Vivien D., Caro Smyhla, Selin Doganci (von links): drei Frauen, die von Fat Shaming betroffen sind

Dicke Menschen werden oft ausgegrenzt, selbst beim Arzt oder in der Familie. Die Folgen von Fat Shaming sind fatal für Körper und Seele. Drei Frauen berichten, wie sie damit umgehen.

Videobeitrag

Video

zum Video Selin Doganci berichtet, wie sie mit Fat Shaming umgeht

Selin Doganci leidet seit Kindheit unter Fat Shaming
Ende des Videobeitrags

In Zeiten von Instagram und Co. wird der Wunsch nach dem perfekten Aussehen größer. Ein schlanker und durchtrainierter Körper gilt als Ideal. Gleichzeitig wachsen die Body-Positivity-Bewegung und der Widerstand gegen Fat Shaming in den Sozialen Medien.

Das Bewusstsein für Vielfalt ist allerdings noch nicht in der breiten Bevölkerung angekommen. Das Problem der Gewichtsdiskriminierung erleben dicke Menschen in allen Lebensbereichen. Drei betroffene Frauen aus Frankfurt berichten. Und ein Forscher zu dem Thema sagt, wo das eigentliche Problem liegt.

Caro Smykla, 24, hilft Jazz beim Umgang mit Fat Shaming

Caro Smykla

"Ich bin adipös, nicht nur dick und curvy adipös, man sieht’s mir an, bin ziemlich adipös, mein Anblick stört euch. Ich bin adipös, doch sagt mal: Macht mich das weniger seriös? Macht mein Selbstbewusstsein euch nervös? Weil ich mein Denken von euren Klischees lös? Bin kein Verbrecher, bin nur adipös." (aus Caro Smyklas Song "Adipös")

Caro Smykla: "Den Song 'Adipös' habe ich voriges Jahr geschrieben. Die Musik ist eine Art des Ausdrucks und der Kommunikation, die ich nicht beschreiben kann. Sie heilt. Wenn ich Diskriminierung erfahre, versuche ich meinen Selbstwert anders wieder aufzubauen, indem ich beispielsweise Lob für meine Musik bekomme.

Das Fat Shaming kommt einfach aus dem Nichts. Als ich Fotos für meine Visitenkarten machte, fuhr ein Auto vorbei, und ein Mann schrie aus dem Fenster: 'Dich fette Sau will doch eh keiner sehen.' Ich verstehe nicht, was die Diskriminierung den Menschen bringt. Vor ein paar Jahren bin ich dem mit Humor, Arbeit und Musik begegnet, heute spreche ich auch mit anderen Betroffenen.

Zitat
„Trotz der Stereotypen zeigen viele junge Frauen sich und ihren Körper selbstbewusst in den Sozialen Medien. Das ist beeindruckend.“ Caro Smykla Caro Smykla
Zitat Ende

Seit meiner Kindheit ist Gewichtsreduktion ein Thema. Mein Schwarm mit 14 Jahren hat meiner Freundin gesagt: 'Sie wäre ja perfekt, wenn sie nicht dick wäre.' Das hat mir damals das Herz gebrochen. Wenn ich mit Freundinnen shoppen war, konnte ich nur Handtaschen, Schuhe oder Tücher kaufen. Ich esse selten in der Öffentlichkeit, Sport vor anderen mache ich ungern. Einmal hat ein Mann im Fitnessstudio das Handy herausgeholt und mich fotografiert. Ich habe mein Handtuch genommen und bin gegangen.

Manchmal frage ich mich, ob ich zu sensibel bin oder übertreibe. Wenn ich dann aber beispielsweise auf Instagram sehe, dass viele betroffen sind, erkenne ich das Ausmaß des Problems. Es wird deutlich, wie viele mit der Stigmatisierung zu kämpfen haben. Es nervt, dass die meisten Leute denken, dicke Menschen seien dumm und faul. Diese Stereotypen zu entkräften, ist total anstrengend. Trotzdem lassen sich viele junge Frauen nicht beirren und zeigen sich und ihren Körper selbstbewusst in den Sozialen Medien, das ist beeindruckend."

Selin Doganci, 22, teilt ihre Erfahrungen auf Instagram

Selin Doganci

Selin Doganci: "Ich spreche in meinen Stories und Beiträgen auf Instagram (@curveslike_s) über das Thema Selbstliebe, Body Shaming und Plus-Size-Mode. Dabei habe ich ganz überraschende Erfahrungen gemacht. Viele Follower haben von ähnlichen Erlebnissen mit Gewichtsdiskriminierung erzählt. Ich dachte am Anfang, so passiert das bestimmt nur mir. Über die Sozialen Medien habe ich mich mit vielen anderen jungen Frauen vernetzt. In der Body-Positivity-Szene spricht man sehr offen über die Erfahrungen und gibt Tipps zum Umgang mit Fat Shamern - das ist motivierend und inspirierend.

Ich weiß aber, dass das eine Blase ist und das wahre Leben anders aussieht. Ich erlebe Fat Shaming in der Familie, bei Ärzten und im Freundeskreis. Mit 18 Jahren war ich in einer Klinik, um Gewicht zu verlieren. Ich war erschrocken, wie Ärzte und Pfleger mit den Patientinnen und Patienten umgegangen sind. Junge Menschen wurden beleidigt und gedemütigt. Es wurde gepredigt, dass man nur mit weniger Gewicht etwas wert sei. Es ging nicht darum, gesund zu sein, sondern schön.

Zitat
„Viele Männer gehen mit einer dicken Frau ins Bett, aber eine Beziehung kommt nicht in Frage. Sie haben Angst davor, was Freunde denken.“ Selin Doganci Selin Doganci
Zitat Ende

Auch beim Dating spielte mein Äußeres eine große Rolle. Es kam immer wieder die Frage: Willst du was an deinem Gewicht ändern? Ein Mann sagte einmal zu mir: 'Ich finde deine Cellulitis schön, auch wenn ich weiß, dass es eigentlich eklig ist.' Ich habe das Gefühl, viele Männer finden es in Ordnung, mit einer dicken Frau ins Bett zu gehen, aber eine Beziehung kommt nicht in Frage. Sie haben große Angst davor, was Freunde und Familie denken.

Nicht nur Menschen aus meiner Generation verurteilen mich. Mir ist es schon passiert, dass sich ältere Personen im Restaurant neben mich gesetzt und mich kritisch beäugt haben. Ich hoffe dann immer, dass es nur bei bösen Blicken bleibt.

Wenn ich meinem Umfeld von Problemen erzähle, egal ob im Job oder in der Beziehung, lautet der Ratschlag immer: Nimm ab! Mittlerweile versuche ich, Sprüche und Blicke auszublenden. Humor hilft mir in vielen Situationen."

Vivien D., 40, hat traumatische Erfahrungen bei Ärzten und in der Familie gemacht

Vivien D.

Vivien D.: "Meine Eltern gaben mir schon in der Grundschule Diät-Produkte wie Abführtee oder Tabletten, die den Appetit zügeln sollten. Den Satz 'Wenigstens hast du ein hübsches Gesicht' hat meine Mutter immer zu mir gesagt. Bei jedem Familienessen ging es um das Thema Gewicht und Kalorien. Aufgrund der Erlebnisse in meiner Kindheit habe ich eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Essstörung und eine soziale Phobie.

Ich muss immer alles abscannen und potenzielle Gefahrenquellen ausmachen. Als ich einmal auf dem Fahrrad saß, rief ein Mann aus dem Auto: 'Tritt in die Pedale, du fette Sau!' Es scheint zum Volkssport geworden zu sein, andere Menschen zu bewerten. Sei es in der Kantine, im Supermarkt oder in den Sozialen Medien. Das führt dazu, dass ich ständig angespannt bin.

Zitat
„Die Menschen denken, wenn du physisch robust bist, bist du es automatisch auch psychisch. Das ist nicht der Fall.“ Vivien D. Vivien D.
Zitat Ende

Irgendwann verlierst du die Lebensfreude. Ich kontrolliere meine Atmung, die Art, wie ich sitze, mich bewege. Ich will keine Angriffsfläche bieten oder einem Klischee entsprechen. Die Menschen denken, wenn du physisch robust bist, bist du es automatisch auch psychisch. Das ist nicht der Fall.

Auch in Bereichen, in denen du dich eigentlich sicher fühlen solltest, wie beim Arzt, erfährst du Diskriminierung. Ich bin schon zweimal im Krankenhaus gelandet, weil Ärzte meine Symptome fälschlicherweise auf mein Gewicht geschoben hatten. Als ich mit einer Darmentzündung zum Arzt ging, wurde mir gesagt, dass meine Beschwerden daher rührten, dass ich zu viel essen würde. Am schlimmsten war die Ärztin die mich nicht untersuchen wollte, als ich wegen Kreislauf-Problemen zu ihr ging. Sie hat mir eine teure Diät und eine Magenoperation empfohlen. Kurz darauf landete ich in der Notaufnahme. Ich habe eine regelrechte Phobie vor Ärzten und fühle mich nicht ernst genommen.

Ein sicherer Raum sollte auch bei Freunden herrschen, aber auch da habe ich Ablehnung erlebt. Eine Freundin hat mir schon Geld für eine Magenverkleinerung angeboten. Manche lästern vor mir über andere dicke Menschen. Es fühlt sich oft so an, als sei ihnen mein Gewicht unangenehm. Wenn ich darüber spreche, reagieren sie verhalten oder wechseln schnell das Thema.

Zitat
„Eine Freundin hat mir schon Geld für eine Magenverkleinerung angeboten.“ Vivien D. Vivien D.
Zitat Ende

Der Körper von dicken Frauen wird außerdem oft sexualisiert. Einem Mann, der mit einer mehrgewichtigen Frau zusammen ist, wird schnell ein Fetisch unterstellt, als ob er die Frau nicht einfach um ihretwillen lieben kann. Viele Männer erwarteten eine Art Dankbarkeit, weil sie sich überhaupt mit mir abgaben. Als ob ich als dicke Frau sowieso keine Ansprüche haben dürfte. Früher habe ich tatsächlich gedacht, die Aufmerksamkeit dieser Männer werte mich auf.

Mittlerweile lebe ich in einer glücklichen Beziehung, die mich stärker gemacht hat. In einer Therapie verarbeite ich meine Erlebnisse und lerne, mich und meinen Körper zu respektieren und meinen Eltern zu verzeihen."

Soziologe Friedrich Schorb forscht zu Gewichtsdiskriminierung

Dr. Friedrich Schorb, Soziologe

Friedrich Schorb: "Im Hinblick auf hochgewichtige Menschen existieren viele Vorurteile. Unter anderem, dass dicke Menschen disziplinlos sind und ungesund leben. Das ist ein Irrglaube. Ebenso wie die Aussage, dass ein hohes Körpergewicht automatisch krank macht.

Das Risiko, an bestimmten Krankheiten zu leiden, steigt mit dem Körpergewicht, aber nicht zwingend. Dünne Menschen können ebenso an Diabetes erkranken oder Gelenkprobleme haben. Viele nutzen das Gesundheitsargument, um dicke Menschen moralisch zu diskreditieren.

Zitat
„Mehrgewichtige Menschen gehen ungern zum Arzt, Krankheiten werden dadurch später erkannt. Es ist eine selbst erfüllende Prophezeiung.“ Friedrich Schorb Friedrich Schorb
Zitat Ende

Bei Ärzten wird oft nicht nach den Ursachen für Krankheiten gesucht, sondern pauschal gesagt, dass die Symptome an einem hohen Körpergewicht liegen. Hochgewichtige Menschen gehen dadurch ungern zum Arzt. Deshalb werden Krankheiten erst spät erkannt und sind fortgeschritten. Es ist eine selbst erfüllende Prophezeiung. Die Diskriminierung dicker Menschen hat medizinische Konsequenzen, beispielsweise steigen Blutdruck und Cortisolspiegel. Fat Shaming macht nicht nur psychisch, sondern auch physisch krank.

Sozial benachteiligte Gruppen haben weniger Möglichkeiten, ihr Gewicht zu reduzieren. Wohlhabende können sich Freiräume erkaufen, sei es im Bereich des Haushalts oder beim Kochen. Je höher der gesellschaftliche Aufstieg, desto perfekter muss der Körper sein. Schlankheit wird mit Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Manager sollen heutzutage Marathon laufen und durchtrainiert sein.

Die Gewichtsdiskriminerung unterscheidet sich von anderen Diskriminierungsformen dadurch, dass das hohe Körpergewicht als selbstverschuldet angesehen wird. Ein struktureller Ursprung wird nicht erkannt. Dabei sollte das Gewicht nicht mehr aus defizitärer Perspektive betrachtet werden. Es muss hinterfragt werden, warum die Gesellschaft dicke Menschen stigmatisiert und was wir dagegen tun können."

hr-Doku "7 Tage ... unter Dicken":

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video 7 Tage unter Dicken

Influencerin und Fettaktivistin Charlotte Kuhrt
Ende des Videobeitrags