Gericht Offenburg
Das Gericht in Offenburg muss am Donnerstag über den Fall eines ehemaligen Heimkindes entscheiden. Bild © picture-alliance/dpa

Kurz nach der Geburt gab eine Frau ihr Baby in ein Heim. 55 Jahre später soll die Tochter die Pflegekosten ihrer Mutter tragen - doch die Rodgauerin weigert sich. Seit Donnerstag wird darüber vor Gericht verhandelt.

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Kasse in einem Supermarkt

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wissenswert: Wer muss wieviel Elternunterhalt zahlen?

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Eine 55 Jahre alte Frau aus Rodgau (Offenbach) klagt dagegen, Unterhalt für ihre Mutter zu zahlen. Ihre Mutter hatte sie kurz nach der Geburt in ein Kinderheim gegeben. 55 Jahre später forderte das Sozialamt des Ortenaukreises (Baden-Württemberg) von Gabriele Dietz-Paulig 760 Euro im Monat für die Heimkosten ihrer Mutter. Und auch die Kosten für die vorherige ambulante Pflege und das Essen auf Rädern wollte das Amt wieder haben.

Als Säugling ins Kinderheim

Als Dietz-Paulig die Forderung im Jahr 2016 erhielt, brach für die 55-Jährige eine Welt zusammen: "Ich habe die ersten Wochen nur geweint", sagte sie dem ZDF. Das sei gegen ihren Sinn für Gerechtigkeit, zur Mutter habe sie ihr Leben lang fast keinen Kontakt gehabt. Ihre Kindheit und Jugend hatte sie im Kinderheim verbracht.

Ihr Anwalt Michael Klatt sagte am Donnerstag, Dietz-Paulig sei als Baby quasi "aus dem Kreißsaal heraus" von der Mutter weggegeben worden. Wenige Tage war das Baby noch bei einer anderen Familienangehörigen untergebracht, kurz darauf kam das Mädchen in ein Offenbacher Säuglingsheim, später in ein Kinderheim bis zur Volljährigkeit.

"Da besteht überhaupt nichts an emotionalem Band", sagt Klatt, "sie war nicht einen einzigen Tag bei der Mutter." Seine Mandantin sei außerdem traumatisiert, traue Fremden aufgrund ihrer Erfahrungen nicht und könne ihren Beruf zurzeit kaum ausüben. "Sie fühlt sich wie ein Hamster im Rad, es ist ein ständiger Unruhezustand", sagt der Anwalt.

Elternunterhalt gilt auch für Heimkinder

Die Verhandlung am ersten Prozesstag vor dem Familiengericht in Offenburg (Baden-Württemberg) verlief nicht öffentlich. Die "ungedeckten Heimkosten" für die Mutter liegen Klatt zufolge bei deutlich über 1.000 Euro. Die Höhe der Forderungen von 760 Euro monatlich sei zudem zu hoch. Man sehe bei der Mutter eine grobe, vorsätzliche Verfehlung, die eine Verwirkung der Unterhaltsansprüche nach sich ziehen könne.

Zu einer Annäherung kam es am ersten Prozesstag nicht, wie Anwalt Klatt und ein Vertreter des Sozialamts des Kreises übereinstimmend sagten. Der Sachverhalt sei jedoch ausführlich erörtert worden. Am 27. Februar soll es weiter gehen. Dann sollen auch drei Zeugen geladen werden. Darunter ist auf Wunsch des Sozialamtes auch die Tante der Klägerin, die Schwester ihrer nicht verhandlungsfähigen Mutter.

Alleinstehende Kinder dürfen rund 1.800 Euro selbst behalten, alles Einkommen darüber muss zur Hälfte als Unterhalt gezahlt werden. Der Elternunterhalt hängt entsprechend von der Höhe des Einkommens ab. Auch das Vermögen kann herangezogen werden, wenn das Einkommen für den Unterhalt nicht ausreicht.