Sie ist schon mehrfach kostspielig restauriert worden: Die Justitia-Figur des Gerechtigkeitsbrunnens auf dem Frankfurter Römer. Zuletzt meinte die Stadt, das Kulturdenkmal sei Opfer eines Säureanschlags geworden. Doch diese Geschichte stimmt nicht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Was ist mit der Justitia-Statue auf dem Frankfurter Römer geschehen?

Die"Justitia" thront auf dem Gerechtigkeitsbrunnen in Frankfurt.
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Entgegen einer vom Magistrat mehrfach wiederholten Version hat es wohl nie einen Säureanschlag auf die Justitia, eines der wichtigsten Kulturdenkmäler Frankfurts, gegeben. Bislang hat das Kulturamt der Stadt, aber auch Oberbürgermeister Peter Feldmann und Kulturdezernentin Ina Hartwig (beide SPD) die Geschichte von unbekannten Tätern erzählt, die Säure in den Gerechtigkeitsbrunnen gekippt haben sollen. 

So steht etwa in einer Pressemitteilung der Stadt, die vor einem Jahr zur Eröffnung der Brunnensaison herausgegeben wurde: "Im vergangenen Jahr wurden die Rohre in der Figur durch Säure beschädigt und mussten saniert werden." Deswegen habe die Bronzestatue – obwohl gerade frisch restauriert - 2019 erneut vom Gerechtigkeitsbrunnens abmontiert werden müssen. 

Doch diese Version stellt sich nun als falsch heraus. Von einem Säureanschlag ist inzwischen nicht mehr die Rede: "Aufgrund einer Fehlfunktion an der Enthärtungsanlage sank der pH-Wert des Brunnenwassers und die Kupferrohre im Brunnen wurden beschädigt", erklärt Gabriele Schuster vom Kulturamt Frankfurt. Eine Strafanzeige hat die Stadt nie erhoben, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Frankfurt auf hr-Anfrage bestätigt.  

"Die Fraktion" spricht von Täuschung

Bei der Fraktion "Die Fraktion" im Römer wirft das die Frage auf, warum die Stadt die Öffentlichkeit mit einem offenbar erfundenen Anschlag getäuscht hat. "Es muss ja schon sehr bald klar gewesen sein, dass es keinen Säureanschlag gab, denn sonst hätten die Verantwortlichen im Kulturamt Strafanzeige gegen Unbekannt erheben müssen, alleine schon, um dem mutmaßlichen Kulturfrevler das Handwerk zu legen", so der Fraktionsvorsitzende Nico Wehnemann.

Die aus Piraten und "Die Partei" bestehende Fraktion "Die Fraktion" will in der kommenden Stadtverordnetenversammlung beim Magistrat nachfragen und schließt nicht aus, einen Akteneinsichtsausschuss im Römer zu beantragen, um Klarheit über die wahren Hintergründe zu bekommen.

Erscheinungsbild der Justitia hat sich geändert

Auch das für Kulturgüter zuständige Denkmalschutzamt hat Fragen an die Verantwortlichen der Stadt. Denn das Erscheinungsbild der Bronzestatue hat sich geändert, nachdem sie 2020 zum zweiten Mal wieder aufgestellt worden ist. Nach einer vom Verein "Freunde Frankfurts" mit rund 90.000 Spendengeldern bezahlten Restaurierung bei einem Fachunternehmen in Thüringen war sie bereits im Oktober 2018 schon einmal aufgestellt worden. 

Die Justitia mit hellgrüner Patina bei der Aufstellung im Oktober 2018 auf dem Römer.

Damals hatte sie die für Bronze typische grünschimmernde Patina. Doch statt dem Grünspan ist sie seit ihrer Wiederaufstellung zum "Brunnentag 2020" aus Sicht des Denkmalschutzamtes gegenüber dem Zustand nach der ersten Restaurierung nachgedunkelt. "Wir haben die Restaurierungsberichte angefordert, um zu erfahren, was mit der Statue geschehen ist", erklärt Amtsleiterin Andrea Hampel auf hr-Nachfrage. 

Förderverein ärgert sich über Erscheinungsbild

Barbara Deppert-Lippitz, Vorstandsvorsitzende des Vereins Freunde Frankfurts, ist über den Umgang der politisch Verantwortlichen mit dem Kunstdenkmal empört. "Die Statue hat in der Obhut der Stadt durch eine noch nicht geklärte fehlerhafte Bearbeitung ihre Lebendigkeit verloren", bedauert die Kunstsachverständige. "Die Bronze wirke als sei ihr ein dicker schwarzer Lack aufgetragen worden, der einfallende Licht absorbiert und die Reflexion von Sonnenstrahlen verhindert."

Der Verein hatte in einem Vertrag mit der Stadt festgelegt, dass er die Statue auf eigene Kosten fachgerecht restaurieren lässt. "Doch offensichtlich wurde die Statue nach der Restaurierung auf Veranlassung der Stadt mit einem schwarzen Lack überzogen. Der Lack muss wieder ab. So wie sie jetzt ist, kann sie nicht bleiben," sagt Schatzmeister Claus Vester. 

Überstürzte Einweihung des Brunnens wegen Prinzenpaar?

Für die Freunde Frankfurts liegt der ursprüngliche Fehler darin, dass die Bronzeskulptur bereits im Oktober 2018 wieder auf den Brunnen montiert wurde, obwohl die Sanierungsarbeiten des maroden Sandsteinbrunnens, auf dem sie steht, noch nicht abgeschlossen waren. Vom Kulturamt bekam der Vorstand seinerzeit die Information, die vorgezogene Wiedereinweihung sei ein Anliegen von Oberbürgermeister Feldmann. "Nach meinen Informationen soll er den Wunsch gehabt haben, sich mit dem norwegischen Kronprinzenpaar beim Rundgang durch die neue Altstadt vor dem Brunnen fotografieren zu lassen", so Deppert-Lippitz. 

Deswegen sei es zu der hastigen Einweihung des noch nicht fertigen Brunnens gekommen. Das Kronprinzenpaar habe sich dann aber nicht mit Feldmann vor dem Brunnen fotografieren lassen. Feldmanns Büro erklärt dazu auf hr-Anfrage, diese Behauptungen träfen nicht zu. 

Doch der Magistrat wird sich wohl noch auf weitere Fragen zur Restaurierung von Frankfurts Wahrzeichen für Gerechtigkeit einstellen müssen.

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