EInblicke in den Druckraum der Drogenhilfe. Das Gebäude von außen und eine Momentaufnahme von innen: drei Drogensüchtige sitzen an einem Tisch.

Hippe Bars, Restaurants, teure Wohnungen: Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist schicker geworden. Geblieben sind die Drogenabhängigen. Ein Besuch im Druckraum des Drogennotdiensts.

Videobeitrag

Video

zum Video Drogennothilfe "Der Frankfurter Weg"

hs
Ende des Videobeitrags

Neun Uhr morgens. Die Türklingel bimmelt unaufhörlich im Frankfurter Drogennotdienst in der Elbestraße. Rund 30 Abhängige warten draußen auf der Straße. Wer in den Druckraum will, muss einer jungen Mitarbeiterin am Empfang zeigen, welche Drogen er dabei hat. Der Raum selbst ist gefliest. Neun von zehn Stühlen sind besetzt. Auf einer chromblitzenden Ablage bereiten die Junkies ihren nächsten Schuss vor.

Mitarbeiter reichen den Süchtigen saubere Spritzen, Schalen und Löffel. Die Abhängigen lösen das Heroin in Säure auf, kochen die Mixtur mit Feuerzeugen auf einem Löffel auf, ziehen den braunen Sud in eine Spritze und drücken sich die Droge in eine freie Vene. Hier im Druckraum können die Süchtigen in Ruhe einen Schuss Heroin setzen, ein paar Stunden schlafen oder ihre tägliche Dosis Methadon bekommen.

Einblicke in den Druckraum. Sieben Drogensüchtige sitzen in einem Raum mit speziell ausgestatteten Plätzen zur Drogeneinnahme.

Wolfgang Barth, der Leiter des Drogennotdienstes, sieht diese Szenen jeden Tag. "Natürlich ist es für Außenstehende eine bedrückende Situation, wenn man sieht, dass sich Menschen hier gefährliche Drogen selbst injizieren", sagt er. Pro Monat gebe es acht bis zehn Notfälle. Die Mitarbeiter der Drogennothilfe sind geschult. Bisher habe es keine Tote gegeben.

Geld beschaffen, Drogen beschaffen, Abschuss

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Drogenabhängiger Raschid: "Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht"

EInblicke in den Druckraum der Drogenhilfe. Das Gebäude von außen und eine Momentaufnahme von innen: drei Drogensüchtige sitzen an einem Tisch.
Ende des Audiobeitrags

Nach dem Heroin-Schuss werden die Süchtigen für Minuten ganz ruhig. In sich gekehrt. "Das zeigt, dass wir eine ganz wichtige Funktion hier in Frankfurt übernehmen. Nämlich eine Rückzugsmöglichkeit darstellen zu dem täglichen Leben auf der Straße", sagt Barth.

Geld beschaffen für die Drogen, beispielsweise durch Dealen, Hehlen oder Prostitution. Drogen kaufen, konsumieren und dann wieder Geld beschaffen. "Das Leben auf der Straße ist hart", sagt Barth. Dazu herrsche im Frankfurter Bahnhofsviertel Aggression, Gewalt und Lärm. "Viele Abhängige nutzen den Drogennotdienst, um einfach zur Ruhe zu kommen", erklärt Barth.

Einblick in den Druckraum. Detailaufnahme der Utensilien, die es zum Anfertigen einer Drogenspritze gebraucht werden.

Einer der Junkies beginnt zu erzählen, nachdem er sich die Droge gespritzt hat. Vor knapp 20 Jahren sei er aus Algerien nach Frankfurt zum Studieren gekommen, erzählt Raschid, der eigentlich anders heißt. Die Neugier habe ihn zum Heroin gebracht. Sein größter Fehler. Wenn er in Algerien sei, würde er es schaffen, längere Zeit ohne Drogen zu bleiben.

Doch sobald er im Flugzeug sitze und im Anflug nach Frankfurt sei, käme die Sucht wieder zurück. "Zittern, Gänsehaut, das ist ein Teufelskreis. Ich wünsche es meinem ärgsten Feind nicht", sagt er. Dass das Bahnhofsviertel bei manchen Süchtigen wie ein Brandbeschleuniger wirkt, das kann Einrichtungsleiter Wolfgang Barth bestätigen.

Einblicke in den Druckraum. Ein Mitarbeitern am Empfang redet mit einem Nutzer des Angebotes.

In den 80er und 90er Jahren gab es in Frankfurt noch die offene Drogenszene in der Taunusanlage mit bis zu 1.000 Abhängigen und 150 Toten. Diese Zustände haben sich durch die Drogenhilfsprogramme, den sogenannten Frankfurter Weg, deutlich verbessert. Drogenabhängige haben seit 1992 die Möglichkeit in Konsumräumen Drogen zu nehmen, es gibt Schlafplätze und gesundheitliche und soziale Unterstützung.

Inzwischen liegt die Zahl der Drogentoten in Frankfurt bei 25 bis 30 pro Jahr. Das Frankfurter Modell ist ein Erfolgsmodell, das weltweit kopiert wurde. Dass Drogenabhängige nun wieder mehr auffallen, liegt auch daran, dass sich das Bahnhofsviertel verändert hat und städtbaupolitisch aufgewertet wurde.

Gleichzeitig wurde auch die Droge Crack immer populärer. Crack, das sind Kokainsteine, die in wenigen Sekunden geraucht werden. Die Wirkung ist sehr stark und aufputschend. Häufig werde Crack unkontrolliert auf der Straße konsumiert, sagt Einrichtungsleiter Barth. "Wir müssen mit den adäquaten Behandlungs- und Betreuungsangeboten auf diese Situation reagieren", sagt er.

Einblicke in den Druckraum. Zwei Drogensüchtige von hinten an den vorgesehenen Plätzen.

In der Elbestraße ist deshalb ein Rauchraum für Crackkonsumenten eingerichtet worden. Außerdem wurde das Angebot der Tagesruhebetten auf 24 Stunden ausgeweitet. Eine medizinische Ersatzdroge für Crack gibt es noch nicht. Anders beim Heroin. In der ersten Etage des Drogennotdienstes bekommen Abhängige unter ärztlicher Aufsicht Methadon, um den Drogenkreislauf zu entkommen.

Für Barth gehören die Drogenabhängigen zum aufgewerteten Bahnhofsviertel. "Das ist dann auch unsere Verantwortung, dass wir für diesen Personenkreis ganz eindeutig sagen, sie haben ein Recht hier zu leben", sagt er. "Wir als tolerante und offene Stadt sollten zu der Einsicht kommen, dass wir mit Drogenabhängigen leben müssen." 

Sendung: hessenschau, hr-fernsehen, 24.05.2019, 19.30 Uhr