann?

Ein Arzt in einem Patientenzimmer auf der Intensivstation
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Dünne, durchsichtige Schläuche führen ihm Sauerstoff in die Nase, permanent. Er hängt noch an vielen Kabeln. "Kein schönes Bild, aber es geht mir gut", sagt Heinz Rödling aus Nidda. Atemzug um Atemzug kämpfe er sich aus der Intensivstation wieder heraus.

Nach seiner Corona-Infektion musste Rödling drei Wochen ins künstliche Koma versetzt werden. Seine Lunge fiel total aus. Er musste beatmet werden, und dann neu lernen zu schlucken und zu atmen. Und er musste sich das Laufen wieder erobern. Tagelang, wochenlang. "Ohne die Ärzte gäbe es mich nicht mehr", sagt er.

"Wie auf großem Seegang"

In seinen Zimmer liegt noch ein anderer Patient. "Das ist gut. Er passt auf mich auf, wenn ich meine Gehversuche mache und ungeduldig bin. 'Langsam, langsam', mahnt er dann." Denn Heinz Rödling kann es nicht abwarten, wieder laufen zu können.

Noch schafft er nur ein paar Meter. "Die Kraft fehlt. Ich komme mir vor, wie bei großem Seegang. Ich muss vorsichtig sein, dass ich nicht auf die Nase falle." Der 67-Jährige zeigt auf seine Beine, mehr Knochen als Muskeln - die Waden kaum erkennbar: "Das waren mal kräftige Fußballerbeine", sagt er. Doch dann kam Corona.

Als Heinz Rödling auf der Intensivstation im Uniklinikum Gießen und Marburg lag, war seine Lunge übersät mit Entzündungen, sie funktionierte nicht mehr. Eine Maschine, die Blut wusch, hielt ihn am Leben.

"Herr Rödling war einer unserer kränkesten Patienten. Er hatte einen hohen Bedarf an kreislaufunterstützenden Medikamenten und ein fulminantes Lungenversagen mit Lungenersatzverfahren und einer 100-prozentigen Sauerstoffbeimischung zur Atemluft. Das ist die schlimmste Verlaufsform, die wir bisher gesehen haben", sagt der behandelnde Arzt Dr. Hendrik Halfar.

Auf dem Marathon zurück ins Leben

Inzwischen wurde Rödling in eine Station für leichtere Corona-Fälle verlegt. Laut Statistik gehört der Rentner jetzt zu den Genesenen. Er gilt nicht mehr als infektiös. Das Schlimmste hat er überstanden, doch der Marathon zurück ins Leben hat erst begonnen - wie bei allen schwer an Covid19-Erkrankten. Von einem normalen Leben ist der frühere LKW-Fahrer noch weit entfernt.

Lkw-Fahrer

Noch oft hat er Luftnot. Woher er seine Ansteckung mit dem SARS-Cov2-Virus hat, das kann er nicht sicher sagen. Vermutlich aus Begegnungen im Winterurlaub in Sankt Anton (Österreich) im Frühjahr.

Corona hat den 67-Jährigen nachdenklich gemacht. Das Leben lasse ihn jetzt vieles ein bisschen anders sehen. "Ich bin gelassener, freue mich viel mehr über kleine Dinge, die einem wie Wunder vorkommen. Denn noch mal kriege ich die Chance wahrscheinlich nicht", sagt er.

Kein Verständnis für Corona-Leugner

Was ihn ärgert sind Menschen, die die Corona-Einschränkungen ablehnen und Corona leugnen.  "Die sollten sich mal eine Woche ins Intensivbett legen", sagt er. "Eine Woche nicht sprechen können, nichts machen können. Dann demonstrieren die nicht." Sein Weg zurück ins alte Leben? Die Ärzte machen ihm Hoffnung. Vielleicht Ende des Jahres.

Wenn genesene Corona-Patienten alles wieder erlernen müssen, kommen sie in so genannten Weaning-Zentren. Weaning heißt entwöhnen. Weg vom Schlauch für die Beatmung, weg von künstlicher Ernährung. In der Wiesbadener DKD Helios Klinik gibt es ein solches Zentrum. "Die Weaning-Klinik peppelt die Leute nach der Intensivstation wieder auf und bereitet sie auf die Reha vor", erklärt Klinikdirektor Prof. Tobias Bingold. "In den Weaning-Zentren gewöhnen sich die Patienten wieder daran, selbstständig zu atmen, sie lernen wieder zu essen, denn am Schlucken sind viele Muskeln beteiligt, die im Koma nicht bewegt wurden und versteift sind."

"Zeitweise nicht mehr viel Wasser unterm Kiel"

Einer von Bingolds Patienten war bis vor Kurzem der Wiesbadener Thomas Schreiner. Bei dem 63-Jährigen war bei seiner Einlieferung sowohl das Einatmen von Sauerstoff als auch das Ausatmen von Kohlendioxyd stark gestört. Auch die künstliche Beatmung war sehr bald keine Lösung mehr. Der Luftdruck hätte die Lunge zusätzlich schwer geschädigt.

"Es war zeitweise nicht mehr viel Wasser unterm Kiel", sagt Bingold. Schreiners Blut musste in der Zeit des Komas aus einem Bein Tag und Nacht abgenommen und angereichert wieder in den Körper gepumpt werden. Damit er am Leben blieb. Medizinisch ist das kompliziert und riskant. 15 Kilo nahm der Wiesbadener ab. "Im Koma bin ich oft kurz wach geworden. Ich fühlte mich wie in einer Zwangsjacke. Und ins Wasser gedrückt. Mit viel Angst. Da dachtest du, du bist in der Vorstufe zum Jenseits", sagt Schreiner.

Inzwischen ist er in der Reha, der dritten Station aller schwer erkrankten Covid-Patienten. Sein Kurort ist Bad Kissingen in Franken. Nicht weit von der hessisch-bayerischen Grenze kämpft sich der Manager einer Champagnerfirma zurück in sein altes Leben. Wie es ihm geht? "Gut, nach all den Sachen, die ich durchgemacht habe", sagt er. Sechs Wochen auf der Intensivstation und im Weaningzentrum hat er hinter sich.

Noch immer kurzatmig - und ohne Kraft

"Dass ich jetzt hier stehen kann, dass ich gehen und laufen kann, das ist ein Quantensprung, wenn ich überlege, dass ich noch vor drei Wochen im Rollstuhl hier angeliefert wurde", sagt er. Er sei noch etwas kurzatmig, sagt er bei einer Atemübung mit kleinen Bällen. Und die Stimme habe einen anderen Ton als früher. Sie klinge leiser und rauchiger.

"Meine Waden und Oberschenkel waren komplett weg": Patient Thomas Schreiner im Gehroboter

Zwei Flure weiter beginnt die erste Anwendung an diesem Tag. Streckübungen für Hals, Arme und Beine. Er legt sich auf eine Liege. Eine Physiotherapeutin erklärt ihm die Übungen. Die Sehnen sind verkürzt und Muskelfasern haben sich fast überall zurückgebildet. Die müssen wieder kommen. "Meine Waden und Oberschenkel waren komplett weg. Ich hatte keine Kraft auch nur einen Moment zu stehen. Auch das Sitzen war eine echte Tortur", erinnert er sich.

Ein Programmpunkt folgt dem nächsten. Gleichgewicht üben, in die Hocke gehen, Armtraining an einer Seilwand. Täglich macht Schreiner Fortschritte. Etwa beim Gehroboter, wo er aufgehängt wird wie ein Fallschirmspringer, damit er nicht umfällt. Inzwischen kann er damit schon 1.000 Schritte gehen. Danach ist er völlig fertig.

Die Formel: Ein Tag Intensivstation bedeutet eine Woche Reha

Früher war Sport seine Leidenschaft. Er war ein guter Skifahrer. "Ich bin guter Dinge. Ich kann mir vorstellen, dass Sie sogar in kurzer Zeit schon wieder ins Berufsleben zurückkehren können", sagt der Neurologe Franz Xaver Weilbach zu ihm. Schreiner wird wohl noch ein halbes Jahr brauchen, bis das meiste wieder so klappt wie vor Corona. Ein Tag Intensivstation bedeutet eine Woche Reha, rechnen die Mediziner.

Während seines Komas sei das Herz nicht in der Lage gewesen, alle Körperteile zu durchbluten, sagt Schreiner. "Mein linker Finger hat es leider nicht geschafft und musste amputiert werden.". Das sei schon sehr "blöd", denn er sei Linkshänder, scherzt er. "Aber meine Schrift konnte eh keiner mehr lesen. Also ist das kein großer Unterschied", sagt er. Die Wunde ist noch frisch. 

Sein Corona-Drama habe in Ischgl angefangen, sagt Schreiner. Im Auftrag seines Arbeitgebers wollte er dort den Sternecup der Promi-Köche ausrichten: Das ist ein PR-Event und eine Spaßveranstaltung. Anfang März sei er deshalb drei Tage im Paznautal gewesen und habe auch eine Après-Ski-Party besucht. Ein Fehler, sagt er. Dort habe er sich wohl angesteckt.

Zum Glück keine Albträume mehr

Dass Ischgl zum Corona-Hotspot werden würde, habe er nicht geahnt. Dass er nach seiner Reise sechs Wochen auf Intensivstation verbringen würde und später sehr lange in die Reha müsste auch nicht. Zum Glück habe er jetzt keine Albträume mehr. Große Pläne gebe es erst einmal nicht. Zuhause sitzen, die Natur bewusster genießen, das ist sein Ziel. In Urlaub fahren?

"Ich würde nicht in den Flieger gehen oder den Zug, weil ich da Angst habe, ich könnte noch mal so ein Virus bekommen", sagt er. Auch auf Alkohol wolle er erst mal verzichten - auch auf seinen geliebten Champagner.

Den Rat der Ärzte befolge er strikt, ihnen ist er sehr dankbar. Mitte Juni darf er wieder nach Hause. Nach über drei Monaten. Irgendwann will er auch wieder Ski fahren. Vielleicht nächstes Jahr.

Sendung: hr-fernsehen, 02.06.2020, 21.45 Uhr