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Busse ohne Fahrer, papierlose Verwaltung: Bad Hersfelds Bürgermeister digitalisiert die Stadt. Er will mehr Lebensqualität erreichen und die Umwelt entlasten. Aber braucht eine Stadt teure Mülleimer, die ihren Füllstand digital übermitteln?

Thomas Fehling hat die Fernbedienung in der Hand. Der parteilose Bürgermeister sitzt in seinem Büro in der Weinstraße 16, die Wände sind mit fast antik anmutendem Holz verziert. Ein riesiger Bildschirm neben der Tür präsentiert Statistiken: 54 Dezibel Lärmbelastung, 100 Prozent belegte Parkplätze auf dem Marktplatz. Zwei städtische Mülleimer sind gefüllt, einer ist leer, erläutert der Hausherr.

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Dann trägt der 51 Jahre alte Bürgermeister seine Vision von "Bad Hersfeld 4.0" vor: Er will die 30.000-Einwohner-Stadt in Osthessen zur "Smart City" machen. Das bringt ihm Lob ein, aber auch politischen Gegenwind. Manchmal fühlen sich die Bürger überfordert.

Aufbruch aus dem "Mittelalter"

"Als ich 2011 Bürgermeister von Bad Hersfeld wurde, hatte ich das Gefühl, im Mittelalter gelandet zu sein", sagt Fehling. Bevor der studierte Wirtschaftsinformatiker Politiker wurde, beschäftigte er sich mit Massendatenverarbeitung bei einem amerikanischen IT-Konzern. Umgehend machte er sich an die Digitalisierung seiner Verwaltung: "Die Schränke hier sind alle fast leer", sagt er. Früher hätten sich im ganzen Büro Akten und Mappen gestapelt.

Als eine der ersten Städte in Deutschland hat Bad Hersfeld 2013 seine Rechnungsprozesse digitalisiert. Eingangsrechnungen werden seitdem gescannt und in das städtische Buchhaltungssystem eingespeist. Das spare Papier, Zeit, Transportwege und Geld, so Fehling. Haben die Hersfelder mal falsch geparkt und sind mit dem Knöllchen nicht einverstanden, können sie im Internet widersprechen. Gewerbescheine können sie rund um die Uhr online beantragen.

Umweltsensoren auf der Terrasse

Doch nicht nur in der Verwaltung kommen neue Technologien zum Einsatz, die das Leben in Bad Hersfeld einfacher machen sollen. Ein neuartiges Parkleitsystem weist freie Parkplätze auf einer Internetplattform aus. Dafür wird etwa der Marktplatz von oben beobachtet, ohne Schranken oder Sensoren im Boden. Bezahlt werden die Parkgebühren per App.

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Auch die Belastung durch Lärm oder umweltschädigende Stoffe soll in Bad Hersfeld reduziert werden. Hierfür stellen Bürger ihre privaten Terrassen für schuhkartongroße "Smartboxen" bereit. Diese messen Feinstaubwerte und Lärm. Per Smartphone können Bürger auch unterwegs die Lärmbelastung ermitteln.

Datenplattform für die Bürger

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Alle Daten – neben Umweltmesswerten auch Angaben über die Auslastung der Parkhäuser und -plätze sowie die Mülleimer – werden gesammelt und frei zugänglich auf einer Plattform im Internet dargestellt. Einerseits zur Information, andererseits um Argumente zu haben für ausreichenden Schallschutz etwa beim Ausbau der Autobahn 4. Standardmäßig würde dabei die Lärmbelastung der Anwohner nämlich nur rechnerisch ermittelt.

Die Straßenbeleuchtung im gesamten Stadtgebiet soll auf energiesparende LED-Lampen umgestellt werden, deren Helligkeit sich in der Nacht herunterregeln lässt. Allein für den Stadtteil Johannesberg könnten so nach den Berechnungen der Stadt 50.000 Euro Stromkosten gespart werden.

"Bürgernutzen im Fokus"

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"Bürgernutzen ist unser oberstes Ziel. Wir führen kein Digitalprojekt der Technik wegen durch", sagt Fehling. Aber er muss aufpassen, seine Bürger nicht abzuhängen.

Einmal ließ Fehling knallgrüne Schließfächer als Paketstation für die Anlieger vor dem Fachwerk des Rathauses aufstellen, ohne die Bürger vorab zu informieren. Es gab einen Aufschrei. Der Lerneffekt: Transparente und schnelle Information über neue Projekte. Auch Fragen des Datenschutzes müssen beachtet werden, etwa wenn Bürger Daten per Handy übermitteln. "Wir sprechen alles mit dem Hessischen Datenschutzbeauftragten ab", so der Rathauschef.

Für Haushalt und Umwelt

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Ab 2022 sollen autonome Busse ohne Fahrer im regulären Betrieb durch Bad Hersfeld fahren, das jährliche 400.000-Euro-Defizit der Verkehrsbetriebe solle dann Vergangenheit sein. Beim Hessentag im Juni sollen solche Busse testweise zum Einsatz kommen - noch mit einem Fahrer, der notfalls eingreifen kann. In der Hersfelder Zeitung heißt es dazu allerdings: "Vom groß angekündigten Shuttle-Verkehr sollte nur noch eine kurze Versuchsstrecke übrig bleiben. Aktuell scheint auch die mangels Betreiber in Frage zu stehen."

Jedes Projekt müsse ein gutes Verhältnis von Kosten und Nutzen haben, sagt der Bürgermeister. Neue Technologien würden teils in der Entwicklungsphase installiert. "Kinderkrankheiten" nennt Fehling die Probleme, die im realen Betrieb in Zusammenarbeit mit dem Entwickler dann behoben würden. Dieser profitiere auch davon und stelle im Gegenzug seine Anwendung günstiger zur Verfügung.

Kosten-Nutzen-Abwägung

Intelligenter Mülleimer in Bad Hersfeld

Wenn die Kosten höher sind als der Nutzen, werden Digitalprojekte in Bad Hersfeld auch wieder eingestellt. So geschehen bei den "smarten" Mülleimern, die den Abfall komprimieren und ihren Füllstand digital übermitteln. Sie sollten in der ganzen Innenstadt aufgestellt werden, der Preis im fünfstelligen Bereich sprach allerdings dagegen. So blieb es bei drei Testtonnen.

Wie kann sich die vergleichsweise kleine Stadt das alles leisten? "Wir haben keine Schwierigkeiten, das zu bezahlen." Fehling probiert Innovationen aus für relativ kleines Geld. Wenn sie umgesetzt werden sollen, entscheide die Stadt über Haushaltsbeschlüsse. Die Stadtverordneten nutzen bei Sitzungen Tablets und bekommen vorab digitale Tagesordnungen zugeschickt.

Digitalisierung Spielwiese des Bürgermeisters?

Es war nicht immer einfach für den Bürgermeister, die Stadtverordneten von seinen Projekten zu überzeugen: "'Jetzt ist der Fehling völlig durchgedreht', haben sie sich gedacht." Als er die Vision einer "Smart City" in seiner Haushaltsrede im November 2015 vorstellte, waren viele skeptisch. Inzwischen habe die Stimmung sich gedreht, sagt der Bürgermeister. Trotzdem musste er sich jüngst erst wieder gegen den Vorwurf wehren, das Thema Smart City sei seine Spielwiese.

Um noch mehr zu digitalisieren, will die Stadt sich um Aufnahme in das Förderprogramm "Smart Cities made in Germany“ bewerben. Dafür stellt das Bundesinnenministerium ausgewählten Städten allein für 2019 rund 170 Millionen Euro zur Verfügung.

Probeläufe in kleinerem Rahmen

Ist Bad Hersfeld wirklich ein Vorreiter auf dem Weg zur Smart City? Eva Schweitzer vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung tut sich schwer mit einer Bewertung – dafür fehle es an empirischen Untersuchungen. Schweitzer lobt aber Fehlings Engagement und nennt seine Projekte "weitreichend und interessant" - jede Stadt solle sich am eigenen Bedarf orientieren.

Als Vorreiter in der Digitalisierung gelten oft Großstädte. Darmstadt (Südhessen) wurde 2017 vom Digitalverband Bitkom als "Digitale Stadt" ausgezeichnet. Am Wettbewerb teilnehmen durften nur Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Doch auch auf dem Land sei Digitalisierung sinnvoll, sagt die Expertin Schweitzer. Bad Hersfeld ist die nach Einwohnern kleinste Stadt, die im "Smart City Atlas" von Fraunhofer Institut und Bitkom auftaucht. Es sei manchmal sogar einfacher, Lösungen in kleinerem Rahmen auszuprobieren.

Der Bad Hersfelder Bürgermeister will die Digitalisierung ländlicher Regionen mitgestalten und wünscht sich, dass auch andere Städte Mut bei der Digitalisierung zeigen. Sagt’s und legt eine Visitenkarte auf den mächtigen Tisch seines Büros. Auf deren Rückseite ein QR-Code, über den man per Smartphone auf die Webseite des Hessentags 2019 in der Stadt gelangt.