Willi Schmidt in seinem Garten in Ebsdorfergrund-Wittelsberg.

Als Siebenjähriger wurde Willi Schmidt aus Ebsdorfergrund zur Kur nach Nordhessen geschickt. Wie unzählige "Verschickungskinder" in ganz Deutschland erlebte er Gewalt und Härte, die Erfahrung begleitet ihn bis heute. Ein Interview.

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zum Video Das Leid der "Verschickungskinder"

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Schätzungen sprechen von bis zu zwölf Millionen Klein- und Schulkindern, die zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren in der Bundesrepublik in Kur geschickt wurden, sogenannte "Verschickungskinder". Doch erst seit kurzem läuft eine größere Debatte darüber, was in diesen Kuren passiert ist. 2019 gab es ein erstes bundesweites Treffen mit 70 Betroffenen auf Sylt.

Zahllose Menschen berichten mittlerweile von Misshandlungen und Demütigungen, die sie als Kinder in diesen Einrichtungen erfahren haben, gepaart mit einem Gefühl des Verlassen- und Ausgeliefertseins. Viele solcher Berichte gehen auf der Seite verschickungsheime.de ein. Diese von der Autorin Anja Röhl ins Leben gerufene Website dient der Vernetzung der einstigen "Verschickungskinder".

Dort hat auch der inzwischen 60 Jahre alte Willi Schmidt Anfang des Jahres ausführlich seine Erlebnisse geschildert: bei seinen Aufenthalten 1967 im damaligen Karlshafen (heute: Bad Karlshafen) im Kreis Kassel sowie drei Jahre später in St. Peter-Ording an der Nordsee. Schmidt ist Autor, Regisseur und Schauspieler und Mitgründer der Marburger Waggonhallen. Er lebt in Ebsdorfergrund (Marburg-Biedenkopf).

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Reportage im Ersten

Das Erste berichtet am Montag, 10.08.2020 um 22 Uhr in der Reportage "Exclusiv im Ersten: Gequält, erniedrigt, drangsaliert" über die Geschichte der Verschickungskinder.

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hessenschau.de: Herr Schmidt, als Siebenjähriger wurden Sie in Kur geschickt nach Bad Karlshafen. Eine Kur ist ja eigentlich eine Maßnahme, die dafür sorgen soll, dass es einem dort und hinterher besser geht. Wie ging es Ihnen?

Willi Schmidt: Es ging mir ganz und gar nicht besser. Ich war einer Maschinerie ausgeliefert, die es sofort unterbunden hat, wenn ich eigenständig Dinge tun wollte.

hessenschau.de: Was denn zum Beispiel?

Schmidt: Eine vermeintliche Kleinigkeit, bei der aber für mich eine Welt zusammenbrach: Ich hatte immer eine Autogrammkarte von Franz Beckenbauer bei mir. Die musste ich abgeben und die Betreuerinnen – vermutlich Diakonissen, es war eine kirchliche Einrichtung – haben die Karte einbehalten. Das war ein Schock ganz am Anfang.

hessenschau.de: Und ging es auch so weiter?

Schmidt: Absolut. Abends lagen wir Jungs in einem riesigen Schlafsaal. Die Betten waren wie Feldbetten aufgebaut, in geraden Reihen. Meistens wurde es nicht gleich still. Dann ging das Licht wieder an, die Diakonissen gingen durch die Gänge, blieben immer mal bei einem Bett stehen und zack, bekam man eine Ohrfeige. Dann gingen sie weiter, der nächste wurde vielleicht verschont… Es hatte nichts damit zu tun, ob man laut gewesen war. Fast jeden Abend. Für mich war das schlimm, ich kannte Gewalt überhaupt nicht. Da habe ich mich oft in den Schlaf geweint.

hessenschau.de: Hat Gewalt und körperliche Züchtigung dort auch sonst eine Rolle gespielt?

Schmidt: Ich selbst habe sonst keine Gewalt erfahren. Aber das ganze Prinzip strahlte Härte aus: Es wurde oft geschrien, Befehle erteilt, und man konnte nie für sich sein.

hessenschau.de: Viele "Verschickungskinder" erzählen ja, dass gerade das Essen zur Folter wurde. Wie haben Sie das erlebt?

Schmidt: Sehr eindringlich habe ich in Erinnerung, wie es war, Hagebuttentee trinken zu müssen. Ich hatte dagegen eine Abscheu und spüre noch genau dieses Gefühl: Der Körper will es nicht, man zwingt sich, würgt, es steigen Tränen in die Augen, und unerbittlich stehen die Diakonissen daneben und zwingen einen, die Tasse leer zu trinken.

hessenschau.de: Wie haben Sie es denn durch die sechs Wochen geschafft?

Schmidt: Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich das nicht überleben werde. Und dann ist etwas Erstaunliches passiert: Ich bin krank geworden, mit Masern. Das war die Rettung. Ich wurde isoliert, kam in ein Krankenzimmer und hatte meine Ruhe.

hessenschau.de: Wie kam es eigentlich dazu, dass sie in Kur gefahren sind?

Willi Schmidt (rechts) als Kind mit seinem Bruder.

Schmidt: Ich hatte eigentlich nur einen leichten Haltungsschaden. Irgendwann hat ein Arzt zu meiner Mutter gesagt: "Der Junge ist für sein Alter etwas zart gebaut, man sollte ihn zu einer Kur schicken." Vielleicht war das auch der Grund, warum ich meinen Eltern nie davon erzählt habe: Die Autorität von Ärzten war unglaublich. Was ein Arzt gesagt hat, war gottgleich. Und deshalb war auch alles, was dort geschah, richtig.

hessenschau.de: Wir sprechen hier von der Zeit Mitte/Ende der 60er-Jahre, in der die Nachwirkungen der Nazi-Zeit auch im Erziehungswesen präsent waren. Glauben Sie, Ihre Erfahrungen hatten damit zu tun?

Schmidt: Ja, ganz entscheidend. Man weiß heute auch, dass Leiter von diesen Heimen zum Teil alte Nazis waren, die schon im Dritten Reich "pädagogisch gewirkt" haben. Viele Mechanismen stammten aus der Nazi-Ideologie. Ein Kind hatte im Grunde kein eigenes Menschenrecht.

hessenschau.de: Drei Jahre nach der ersten Kur haben sie noch eine zweite gemacht, in St. Peter-Ording. Dort ging es Ihnen insgesamt besser, aber als Sie versucht haben, von dort aus einen Brief nach Hause zu schicken, hat das nicht geklappt.

Schmidt: Stimmt, ich wollte meinen Eltern schreiben, dass es keinen Kaffee gab und dass ich Heimweh hatte. Der Brief wurde nicht abgeschickt. Stattdessen diktierte der Heimleiter – wir nannten ihn den "Chef" - einen neuen Brief, in dem stand: "Das Essen ist sehr gut, mir gefällt es hier sehr gut, ich habe kein Heimweh mehr."

hessenschau.de: Auf der Verschickungsheime-Seite liest man gerade zu St. Peter-Ording unvorstellbare Geschichten: von Kindern, die bei Durst kein Wasser bekommen und deshalb aus der Kloschüssel trinken, die mit dem Handfeger verprügelt werden oder ihr eigenes Erbrochenes essen müssen, die nach der Kur anfangen, sich wieder einzunässen…

Schmidt: Als ich das gelesen habe, wurde mir klar, wie wichtig es ist, nicht mehr zu schweigen. Ich finde es absolut notwendig, dass wir uns als Gesellschaft damit auseinandersetzen, was letztlich Millionen Kindern geschehen ist.

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Verschickungskinder in Hessen

Willi Schmidt setzt sich gemeinsam mit zwei weiteren Betroffenen dafür ein, die Geschichte der "Verschickungskinder" bekannt zu machen und Betroffene miteinander zu vernetzen. Sie haben ihre Geschichten auch vor kurzem in der Oberhessischen Presse geschildert. Betroffene aus Hessen können unter verschickungsheime-hessen@mail.de Kontakt aufnehmen.

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hessenschau.de: Trotz der vielen Betroffenen ist das Thema erst vergangenes Jahr bundesweit so richtig bekannt geworden. Haben Sie in den vergangenen Jahrzehnten mal mit Menschen gesprochen, die ähnliches erlebt haben?

Schmidt: Nein, ich dachte immer, dass nur ich das so schlimm fand, weil ich so sensibel war. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich erkannt habe, dass es ganz viele andere Betroffene gibt. Warum das gesellschaftlich nie an die Öffentlichkeit gekommen ist, ist mir rätselhaft. Man dachte vielleicht: Es waren ja nur sechs Wochen. Aber auch in dieser Zeit kann man Traumata erleben.

hessenschau.de: Was wünschen Sie sich, sollte die Gesellschaft aus Ihren Erfahrungen und aus denen der anderen Kinder lernen?

Schmidt: Das Wichtigste ist, dass erzählt wird – und dass geglaubt wird. Erwachsene glauben viel zu selten solche Geschichten von Kindern, das kennt man ja auch von Fällen sexuellen Missbrauchs. Außerdem wünsche ich mir, dass vielleicht mal eine Entschuldigung von politisch Verantwortlichen kommt, von kirchlichen Einrichtungen, von Trägern dieser Heime. Auch wenn die heute handelnden Personen selbst nicht die Schuld tragen.

Die Fragen stellte Bodo Weissenborn.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 10.08.2020, 19.30 Uhr