hr-Reporter Heiko Schneider im Gespräch mit Bilal M.

Ein Jahr ist seit dem rassistischen Attentat von Wächtersbach vergangen. Das Opfer, der Eritreer Bilal M., lebt bis heute in Angst. Er denkt darüber nach, Deutschland zu verlassen.

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Bilal M. sitzt auf einer Gartenbank im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses. Der junge Mann mit den dunklen Locken trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Bilal M. ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann. Er spricht kaum, nur wenige Worte und die sehr leise. Wie es ihm geht? "Schlecht“, antwortet er. "Ich kann nicht schlafen." Und tatsächlich: Bilal M. wirkt müde. Mehrmals in der Nacht wache er auf vor Schmerzen - im Kopf, dem Bauch und im Rücken.

Seine Erinnerung an den Anschlag

Bilal M. wurde vor einem Jahr angeschossen. In Wächtersbach, auf offener Straße aus einem Auto heraus. Der heute 27-Jährige erzählt, er habe den Morgen in einem Ausbildungszentrum verbracht - um seine Chancen auf einen neuen Job und sein Deutsch zu verbessern. In der Mittagspause sei er zu Fuß auf dem Weg nach Hause gewesen, als vor ihm ein Auto hielt. "Und dann kam jemand im Wagen", beschreibt er im hr-Interview. "Und dann: geschossen."

M. erklärt, er habe den Schützen Roland K. nicht gesehen. Gesagt habe der auch nichts. Zumindest habe M. nichts gehört. "Nur die Pistole", erinnert er sich. Die erste Kugel streifte seinen Kopf, dreimal zielte Roland K. auf den Bauch seines Opfers. Sechsmal schoss K. nach Angaben der Ermittler insgesamt.

Schütze tötet sich nach der Tat selbst

Bilal M. rannte nach eigenen Angaben nach den Schüssen davon. An einem Firmengelände fand er Hilfe: Arbeiter riefen den Notarzt. Bilal M. rief seine Frau an und bat sie, seine Krankenversicherungs-Karte ins Krankenhaus zu bringen. "Ich hatte mein Portemonnaie zuhause vergessen." Bilal M. wurde leicht am Kopf und schwer am Bauch verletzt. Eine Notoperation rettete ihm das Leben.

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Der Schütze Roland K. prahlte kurz nach den Schüssen auf Bilal M. mit seiner Tat in seiner Stammkneipe und tötete sich anschließend selbst. Die Polizei fand bei ihm einen Abschiedsbrief. Darin wird deutlich, dass der 55-Jährige eine rechtsradikale Gesinnung hatte.

Anschlag in Hanau zerstört berufliche Pläne

Kurz nachdem Bilal M. das Krankenhaus verlassen durfte, verließ er auch Wächtersbach. Mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter zog er nach Hanau. Hier habe der 27-Jährige eine Bäckerlehre beginnen wollen, doch der rassistische Anschlag vom 19. Februar, bei dem ein Deutscher gezielt neun Menschen mit ausländischen Wurzeln tötete, machte seine Pläne zunichte. Für Bilal M. sei das "sehr, sehr schlimm" gewesen. "Ich habe jetzt auch mehr Angst." So traue er sich nicht mehr alleine in der Dunkelheit aus dem Haus. Die Bäckerlehre ist damit unmöglich.

Und in Wächtersbach? Wenige Tage nach der Tat hatte es eine Demo gegen Rechts gegeben. Danach wurde es auffällig ruhig um das Thema Rassismus in Wächtersbach - sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung. Das hat auch Stephan Siemon beobachtet. Er betreibt in Wächtersbach eine Buchhandlung und Wächtersbacher Diskussionsgruppen bei Facebook. "Man hat schon versucht, relativ schnell das Thema zu verdrängen. Es wird jetzt in der Öffentlichkeit versucht, ganz still damit umzugehen."

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Zum Jahrestag des Mordanschlages von Wächtersbach lädt das "Bündnis gegen rechten Terror Hessen" am 22. Juli, 19 Uhr, zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz.

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Und so hatte die Stadt zum Jahrestag des Attentats ursprünglich keine Gedenkveranstaltung geplant. Erst nach Anfragen des Hessischen Rundfunks lud Bürgermeister Andreas Weiher (SPD) die politischen Fraktionen der Stadt und die lokale Presse am Dienstag zu einem stillen Gedenken am Tatort ein. Dort wies Weiher die Vorwürfe zurück: "Wir haben ganz bewusst gesagt: Wir wollen an diesem Jahrestag in Erinnerung rufen und mahnen in die Zukunft", so Weiher. "Und es spricht doch Bände, dass wir das autark machen, ohne einen Druck von außen von wem auch immer."

Ob Eigeninitiative oder nicht - Bilal M. lebt weiter in Angst. "Ich habe Angst", sagt er. "In Deutschland bleiben? Keine Ahnung! Das ist nicht gut. Ich muss weg aus Deutschland." Konkrete Pläne gebe es aber nicht. Denn eigentlich, sagt er, gefalle es ihm hier.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 22.07.2020, 19.30 Uhr