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Ermittler untersuchen verdächtige Briefe

Im Darknet bestellt, per Post verschickt. Der Handel mit Drogen und anderen illegalen Waren nach Onlineshop-System floriert. Eine Marburger Taskforce will Internetkriminellen nun ganz analog auf die Spur kommen. 

So viele Drogen hatten Marburger Ermittlerinnen und Ermittler bisher noch nicht auf dem Tisch, zumindest nicht jeden Tag neu: Bis zu 100 Umschläge mit illegalen Stoffen landen täglich bei der neuen Taskforce Briefermittlung der Marburger Staatsanwaltschaft. Es ist ein buntes Sammelsurium an Tütchen: Cannabis, Heroin, neuartige psychoaktive Substanzen, aber auch dicke Umschläge mit großen Mengen verschreibungspflichtigen Potenzmitteln, Waffenbausätzen oder Munition - alles verschickt per Post.

Das Ziel der Ermittler ist es, Internetkriminellen besser auf die Spur zu kommen, die immer häufiger agieren wie Online-Shops: bestellt übers Darknet, Messengerdienste oder Social-Media-Seiten, wird die Ware einfach per Post verschickt, statt sie risikoreich persönlich zu übergeben. Laut Staatsanwaltschaft wurde dieses System in der Pandemie noch weiter befeuert.

Alle unzustellbaren Briefe landen in Marburg

Im Hintergrund steht eine Gesetzeslücke, die nun geschlossen wurde. Denn in Marburg befindet sich die Briefermittlungszentrale der Post. Alle unzustellbaren Briefe aus ganz Deutschland landen hier in einem großen, grau-gelben Bürogebäude am Rand der Marburger Stadtautobahn.

Dort dürfen Postmitarbeiterinnen und Postmitarbeitern die Umschläge ausnahmsweise öffnen, um Adressaten oder Empfänger ausfindig zu machen, zum Beispiel wenn Adressen fehlen sind oder Briefe beschädigt sind. Jeden Tag gehen hier rund 16.000 unzustellbare Postlieferungen ein, etwa 0,02 Prozent des gesamten deutschen Briefverkehrs.

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Das Kuriose: Schon lange entdecken Postbeamte beim Öffnen nicht nur Liebesbriefe und Postkarten. Die Strafverfolgungsbehörden wussten bisher allerdings nichts von den vielen verdächtigen Funden, weil die Post auch in diesen Fällen an das Briefgeheimnis gebunden war. Die verschickten Drogen, Waffen und Medikamente wurden in der Vergangenheit also entweder zur Vernichtung an die Bundesopiumstelle geschickt oder einfach direkt über die eigenen Datencontainer der Post entsorgt.

Bisher wurden illegale Funde einfach vernichtet

Durch eine Änderung im Postgesetz habe man nun die Möglichkeit, Kriminellen aus dem Internet mit Hinweisen aus der "analogen Welt" nachzugehen, sagt die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) am Montag bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Taskforce.

Nachdem sich das Land Hessen im Bundesrat für eine Änderung im Postgesetz stark gemacht habe, sei die Post seit März verpflichtet, die Ermittlungsbehörden bei verdächtigen Funden in unzustellbaren Sendungen einzuschalten. "Vorher hatten wir keine Handhabe und auch keine Kenntnis."

Schon 30 Kilo Drogen gefunden

Seit 1. Dezember ist die neue Taskforce offiziell im Einsatz. Sie besteht aus 21 Polizeibeamten und zwei neu eingerichteten Stellen für Staatsanwälte sowie vier Büroangestellten. Ulf Frenkler, der stellvertretende Leiter der Marburger Staatsanwaltschaft, berichtet, dass man bereits in den vergangenen Monaten probeweise aktiv geworden sei.

"Wir habe schon etwa 30 Kilogramm Betäubungsmittel sichergesellt", so Frenkler. Etwa 60 Prozent davon seien sogenannte Legal Highs, oft in kleinen Mengen. Da man per Post Waren bis zu zwei Kilogramm verschicken könne, habe man aber auch größere Mengen gefunden, etwa bis zu 400 Gramm Heroin.

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Auch Serientätern sei man bereits auf die Spur gekommen. "Wir konnten zum Beispiel schon 600 bis 700 Sendungen einem Absender zuordnen, der immer nach dem gleichen Muster vorgeht." Erschreckend sei, dass auch Stoffe, die beim Öffnen eines Briefs gesundheitsgefährlich werden können, gefunden wurden, etwa das Opioid Carfentanyl.

Internetkriminelle nutzen leere Briefkästen

Höchstwahrscheinlich landen in Marburg verhältnismäßig viele verschickte illegale Waren, so Georg Ungefuk von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die den Aufbau der neuen Taskforce unterstützt hat. "Das liegt daran, dass im kriminellen Internethandel besonders oft mit falschen Adressen oder sogenannten Briefkastendrops gearbeitet wird."

Unter Briefkastendrops verstehe man zum Beispiel unbenutzte Briefkästen in großen Mehrfamilienhäusern oder in leerstehenden Immobilien, die für den Warenverkehr genutzt werden. "Wenn das dann dem Briefträger komisch vorkommt, wird der Brief als unzustellbar markiert." Solche Briefkastendrops könne man sich sogar im Internet kaufen.

Laut Justizministerin Kühne-Hörmann laufen im Briefermittlungszentrum der Post derzeit auch vermehrt gefälschte Impfpässe oder das Material dafür auf. "Weil das Fälschen von Impfpässen überhaupt erst seit kurzem gesetzlich verboten wurde, wollen wir auch dafür eine Änderung des Postgesetzes auf den Weg bringen." Wie vorher bei den Drogen gebe es dafür derzeit noch keine Rechtsgrundlage.

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