Tanja Schapat und Tobias Mahnke mit dem Schwellpapier.

Wie erklärt man einem Blinden, wie Feuer aussieht? Gar nicht, man lässt es ihn ertasten. Zwei Chemielehrer an der Marburger Blindenstudienanstalt haben ein Konzept entwickelt, das sie jetzt Lehrern aus ganz Europa präsentieren. Es ist nämlich auch für sehende Schüler interessant.

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"Als erstes untersuchen wir, wie viel Hitze so eine Kerze eigentlich abstrahlt", sagt Tanja Schapat. Sie nimmt die Hände der Schülerin in ihre und führt sie langsam zusammen. In der Mitte, dort wo die Hände sich bald treffen werden, brennt eine Kerze. Schapat sieht die Kerze, die Schülerin nicht - aber sie fühlt sie, umso stärker, je näher die Hände zusammen kommen.

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Blista

Rund 250 Schüler aus ganz Deutschland besuchen die Marburger Blindenstudienanstalt. Die Einrichtung entstand 1916 und bietet heute verschiedene Schul- und Berufsabschlüsse an, unter anderem auch das hessische Landesabitur.

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Schapat unterrichtet Chemie an der Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg. In diesem Fall zeigt sie ihren Unterricht zwar einer hr-Reporterin mit verbundenen Augen, aber auch sonst sehen ihre Schüler wenig bis gar nichts. "Die Kerze steht auf dem Lehrplan, und jeder Chemielehrer liebt Kerzen", sagt Schapat. "Das ist viel lebensnaher als zum Beispiel ein Bunsenbrenner." Die Schüler sollen also im wahrsten Sinn des Wortes begreifen, was Feuer ist - auch wenn sie es nicht sehen können.

Lehrer aus über 20 Ländern

Dafür hat Schapat zusammen mit ihrem Kollegen Tobias Mahnke ein Unterrichtskonzept entwickelt, mit dem sich das Feuer auch erspüren und ertasten lässt - und das sie ab diesem Donnerstag beim Europäischen Science on Stage Festival im portugiesischen Cascais präsentieren, als eins von elf Lehrer-Teams aus Deutschland und als einziges, das sich in erster Linie an blinde Schüler richtet.

Bei dem Festival kommen Lehrkräfte aus über 20 Ländern zusammen, die naturwissenschaftliche Fächer unterrichten und innovative Konzepte entwickelt haben. "Das ist eine coole Sache", sagt Schapat, die sich auf die "riesige Vielfalt" freut und auf neue Anregungen für ihren Unterricht.

Das Papier bildet Krater und Gipfel

In Portugal dabei sein wird auf jeden Fall ihr kleines Knetmodell einer Kerzenflamme, mit einem Streichholz als Docht. So bekommen die Schüler überhaupt eine Vorstellung davon, welche Form eine Flamme hat und wie groß sie ist. "Für Geburtsblinde ist Feuer oft angstbehaftet", sagt Mahnke, "denn bis ein Blinder eine Flamme bemerkt, ist es oft schon zu spät."

Außerdem im Gepäck haben sie ein paar Bögen einseitig beschichtetes Schwellpapier. Das steht im Zentrum ihres Unterrichts "Krater und Gipfel". Wenn das Papier heiß wird, dann kräuselt es sich, und das können die Schüler ertasten. Hält man das Papier also an die Spitze der Flamme, entsteht so ein Gipfel, hält man es mitten in die Flamme über den Docht, entsteht ein Krater. Denn Flammen sind am Rand viel heißer als in der Mitte - eine Erkenntnis, die "für alle Schüler interessant ist", sagt Mahnke, egal ob sie sehen können oder nicht.

"Säure ist ja gar nicht rot"

Modell eines Wassermoleküls aus Holz und aus Magnetklötzen gelegt.

Seit 2008 unterrichtet Schapat an der Blista. "Man muss sich als Lehrerin hier viel mehr Gedanken darüber machen, wie man den Inhalt transportiert", sagt sie, und da helfen dann auch solche Zufalls-Entdeckungen wie die, dass Schwellpapier die Form einer Flamme annehmen kann. Für Mahnke geht es darum, die Kanäle "abseits des Sehens" zu bedienen. "Traditionsgemäß werden Naturwissenschaften visuell unterrichtet", sagt er, was aber nicht immer hilfreich sei.

Hält man zum Beispiel Lackmuspapier in Säure, wird es rot. "Dann merken sich die Schüler: Säure ist rot. Aber das stimmt ja nicht, Säure ist gar nicht rot. Richtig ist: Das Papier ist anders als vorher, weil eine chemische Reaktion stattgefunden hat." Wenn man stattdessen alle Sinne anspreche, "dann schafft das einen Bezug zur Materie, der anders nicht erreichbar ist."

Magnetklötze statt Zeichnungen

Das bedeutet dann: Chemische Verbindungen zeichnen die Schüler nicht, sondern sie legen sie mit Klötzen auf Magnettafeln. "Da wird der Spieltrieb geweckt, und darum geht es doch in den Naturwissenschaften." Das gelte auch für Schüler, die sehen können: "Wenn die dann anfangen zu experimentieren und zu diskutieren, und sie stellen fest: Oh, wenn ich ein HCl-Molekül und ein H2O-Molekül nebeneinanderlege, passiert eine Säure-Base-Reaktion. Das hat dann eine ganz andere Qualität, als wenn sie einfach H2O in ihr Heft schreiben."

Chemie sei schließlich "dynamisch, da muss sich was bewegen", findet Mahnke. Und wenn sich viel bewegt, bewegen sich irgendwann auch die Lehrer - in dem Fall bis nach Portugal.