Lisa Lefèvre und Dennis Schell mit ihrem ausgebauten Kleinbus.

Reisen, im Meer baden und trotzdem Geld verdienen. Für digitale Nomaden, die nur ein Laptop und Internet zum Arbeiten brauchen, ist das möglich. Wir haben mit Menschen aus Hessen gesprochen, die ihr Homeoffice im Koffer mitnehmen.

Auf seinem sonnengebräunten Gesicht hat Daniel Tischer gleich mehrere Schürfwunden. "Ich sehe etwas ramponiert aus", sagt er entschuldigend zu Beginn des Videocalls. "Die sind von einem Surfunfall: Eine große Welle genommen, gestürzt und dann das Brett direkt an den Kopf bekommen."

Tischer berichtet nicht von einem Urlaubserlebnis, sondern aus seinem Alltag. Während Deutschland im tiefen Grau versinkt, sitzt der 42-Jährige bei 30 Grad in Mexiko. Vor dem Balkon seines Apartments wehen die Palmen leicht im Wind, am Horizont ist das Meer zu sehen, die Mittagssonne brennt vom Himmel.  

Daniel Tischer arbeitet von Mexiko aus.

Von Wiesbaden in die Welt

Daniel Tischer ist ein digitaler Nomade. Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in Limburg und seit einigen Jahren ohne festen Wohnsitz in der Welt zuhause. Sein gesamter Besitz für das tägliche Leben passt in einen Handgepäck-Koffer.

Tischer gehört zu den Menschen, die für ihren Job nicht an einen Ort oder ein Büro gebunden sind. Sie benötigen lediglich Internet und technisches Equipment wie einen Laptop beziehungsweise ein Smartphone, um Geld zu verdienen. Das macht ihr Leben so flexibel. Tischer bleibt in der Regel nie länger als ein paar Monate an einem Ort: "Vor Mexiko war ich drei Monate in Portugal, davor eineinhalb Monate in Marokko und davor vier Monate in Chile." 

Das Reisegepäck von Daniel Tischer

Tischer: "Arbeiten am Strand ist nur ein Bild für die Medien" 

Um die Welt reisen, hin und wieder ein paar E-Mails vom Strand verschicken und den Rest des Tages Cocktails in der Sonne trinken – so verlockend sich viele Außenstehende das Nomaden-Leben vielleicht vorstellen, funktioniere es nicht, meint der 42-Jährige. Hinter seinem Traum stecke harte Arbeit und Disziplin. Über Jahre hat er sich gleich mehrere digitale Standbeine aufgebaut.  

Heute erstellt er Websites für Kleinunternehmen, betreibt den erfolgreichsten deutschsprachigen Reiseblog über Lateinamerika, schreibt Reiseführer und leitet Workshops für Nomaden-Interessierte. Parallel hat er Geld in Bitcoins und ETFs investiert. "Ich habe am Anfang auf extrem viel verzichtet, um mir mein Business aufzubauen", sagt er. "Dieses Arbeiten am Strand ist nur ein Bild für die Medien. Mein Tag beginnt um 7 Uhr."

Die Lieblingsländer der digitalen Nomaden

Mexiko, erzählt Tischer sei zur Zeit ein absoluter Hotspot für digitale Nomaden. Dort sei trotz der Corona-Krise vieles möglich, Bars und Geschäfte seien zum Beispiel geöffnet. Beliebt sind laut Tischer auch Thailand, Indonesien, Griechenland, Spanien und Portugal.

Die Nomaden-Branche wächst seit Jahren. Viele Jobs - auch in Festanstellung -  sind inzwischen digital möglich, Plattformen wie Instagram bieten zudem neue Einnahmequellen. Natürlich hat auch jüngst das veränderte Verständnis von Homeoffice in der Corona-Krise dazu beigetragen, dass sich mehr und mehr für ein Nomaden-Leben interessieren.  

Verlässliche Zahlen darüber, wie viele deutsche oder gar hessische digitale Nomaden es gibt, lassen sich schwer ermitteln - auch, weil viele hierzulande gar nicht mehr registriert sind. Auch Tischer gilt in Deutschland offiziell als obdachlos und ist steuerlich in den USA gemeldet. "Das hat den Vorteil, auf die Einnahmen im Ausland nicht besteuert zu werden", sagt er. Ein Punkt, für den digitale Nomaden nicht selten in der Kritik stehen.  

 Ein neues Leben auf sechs Quadratmetern 

Digitale Nomaden

Über 9.000 Kilometer von Tischer in Mexiko entfernt leben Lisa Lefèvre und Dennis Schell in ihrem ausgebauten Van. Auch sie sind digitale Nomaden. Seit vergangenem Sommer fährt das Paar mit Schäferhund Kieron auf sechs Quadratmetern quer durch Deutschland. Wenn es ihnen irgendwo nicht mehr gefällt, ziehen sie weiter. Jeder Tag birgt für sie etwas Neues.  

Für Lisa Lefèvre aus Babenhausen (Darmstadt-Dieburg) hat sich damit ein großer Traum erfüllt. Die 28-Jährige stammt aus einer Camper-Familie, ist Typ Fernweh statt Heimweh. Zu lange an einem Ort und Lefèvre bekommt schlechte Laune. Dass sie mal ein Leben im Van führen wird, stand für sie bereits als Jugendliche fest.

"Beim Gedanken an einen Bürojob kriege ich Panikattacken" 

Dass sie und ihr Freund nicht wie ursprünglich geplant im warmen Süden Europas unterwegs sind, ist Corona geschuldet. Glücklich sind sie mit ihrem Plan B dennoch. Nur das schlechte deutsche Internet lässt sie zwischenzeitlich verzweifeln - schließlich ist das elementar für digitale Nomaden. "Da sind andere Länder so viel weiter als Deutschland", sagt Lefèvre. "Egal wie schön ein Stellplatz ist, nach einem Tag ohne Netz wird Dennis unruhig und drängt zum Aufbruch." Ohne Internet keine Arbeit, ohne Arbeit kein Geld. 

Die beiden arbeiten als Selbstständige in der Eventbranche. Viele Veranstaltungen finden inzwischen ausschließlich online statt, was es ihnen sehr einfach macht. Meetings, Abrechnungen, Verhandlungen: Sie erledigen alles vom Van aus.

Ein starres Leben am Schreibtisch kann sich Lisa Lefèvre gar nicht mehr vorstellen: "Beim Gedanken an einen Bürojob kriege ich Panikattacken. Wenn dir irgendein Sesselpupser sagt, was du zu tun hast." Für Lefèvre und ihren Freund bedeutet es Freiheit, als digitale Nomaden unterwegs zu sein. In ein paar Tagen wollen sie Richtung Schweden aufbrechen.    

Yve Kötting: "Zu 99 Prozent bin ich sehr glücklich" 

Yve Kötting am Strand

Auch Yve Kötting ist seit ein paar Monaten als digitale Nomadin unterwegs. Jahrelang hat die 47-Jährige in Offenbach als Trainerin einer großen Fitnesskette gearbeitet, dann machte sie sich als Personaltrainerin selbstständig, doch kurz darauf kam die Corona-Krise und Kötting musste plötzlich überlegen, wie es für sie weitergehen soll. Die Idee, als digitale Nomadin die Welt zu sehen, hatte sie schon länger, aber erst "Corona hat mir den letzten Hinterntritt geben", meint sie. 

Auf Blogs und in Facebookgruppen beginnt Kötting zu recherchieren und denkt nach, wie sich ihre Arbeit digital umsetzen lässt. Inzwischen verdient sie ihr Geld regulär als Personaltrainerin, indem sie die Stunden einfach online gibt - dafür ist es nämlich egal, ob sie in Deutschland, Portugal oder wie im Moment in Spanien ist. Zusätzlich hat Kötting noch eine Hypnose-Ausbildung gemacht. Auch das läuft langsam an: "Es gibt sehr, sehr selten Momente, in denen ich nachdenke, ob das die richtige Entscheidung war. Zu 99 Prozent bin ich sehr glücklich."

Keine langfristigen Pläne

Doch ob dieses Leben auch langfristig zu ihr passt, weiß Kötting noch nicht. Im Dezember will die 47-Jährige eine Entscheidung treffen, bis dahin lässt sie sich Zeit und bereist weiter den Süden Europas. Lisa Lefèvre und Dennis Schell wollen dagegen auf jeden Fall die nächsten fünf bis zehn Jahre als digitale Nomaden im Van unterwegs sein. Alles andere lassen sie auf sich zukommen.

Daniel Tischer hat bereits letztes Jahr aufgehört, langfristige Pläne zu schmieden. Corona habe gezeigt, dass am Ende doch alles anders kommt. Nur seinen nächsten Aufenthalt hat er schon geplant: Portugal. Das Ticket bucht er One-Way natürlich. So wie immer.