Ein Aktivist hat seine Hand in einem Betonklotz, umringt von Polizisten

Vor genau einem Jahr begann einer der größten Polizeieinsätze in Hessen: die Räumung von Waldgebieten für den A49-Ausbau. 2.000 Polizisten pro Tag holten zwei Monate lang Demonstranten aus Herrenwald und Dannenröder Forst. Ein paar von ihnen sind bis heute vor Ort geblieben. War ihr Protest umsonst?

Audiobeitrag

Audio

Audioseite Ein Jahr nach Räumungsbeginn im Herrenwald und Dannenröder Forst

Schneise im Dannenröder Forst bei Homberg (Ohm)
Ende des Audiobeitrags

Wo vor einem Jahr noch hunderte Aktivisten in Baumhäusern im Dannenröder Forst waren, sind jetzt die Bagger unterwegs. Der Bau für das letzte Stück Autobahn zwischen Kassel und Gießen läuft nach Plan, wie die zuständige Firma Deges auf Anfrage mitteilt. Im Herbst 2024 soll die A49 fertig sein.

Der Aktivist, der sich nur Zeder nennt, will das noch irgendwie verhindern. Der 27-Jährige war schon voriges Jahr bei den Besetzungen dabei. Er ist einer von rund 20 Ausbaugegnern, die bis heute in Dannenrod leben, einem Stadtteil von Homberg (Ohm) im Vogelsberg - nur wenige hundert Meter von der Großbaustelle entfernt.

Aktivist "Zeder" auf dem Gemüsebeet der Ausbaugegner

An manchen Tagen kann er es kaum aushalten, wie er erzählt: das, wogegen er über ein Jahr lang gekämpft hat, jetzt Tag für Tag zu sehen und den Baulärm zu hören. Meist versucht er sich aber lieber auf den Gemüsegarten zu konzentrieren, den er mit den verbliebenen Ausbaugegnern angelegt hat, gerade erntet er eine Zucchini: "An Tagen, wo hier viel voran geht, da ist die Baustelle auch nur Hintergrundgeräusch."

Aktivisten wollen altes Gasthaus kaufen

Die Aktivisten haben in Dannenrod ein altes Gasthaus gemietet, das sie für rund 230.000 Euro kaufen wollen. Bezahlen wollen sie es vor allem durch Spenden. In dem Haus veranstalten die A49-Ausbaugegner Workshops, dort planen sie auch Protestaktionen.

Aktivistin "Dino" sitzt auf einer Wiese in Dannenrod

"Es fühlt sich irgendwie falsch an zu sagen, wir gehen, nur weil die Bäume weg sind", sagt eine 23-Jährige mit dem Aktivistennamen Dino. "Wir stehen ja nicht nur für diese Bäume und gegen diese eine Autobahn ein, sondern für eine ökologische Revolution."

Jahrzehntelanger Streit um die A49

Die A49 soll Kassel und Gießen auf einem schnelleren Weg miteinander verbinden. Das wurde seit Jahrzehnten geplant. Doch immer wieder gab es Streit, wo die Strecke genau entlang führen soll. Zu bauen ist noch das letzte Stück, von Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) im Norden bis zum Anschluss an die A5 im Süden. Das führt unter anderem mitten durch den Dannenröder Forst. Hier mussten dafür 27 Hektar mit zum Teil sehr alten Bäumen weg. Der Ausbau wurde vom Bund so beschlossen und ist höchstrichterlich abgesegnet.

Verlauf A49

Dennoch reisten im vergangenen Jahr tausende Aktivisten an, um die bevorstehenden Rodung eines Teils des Waldes zu verhindern. Manche hatten sich monatelang auf den Bäumen verschanzt. Bis in den Dezember hinein holte die Polizei einen Waldbesetzer nach dem anderen aus den Baumhäusern.

Viele Verfahren gegen Aktivisten

Rund 2.000 Beamte waren zur heißen Phase der Räumung und des Widerstands dagegen täglich im Einsatz im Forst, wie sich Guido Rehr erinnert, der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen: "Das ist natürlich heute nicht mehr so. Wir haben stark reduziert. Wir sind aber immer noch mit ausreichend Polizeikräften vor Ort."

Auch Staatsanwaltschaften in ganz Deutschland haben noch mit den Proteste zu tun. 450 Straftaten und 1.550 Ordnungswidrigkeiten wurden während der Hochphase registriert. Viele Verfahren laufen noch. Die Kosten alleine für die Räumung betrugen rund 31 Millionen Euro.

Aktivist: "Protest war nicht umsonst"

In Dannenrod mit seinen rund 170 Einwohnern ist es inzwischen wieder so ruhig wie vor den Protesten. Weiterhin gibt es A49-Befürworter, die sich eine schnellere Anbindung versprechen, aber auch Gegner der Autobahn, denen das Projekt immer unheimlicher wird. Der 20-jährige Leonard Morneweg sagt, nun zeige sich, wie nah am Ort die Trasse verlaufe. Die große Autobahn in direkter Nachbarschaft werde man auf jeden Fall zu spüren bekommen.

Videobeitrag

Video

zum Video Flug über die Baustelle im Dannenröder Forst

Überflug Baustelle Dannenröder Forst
Ende des Videobeitrags

Trotz aller Bedenken: Die Bäume im Dannenröder Forst sind gefällt, die A49 wird gebaut. Trotzdem sei der Protest nicht umsonst gewesen, meint Aktivist Zeder: "So viele Menschen haben hier etwas gelernt, haben Utopien ausprobiert, um anders zu leben, auch wenn es nur für ein paar Monate war." Auch wenn sie den Kampf gegen die Rodung im Dannenröder Forst verloren haben: Die Aktivisten wollen weiterkämpfen, für eine grundlegend andere Verkehrspolitik.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen