Patient auf einer Corona-Intensivstation

Die Pandemie prägt auch in diesem Jahr den Tag, der dem Gedenken an die Verstorbenen gewidmet ist. Wir nehmen den Totensonntag zum Anlass für eine Bilanz und einen Ausblick auf den kommenden Winter.

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zum Video Studiogespräch: Totensonntag und Corona

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1. So hart hat uns die Pandemie wirklich getroffen

Die Corona-Seuche ist ein Ereignis, wie es niemand von uns erlebt hat. Und doch haben wir schon vergleichbare Erfahrungen gemacht etwa mit schweren Grippewellen. Auch die Influenza ist eine tödliche, ansteckende Krankheit, gegen die uns immerhin eine Grundimmunität aus dem Kontakt mit Varianten des Virus schützt, anders als beim Corona-Virus.

Grippetote werden nicht diagnostiziert und gezählt wie Corona-Tote, trotzdem kann man das Ausmaß der Grippewellen abschätzen: Wie viele Menschen einem Ereignis wie einer Grippewelle zum Opfer gefallen sind, zeigt die so genannte Übersterblichkeit - die Anzahl von Menschen, die mehr gestorben sind, als es das statistische Mittel normaler Jahre erwarten ließe.

Mit diesem Instrument können die Statistiker beispielsweise die schwere, tödliche Grippewelle im Frühjahr 2018 vermessen - und zeigen, dass sie in Hessen zu einer Übersterblichkeit von bis zu 500 Menschen pro Woche in Hessen geführt hat. Dieser Spitzenwert entspricht nahezu dem, was in der zweiten Corona-Welle, der bislang tödlichsten, zu beklagen war.

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Grippewellen lassen wir weitgehend ohne Gegenwehr über uns ergehen, gegen das Corona-Virus hat sich die Gesellschaft mit aller Kraft gewehrt - in der zweiten und dritten Welle, in der Impfstoffe gerade erst verfügbar wurden, mit drastischen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des öffentlichen Lebens, mit Schulschließungen und Ausgangssperren.

Trotzdem zeigt der Vergleich der Übersterblichkeiten, dass allein die zweite Corona-Welle die Grippewelle von 2018 noch um das Zweieinhalbfache übertraf. In den 19 Wochen des Vergleichs betrug die Übersterblichkeit in der Grippewelle rund 2.300 Menschen, die in der zweiten Corona-Welle etwa 5.700 Menschen.

Und auch wenn das Virus vor allem für Hochbetagte ein tödliches Risiko darstellt: Die Übersterblichkeit entspricht ziemlich genau der Größenordnung der registrierten Corona-Toten - ein Indiz, dass sie tatsächlich fast alle an und nicht mit Corona verstorben sind. Diese Menschen wären ohne Corona mehrheitlich noch am Leben.

Um einen Vergleich für die Größenordnung zu bekommen: Bei tödlichen Verkehrsunfällen, eine der gravierendsten Todesursachen in unserer Gesellschaft, sterben in Hessen etwa 200 Menschen - pro Jahr.

2. Impfen hat die Corona-Welle deutlich weniger tödlich gemacht - Delta zum Trotz

Seit der tödlichen zweiten Welle vor einem Jahr hat sich vieles geändert - zum Schlechten wie zum Guten. Die aggressive Delta-Variante des Corona-Virus ist ansteckender und offenbar auch krank machender. Sie breitet sich mit größerer Geschwindigkeit aus, als wir es noch vor einem Jahr kannten. Aber wir haben inzwischen eine wirksame Waffe gegen das Virus, die das Bild von Grund auf ändert.

Wie gefährlich und wie tödlich das Virus ist, zeigt uns unter anderem die Fallsterblichkeit - der Anteil aller entdeckten und gemeldeten Corona-Fälle, der mit dem Tod des Infizierten endet. Diese Fallsterblichkeit ist durch die Impfung extrem gesunken: Starben von 1.000 registrierten Infizierten in der zweiten Welle noch 35 Menschen, sind es derzeit, bei einer Impfquote von rund zwei Dritteln der hessischen Bevölkerung, noch fünf.

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Da die Welle noch läuft und in den kommenden Wochen noch weitere bereits Infizierte sterben werden, wird diese Zahl allerdings noch nach oben korrigiert werden müssen. In jedem Fall hängt die Fallsterblichkeit aber direkt von der Impfquote ab, denn es sind vor allem die Ungeimpften, denen ein schwerer bis tödlicher Verlauf droht: Bei den Geimpften ist das Risiko eines tödlichen Verlaufs, wie die Zahlen zeigen, etwa auf ein Zehntel gesunken.

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Wielers Wutrede

Der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatte in seiner viel beachteten "Wutrede" (mehr bei tagesschau.de) in Bezug auf die Lage in Sachsen von 8 Toten je 1.000 Infizierten geredet. Er hatte vorgerechnet, was die hohen Tageszahlen an Infizierten bedeuteten. Wenn täglich 50.000 Menschen als infiziert gemeldet würden, bedeute das, dass 400 von ihnen in den nächsten Wochen sterben würden: "Daran gibt es nichts mehr zu ändern." Er hatte zudem vorgerechnet, dass die registrierten Fälle die wahren Infektionszahlen vermutlich um das Zwei- bis Dreifache unterschätzen, weil die überlasteten Gesundheitsämter Fälle nicht mehr gründlich nachverfolgen könnten.

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3. Wir werden im Winter noch viele Leben an das Virus verlieren

Der an sich tröstlichen Botschaft von der enorm gesunkenen Tödlichkeit des Virus bei Geimpften stehen die immer neuen Rekord-Infektionszahlen gegenüber. Weil unser aller Immunsystem gegen das Virus - anders als gegen die Grippe - keine Grundimmunität entwickeln konnte, ist auch nicht zu erwarten, dass die vierte Welle ihren Gipfel schon erreicht hat.

Und das bedeutet: Corona wird noch viele Leben kosten. Die Lage auf den hessischen Intensivstationen deutet das an. Derzeit kommen jeden Tag etwa ein Dutzend neue Corona-Fälle in den Intensivstationen an. Ein Großteil muss beatmet werden. Nahezu die Hälfte der Beatmeten wird die Intensivstation nicht mehr lebend verlassen - eine optimale medizinische Versorgung vorausgesetzt, die durch steigende Patientenzahlen immer schwieriger aufrecht zu erhalten ist.

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Ein Modell der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI versucht auf Basis der bekannten Daten vorauszuberechnen, wann der Scheitelpunkt der Welle in den Krankenhäusern erreicht sein könnte. (Vorabveröffentlichung, noch nicht begutachtet). Die Szenarien der Wissenschaftler gehen davon aus, dass es durch Gegenmaßnahmen gelingt, die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus auf einen R-Wert von 1 zu drücken - und rechnen durch, bei welcher Inzidenz das gelingen müsste.

Wenn das Modell Recht behalten sollte, und wenn es bei einer Inzidenz von unter 350 gelingen würde, die Infektionszahlen konstant zu halten, wäre die vierte Welle in etwa der dritten vergleichbar.

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